Werbung/Ads
Menü

Themen:

Was sagt uns Kunst? Marc (Philipp von Schön-Angerer), Yvan (Christian Ruth) und Serge (Marko Bullack, von links) streiten!

Foto: Dieter Wuschanski/Theater

Wenn Freunde zu Schnöseln werden

Die "Kunst" von Yasmina Reza wird am Theater Chemnitz als unterhaltsames Wortgefecht ausgekostet. Ist da nicht mehr?

Von Marianne Schultz
erschienen am 20.03.2017

Chemnitz. Serge kauft ein modernes Bild: Er liebt den Künstler, er schätzt seinen Marktwert sehr hoch ein, also präsentiert er stolz seinen sündhaft teuren Kauf - ein weißes Bild mit weißen Streifen. So ein Mist? In Yasmina Rezas Stück "Kunst" dreht sich die Spirale der Wortgewalt immer heftiger und sehr zum Entzücken des Publikums am Chemnitzer Schauspiel, wo die Premiere am Samstag gut gelaunt beklatscht wurde. Aber 80 Minuten Verbalschlacht über menschliche Abgründe und Erkenntnisse rund um eine Männerfreundschaft reichen dann auch.

Der Gegenstand des Stücks ist komplex wie das Leben - und die Biografien wie Vorurteile der drei Freunde Marc, Serge und Yvan. Nicht jeder der drei steht auf der Gewinnerseite, glauben die anderen, die sich freilich auf der sicheren Seite wähnen. Nicht einmal die moderne Malerei spielt die Hauptrolle in diesem klugen Stück - sie ist nur Anlass dafür, Ungesagtes unter dem Teppich hervorzukehren. Viel Erkenntnis, nicht immer nützlich, drängt ans Licht, und letztlich steht die große Frage im Raum, ob sie, da sie nun alles voneinander wissen, wohl Freunde bleiben werden?

Denn mit jeder Runde Redeschlacht wird ein neues Fass aufgemacht. Mal ist die zu heiratende Frau von Yvan das Opfer, dann die Gattin von Marc, die Serge noch nie wirklich leiden konnte. Und immer tun sich zwei zusammen gegen den Dritten. Die Versöhnung währt aber nur kurz für die Schnappatmenden, dann geht der Streit von vorn los. Auf Verbalattacken folgen tätliche Angriffe. Zum Höhepunkt wird das Baguette zur Waffe, bei einer Kissenschlacht fliegen die Fetzen.

Es ist eine Herausforderung für die Regie von Alexander Flache, diesen eskalierenden Streit, diese prasselnden Texte ohne nachlassende Spannung auf die Bühne zu bringen. Er begegnet ihr frontal mit klarer Linienführung. Die Bühne in Schwarz, das Streitobjekt ist mit weißen Bahnen angedeutet. Zu den aufeinanderprallenden Meinungen gesellt sich nicht viel: ein Blumentopf, ein Baguette.

Das könnte leicht öde werden - wäre da nicht als Vermittler der bunte, leicht sperrige, naive wie liebenswerte Yvan, der nicht so recht in die sterile Modernität der Snobs passen will. Ihn plagen Zukunftsängste, weil er einer ungeliebten Arbeit im Papierladen nachgeht. Christian Ruth transportiert in dieser Rolle das eigentliche Drama, denn es bleibt offen, ob dieser verhuschte, wenig intellektuelle Mann seine schlauen Freunde auch künftig mit vermittelnder Liebenswürdigkeit beeindrucken kann: Ja, Kinderfreundschaften können auch auseinanderbrechen, wenn Freunde zu Schnöseln werden.

Philipp von Schön-Angerer spielt dagegen als Marc recht sicher auf der Klaviatur des Kumpeltyps, der gefährlich demagogische Züge annehmen kann. Der Figur bekommt diese Tiefe recht gut. Ebenso überzeugt Marco Bullack mit seinem Kunstfreund Serge als ein feinnerviger Ästhet, dem der Blick aufs Grobe abhanden gekommen ist.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Lesen Sie auch:
 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm