Vor der Schrift

Foto: Plöttner

Rückschau auf unkonkrete Zeiten

In dem Buch "Vor der Schrift" erzählt Jan Kuhlbrodt von seiner Kindheit, von Karl-Marx-Stadt und von Erkenntnis.

Vor der Schrift. Was soll einer über seine Zeit vor der Schrift schreiben? Wo doch sie aufzuschreiben, ein so paradoxer Zugang für eine Welt ohne Schrift scheint. Jan Kuhlbrodt zerschlägt den gordischen Knoten in der Rückschau und legt mit "Vor der Schrift" ein Buch vor, das leichtfüßig zwischen Erzählung und Essay, zwischen Erwachsenendasein und Kindheit, zwischen Karl-Marx-Stadt und Chemnitz wandelt.

Ein wenig unbestimmt setzt Kuhlbrodts Buch am Beginn seiner bewusst erlebten Kindheit ein. Etwa 1970 muss das gewesen sein. Da lebte er mit seinen Eltern in einem feuchten Altbau auf dem Sonnenberg und sammelte metallene Zahnräder im Innenhof. Drei bis vier Seiten mehr braucht das Buch nicht, um den Leser in diese Welt hineinzuziehen. Dort erfährt er zur erwachsenen Erinnerung gleichsam den Prozess der Erkenntnis des Heranwachsenden.

Hier liegt die Kunst des Autors, der seine Erlebnisse als Kind derart beschreibt, dass jeder unmittelbar zurückgeworfen wird in diesen Bewusstseinszustand vor der Schrift. Darin wird Jan Kuhlbrodts Buch durchaus sprachphilosophisch, wenn er beschreibt, wie das Dingliche der Welt im Sprachlichen nicht festgehalten wird, sondern als Konzept erst mit dem Wort entsteht. Und wie die Schrift, die das Kind noch nicht kennt, letztlich konkret und unverrückbar macht, was zuvor noch Spielraum in seiner Vorstellung hatte.

"Vor der Schrift" nimmt die Leser mit durch die Etappen von Kuhlbrodts Kindheit, die stets mit den Wohnorten verknüpft sind, die er durchlief, und mit den Bezugspersonen, die er kannte. Das ist es, worum sich ein Kinderuniversum dreht. Greifbares, Orte und Menschen. Ergänzt durch die Selbstreflexion und Weltanschauung des heute Zurückblickenden, entstand ein Buch, das man fast ein wenig weise nennen möchte, wenn es das recht junge Alter des Autors nicht verböte. Mindestens darf es jedoch als schön beschrieben werden. Schön in seiner melancholischen Sehnsucht nach dem Unverfänglichen einer Kindheit, in der Freude schnell aufkommen kann und Sorgen schnell verfliegen können. Schön in der Leichtigkeit seiner Sprache, die der starken Bildhaftigkeit einen subtilen Humor beistellen.

Auch wenn Jan Kuhlbrodt von vielleicht problematischen Zeiten in einem problematischen System berichtet, schrieb er kein problematisierendes Buch. Wie die Halbsätze der Erwachsenen für den kleinen Jan Geheimnisse bargen, die er zwar als sinnschwangere Geheimnisse erkannte, aber deren Inhalt er nicht entschlüsseln konnte, so birgt auch das Buch in seinen Halbsätzen diese Geheimnisse, die sein Leser erahnen und interpretieren darf. Aber wissen wird er wohl nie, wer "die Männer" waren und was sie beredeten, wenn sie sich im Zimmer am fünfeckigen Flur des Urgroßvaters trafen. Darin darf dem Buch vielleicht Harmlosigkeit vorgeworfen werden. Aber sein Wert liegt nicht in hineingeschriebener Brisanz, sondern in einer Feinsinnigkeit, die es getrost als literarisches Kleinod bezeichnen lässt.

 

Jan Kuhlbrodt: "Vor der Schrift"
Plöttner Verlag.
165 Seiten.
19,90 Euro.
ISBN 9783938442982.

 
erschienen am 17.03.2011 ( Von Michael Chlebusch )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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