111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue

Foto: S. Fischer Verlag

Anmut und Eitelkeit

Gescheit analysiert und genüsslich zelebriert: Martin Seel, Professor für Philosophie, verfasst eine moderne Charakterkunde.

Jedem menschlichen Vorzug [...] wohnt eine Tendenz zur Abirrung vom Pfad der Tugend, fast jedem Laster ein Impuls zum Abbiegen auf ihn inne." So alt geschult spricht der 57-jährige Philosoph Martin Seel im Anhang des unterhaltsamen Buches, um sich andernorts als lockerer Plauderer zu präsentieren.

Schon der Buchtitel "111 Tugenden, 111 Laster" mit dem legeren Zusatz "Eine philosophische Revue" lässt Überraschendes erwarten. Zumal es sich nicht um 222 Einträge handelt, sondern nur um 111 - Tugenden und Laster sozusagen dialektisch ineinander verwoben und in einer durchnummerierten, assoziativ geordneten Abfolge dargeboten. Die Anmut steht bei der Eitelkeit, Nächstenliebe bei Freiheit, die Bewunderung beim Neid. Da kann man einfach loslesen, kreuz und quer oder die Einträge einen nach dem anderen - mal sehen, wen es so trifft unter den Nachbarn, Freunden, Kollegen; Onkeln, Tanten, Angetrauten!

Nehmen wir das Stichwort Nr. 19, die Pünktlichkeit - zweifellos ein Begriff aus der Tugendecke. Ein Satz daraus zur Einstimmung? "Die Überpünktlichen gehen ihren Mitmenschen auf die Nerven, weil sie ihnen das bisschen Zeit stehlen, das ihnen geblieben wäre, um sich gegen die Ankunft selbst ihrer Freunde zu wappnen." Dass in diesem Zusammenhang auch die Unpünktlichen abgebügelt werden, setzt man voraus. Aber die Pünktlichen? Zumindest werden sie vom Autor prophylaktisch gewarnt: vor Überlastung! Ja, so viel Mitgefühl bringt ein Philosoph auf.

In Nr. 20 befasst er sich mit der Genauigkeit und entdeckt auch an ihr finstere Seiten, sodass er kurz und bündig resümieren kann: "Perfektion ist gut, Gelingen ist besser." Eindeutig zu den Lastern gehört die Faulheit; das sprichwörtliche "faule Schwein" weiß ganz genau, dass es gemobbt gehört. Aber was Wunder - im Buch findet es Schutz. Weiß nämlich der Delinquent Mühe und Faulheit elegant zu dosieren, wird er von Seel glatt zum Tugendritter geschlagen ...

Das alles ist so unterhaltsam wie einleuchtend, und der lebenserfahrene Leser folgt dem Autor gern in die Abgründe seiner scharfsinnigen Charakter(!)-Analysen.

Nur dass Martin Seel sein Buch mit der Empfehlung einleitet, es sich "als eine Art Musical" vorzustellen oder von einer "frivolen Choreographie des Stücks" spricht, ist gewagt; erst recht, wenn er die theatrale Idee konsequent verfolgt und den philosophiegeschichtlichen Teil in Kapitelüberschriften wie "Das Programmheft" oder "Besetzungsliste" münden lässt. (Erkenntnisse aus Nr. 20 ignoriert?)

Sei's drum, die seriösen historischen Herleitungen zum Thema werden von dieser Formspielerei nicht beeinträchtigt, sie sind unverzichtbar in ihrer Bildungsdichte und trotzdem kurzweilig zu lesen.

 

Martin Seel: "111 Tugenden, 111 Laster. Eine philosophische Revue"
S. Fischer Verlag
384 Seiten
18,95 Euro
ISBN 978-3-10-071011-6

 
erschienen am 02.02.2012 ( Von Karin Klis )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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