Menü

Themen:

 
Lichte Pastelltöne und braune Cord-Jacke: Xavier Naidoo bei einem Konzert in Hamburg.

Foto: Malte Christians, Angelika Warmuth/dpa

Deutsches Reich? Null Punkte!

Der Sänger Xavier Naidoo wurde von der ARD dazu bestimmt, Deutschland beim Eurovision Song Contest 2016 zu verteidigen. Eine Entscheidung, die dem Sender sofort jede Menge Kritik eingebracht hat - aus guten Gründen.

Von Stephan Urbach
erschienen am 19.11.2015

Mannheim/Berlin. Sowohl mit seiner Band "Söhne Mannheims" als auch als Solokünstler hat Xavier Naidoo in Deutschland Millionen Platten verkauft. Fast jeder hat schon die Zeilen "Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer" aus seinem Hit "Der Weg" von 2005 gehört und vielleicht auch leise mitgesungen.

Das ist eine seiner Persönlichkeiten. Eine andere dagegen singt 2014 im Song "Raus aus dem Reichstag": "Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel/Der Schmock ist'n Fuchs und ihr seid nur Trottel". Dieser andere Naidoo ist es auch, der auf Demos für den Frieden auftritt und dann davon schwadroniert, dass Deutschland keinen Friedensvertrag habe, noch immer besetzt sei und dass das Deutsche Reich noch immer existiere. Geht es nach dem Willen der ARD, soll Xavier Naidoo nun Deutschland beim Eurovision Song Contest offiziell vertreten. Was die Frage aufwirft: Welcher denn?

Schmusen und hassen

"Schmock" ist ein jiddisches Wort für jemanden, der sich durch arrogantes, leeres Dahergerede ebenso wichtig wie unbeliebt macht. "Totschild" darf man dagegen als Anspielung auf die jüdische Bankiersfamilie Rothschild verstehen, der Verschwörungstheoretiker Weltherrschaftsambitionen gern nachsagen. Wenn man Naidoo allerdings darauf anspricht, dass er damit Sachen von sich gibt, die ganz klar antisemitisch sind, dann wird er ziemlich sauer und verklagt gerne auch mal Menschen, die sich mit dem Thema anscheinend mehr auseinandergesetzt haben als er - nur um vom Gericht feststellen zu lassen, dass er (Naidoo) zwar kein Antisemit sei, aber seine Texte durchaus als antisemitisch bezeichnet werden können. Das ist perfide, aber der ARD scheint dieser feine Unterschied zu reichen.

Der Unterhaltungschef des Senders, Thomas Schreiber, verteidigte sich am Donnerstag die Wahl Naidoos so: "Wenn er singt, geht für mich die Sonne auf." Der Star, so befindet er, sei nicht rechtspopulistisch. Und darüber hinaus sei er auch nicht homophob. Dieser Vorwurf gegen Naidoo war laut geworden, als er 2012 zusammen mit dem Rapper Kool Savas einen Track herausgebracht hatte, in dem er eine der vermeintlich wichtigsten Fragen des deutschen Mannes stellt: "Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?"

Einen starken Führer statt schwule Männer wünscht der Star sich demnach. Aber Xavier Naidoo fällt nicht erst seit Kurzem mit kruden Theorien, hasserfüllten Aussagen gegen jüdisches Leben und offenem Nationalismus auf. Seit spätestens 2010 haben Musikzeitungen immer wieder auf entsprechende Texte hingewiesen, haben klar gemacht, dass in ihrer Subkultur kein Platz dafür ist.

Doch mit den Verkaufszahlen im Mainstream scheint das Publikum eher zu sagen: Doch, wir mögen das! Das Gefährliche daran ist, dass Naidoo als souliger Schmusesänger diese Botschaften, die er auf seinen Platten, bei Konzerten und in Interviews in sanfte, salbungsvolle Töne kleidet, die sich aus seinem gottgefälligen, sanften Image der letzten Jahre speisen, von den großen Bühnen der Republik meist recht unwidersprochen in die Fernsehkameras sagen kann - viele Menschen hören vor allem die netten, versöhnlichen Melodien.

Dabei ist dem Sänger schon gelegentlich in Interviews seltsames Gedankengut herausgerutscht. 2011 etwa im ARD-Morgenmagazin, wo er eigentlich seine neue Single "Freiheit" bewerben wollte und durfte. Auf die unkritische Stichwort-Frage, ob er sich in Deutschland denn frei fühle, polterte der katholisch erzogene Sohn eines indisch-deutschen Vaters und einer südafrikanisch-irischen Mutter plötzlich: "Aber nein, wir sind nicht frei, wir sind immer noch ein besetztes Land! Deutschland hat noch keinen Friedensvertrag und ist dementsprechend auch kein echtes Land und nicht frei." Thesen, die vor allem sogenannte "Reichsbürger" vertreten, mit denen sich Naidoo auch später auf Demonstrationen gemein machte: Dort leugnet man mal eben die Existenz der Bundesrepublik als Rechtsstaat und akzeptiert weder ihre gesetzlichen Organe noch ihre Steuerforderungen.

Deutschland? Besetzt!

Diesen Mann will die ARD nun also zum ESC schicken. Zu jenem Wettbewerb also, bei dem vor eineinhalb Jahren der österreichische Travestiekünstler Tom Neuwirth alias Conchita Wurst zur Siegerin erkoren wurde und damit ein Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz setzte. Musik ist politisch, Popmusik allemal. Der ESC ist schon lange eine politische Veranstaltung, bei der es bestenfalls am Rande um Musik geht. Im günstigsten Fall sieht es also so aus, dass die ARD diese Dimension verkennt, diese Wirkmacht des ESC in Europa: Aber Schreiber ist sich ja auch sicher, dass Naidoo "seit Langem für Werte wie Frieden, Toleranz, Liebe" stehe. Zwischen empörtem Protest und Spott schwankte daher die Reaktion am Donnerstag im Internet: "Seine Fans würden ja gerne für Naidoo anrufen, aber Deutschland ist noch besetzt", twitterte Felix Schulz. Die Rostocker Schauspielerin Anne Helm schrieb: "Wisst ihr noch Guildo Horn? Hättet ihr gedacht, dass ihr ihn euch mal so schmerzlich zurückwünschen würdet?" Mir bleibt derzeit nur die Hoffnung auf das Ergebnis: Deutsches Reich? 0 Punkte!

Der Autor Stephan Urbach war Mitglied der Netzaktivisten-Gruppe "Telecomix" und Piraten-Politiker. Soeben veröffentlichte er seine Autobiografie "Neustart".

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
17
Unsere Empfehlungen für Sie
Kommentare
17
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 21.11.2015
    09:28 Uhr

    Schinderhannes: Ihnen geht es nicht um die Musik und diese Veranstaltung an sich. Ihnen ist der Auftritt eines Mannes beim ESC, welcher am 3. Oktober 2014 eine irre Rede bei der rechtspopulistischen Verschwörungsdemo vor dem Reichstag bei den „Reichsbürgern“ abgehalten hat lieber, als eine „menschliche Gestalt“.
    In welcher Richtung Sie dann die Wörter „diese Menschliche Gestalt“ in Richtung Conchita Wurst meinen, dürfte jedem klar sein. Sie sind ein Mensch welcher, wenn es die Flüchtlinge nicht gäbe, dann andere Menschen aufs Korn nehmen würde, welche nicht in Ihr rechtes arisches Bild passen. „fingerindiewunde“, Sie sind einfach billig.

    2 1
     
  • 20.11.2015
    19:37 Uhr

    Pixelghost: Wenn der ESC läuft kommt hoffentlich die 36. Wiederholung vom Champions League Finale Manchester United gegen Bayern München von 1999.
    Oder ich guck Eisstockschießen.

    0 5
     
  • 20.11.2015
    19:25 Uhr

    Schinderhannes: @ "fingerindiewunde":

    Was verstehen sie im musikalischen Bereich unter "diese menschliche Gestalt"?

    1 0
     
  • 20.11.2015
    18:52 Uhr

    norbertfiedler70: Ach armer Journalismus, wenn man eine Meinung nicht als Kommentar kennzeichnet. Mir ist allerdings nicht ganz klar, was die Diskussionen über die Einstellungen des Sängers überhaupt sollen? Soll ein Sänger beim ESC singen oder ein politisches Statement abgeben? Wenn man alles der eigenen politischen Weltsicht unterordnet und dazu noch von Anderen dasselbe fordert, dann ist das ganz klar totalitär. Wohin totalitäre Gesinnungen über kurz oder lang führen, sollte gerade aus der deutschen Geschichte erkennbar sein - sowohl für die rechte als auch die linke Variante.

    4 5
     
  • 20.11.2015
    15:06 Uhr

    Freigeist14: Dieter Langer:Bisher hielt ich die Reichsbürger und ihre lächerlichen Thesen für ein Gerücht,aber wahrscheinlich trifft man die auch in den Foren der L***npresse.Ich vermute mal,alle Verträge seit Mai 1945 sind nicht rechtskräftig,weil die Unterschrift von Großadmiral Dönitz fehlt.

    4 5
     

 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
Adventstermine im Überblick
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm