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Foto: Tobias Hase/dpa

Feindliche Gewissheit

Der sogenannte "Facebook"-Mord hat die lang schwelende Debatte um den Umgang mit schädlichen Nachrichten im Netz neu entfacht: Wie schafft man es, Betreiber sozialer Netzwerke zu zwingen, derlei schnell und effektiv zu löschen - ohne Freiheiten einzuschränken? Eine Frage, die am eigentlichen Problem vorbeigeht.

Von Tim Hofmann
erschienen am 21.04.2017

Chemnitz. Ein Amerikaner hat gefilmt, wie er einen Menschen ermordet und das Video bei Facebook hochgeladen. Was anderes soll man da verlangen als Regelungen zur vorausschauenden, schnellen Löschung solch unguter Inhalte? Eine Forderung, die erneut aufgreift, was bezüglich "Fake News", also Falschmeldungen, seit Langem als unabdingbar im Raum schwebt: eine Bereinigung des Internets von offenkundig schädlichen Worten, Videos, Gedanken. Sascha Lobo hat unter der Überschrift "Müssen wir uns das anschauen" in seiner aktuellen Kolumne auf "Spiegel Online" ausgeführt, welche praktischen Fallstricke solche Planspiele haben: Menschen sind für derlei Aufgaben zu langsam - Facebook hatte drei Stunden benötigt, um das Video aus seinem gigantischen Datenaufkommen zu fischen. Diese kurze Online-Zeit genügte zur millionenfachen Verbreitung. Rechner-Algorithmen wären sekundenschnell - könnten die nötige ethische Kontextbewertung aber nicht vornehmen. Abgesehen davon: Warum etwa sollte es sinnvoll sein, fiktive Gewaltdarstellungen zum Konsum zuzulassen, die, unter dem Aspekt der Meinungs- und Kunstfreiheit erstellt, hauptsächlich der Unterhaltung dienen - reale Gewalt dagegen, die echte Konflikte zeigt und damit der Auseinandersetzung wesentlich dringender bedürften, auszusperren?

Die Sehnsucht nach einer solchen Lösch-Lösung zeigt in eine ganz andere Richtung: Bemängelt wird damit ja, dass das Mord-Video ungefiltert ins Netz gelangen konnte. Ein bemerkenswertes Eingeständnis: Ist nicht eine Kernforderung unserer Zeit, Informationen vor allem ungefiltert zu bekommen? Genau das macht ja den Wert von Facebook und Co aus: Geboten wird ein permanentes Live-Dabei, ein direkter Zugang zum Ursprung allen Geschehens. Zu Fakten, die Meinung ermöglichen. Gelten "Fake News" nicht deswegen als so gefährlich, weil sie diesen ungefilterten Fluss verzerren?

Das Problem ist: Ohne Filter ist die Wirklichkeit für jeden Einzelnen von uns gar nicht mehr zu erkennen. Auch wenn wir gern das Gegenteil glauben: Meinung bildet sich kaum noch aus Fakten - sondern aus deren Interpretation durch andere Menschen. Menschen, die diese mit Kompetenz zu deuten wissen: Dass falsche Information zu falschen Schlüssen führt, heißt ja nicht, dass richtige Information automatisch die richtigen Zusammenhänge zeigt. Dazu ist die Welt zu komplex - und zwar derart, dass man als Normalsterblicher noch nicht einmal mehr Kompetenz von Inkompetenz sicher unterscheiden kann. Selbst im Alltag: Der Arzt, der Automechaniker, der Anlageberater - wie wir deren Qualität beurteilen, wird ja nur durch unseren Eindruck von ihrer Kompetenz bestimmt, nicht von echten Kriterien. Man benötigt: Vertrauen. Da dieses durch wirkliche Kompetenz kaum noch aufgebaut werden kann, muss es zwangsläufig immer häufiger via Glaube erschlichen werden.

Mit Filtern allein ist es daher nicht getan. Denn jeder "Filteranbieter", sei es nun eine Partei, ein Medium, eine religiöse Gruppe, eine Organisation oder ein Expertengremium, versucht, Gewissheit anzubieten: Sieh die Welt durch unsere Brille, und du siehst sie richtig! Unsere Sehnsucht nach Gewissheit wird so zu unserem wundesten Punkt: Die Annäherung an die Realität, die wirklichen Zusammenhänge der Gesellschaft und des Lebens ist kompliziert und schlummert in der geschickten Zusammenstellung einer Vielzahl von Filtern. Diese muss jeder für sich selbst in möglichst kleine Einzelschritte unterteilen - damit er für jeden Filterschritt wenigstens halbwegs nachvollziehen kann, was dieser liefert.

Das ist in etwa so schwierig, wie sich über die Zusammensetzung der eigenen Lebensmittel genau zu informieren: Hat man dazu keine Kraft, Lust oder Ausdauer, greift man irgendwann zur eingeschweißten Wurstpackung mit der aufgedruckten glücklichen Almkuh - beziehungsweise zum AfD-Parteiprogramm. Man muss nur erfolgreich alle Zweifel daran verdrängen, dass der Inhalt irgendwie anders als fair und gesund in die Folie gekommen sein könnte.

Wir sind deshalb zu Recht misstrauisch, wenn etwa Lobbygruppen Parteien beeinflussen: Das Problem ist nicht, das jemand Interessen vertritt, eventuell auch sehr eindringlich. Sondern, dass man nicht genau erkennen kann, wer wessen Interessen vertritt. Glaube wird da schnell gefährlich. Einziges Gegenmittel ist die ständige Falsifizierung, die die Gewissheit zum Feind erklärt: Nur, was sich in ständigem Widerlegungsversuch stabil bewährt, darf als Wahrheit gelten - vorläufig. Das Schwierige dabei ist, dass man Filter heute überall benötigt. Selbst von so etwas verzichtbar Simplem wie dem Angebot an Unterhaltungs-Fernsehserien kann sich kein Mensch, der sich nebenbei auch noch mit etwas anderem beschäftigt, einen zur umfassenden Meinungsbildung nötigen Überblick verschaffen - benötigt eine von anderen getroffene Vorauswahl.

Doch wie kann ich prüfen, ob Vertrauen gerechtfertigt ist? Wem gestatte ich, für mich Fakten vorzusortieren? Das dürfen wir nicht einfach Facebook überlassen. Der Kirche. Der Zentralbank. Oder einer Partei. Jeder von uns braucht den freien Zugang zur Welt, auch wenn er uns hässliche Mordvideos zeigt. Und jeder freie Mensch muss sich ein eigenes System aus gut durchdachten, immer wieder neu justierten persönlichen Filtern installieren, die ihn so nah wie möglich an die Realität heranführen. Wir sind selbst verantwortlich.

 
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Onkel-Max-Frage
Welche Städte Sachsens sind die Größten?
Onkel Max
Tomicek

Welches sind die größten Städte in Sachsen? Ich meine hiermit nicht die Einwohnerzahl, sondern die Fläche und würde dabei behaupten, dass unser Marienberg einen der vorderen Plätze belegt. (Diese Frage hat Rolf Ziola aus Marienberg gestellt.)

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