Vereinsmitglied Ulrich Oehler arbeitet im Eisenbahnmuseum am Führerhaus der museumseigenen Dampflok 503648-8 (hinten), die auf ihre überfällige Hauptuntersuchung vorbereitet wird. 
Vereinsmitglied Ulrich Oehler arbeitet im Eisenbahnmuseum am Führerhaus der museumseigenen Dampflok 503648-8 (hinten), die auf ihre überfällige Hauptuntersuchung vorbereitet wird.

Foto: Andreas Seidel/Archiv

"Alle Karten auf den Tisch"

Die Notlage des Eisenbahnmuseums lässt auch die Stadträte nicht kalt

Chemnitz. Die Nachricht, dass das Sächsische Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf aus finanziellen Gründen bis Ostern Zwangspause machen muss, bewegt nicht nur viele Eisenbahnfreunde, sondern auch Stadträte. Vertreter mehrerer Fraktionen waren sich am Freitag auf Anfrage von "Freie Presse" einig, dass das Museum Hilfe braucht. Zur Lösung der Probleme gab es derzeit noch unterschiedliche Vorschläge.

"Mit seiner hohen überregionalen Ausstrahlung und als Imageträger für die Stadt hat das Eisenbahnmuseum mehr Förderung verdient", meint Thomas Lehmann (Grüne). Ihn ärgere schon lange, dass es von der Stadt einen geringeren Anteil von seinem Gesamtbudget als Zuschuss erhalte als andere, ebenfalls von Vereinen betriebene Museen in Chemnitz. "Die Stadt muss eindeutig bekennen, ob sie das Museum will oder nicht, und wenn sie es will, auskömmlich fördern wie andere Einrichtungen auch", so Lehmann.

Wolfgang Lesch (FDP), selbst Eisenbahner und zudem Mitglied des Fördervereins der Parkbahn, erwartet dagegen als Voraussetzung für finanzielle Hilfen zunächst völlige Offenheit der Museums-Verantwortlichen. "Alle Karten müssen auf den Tisch, wie das Museum in den vergangenen Jahren mit den erhaltenen Fördergeldern umgegangen ist", fordert er. Von der Parkbahn wisse er, dass dort rechtzeitig Geld für teure Fahrzeug-Hauptuntersuchungen zurückgelegt wird, die das Eisenbahnmuseum als einen Grund seiner Probleme anführt. Auch die seit Jahren bestehenden internen Querelen zwischen dem Trägerverein des Museums und dessen früherem Förderverein würden die Bereitschaft zur Hilfe dämpfen, so Lesch.

Hubert Gintschel (Die Linke) schätzt gleichfalls ein, dass der tiefe Graben zwischen beiden Hilbersdorfer Eisenbahnvereinen Unterstützung erschwert. Unter der Voraussetzung, dass die Zwistigkeiten überwunden werden, hält er Hilfe für das Museum jedoch für unerlässlich. "Die Stadt wird das aber nicht allein können", sagt Gintschel. Für die beste Lösung hält er deshalb eine Einbeziehung des Eisenbahnmu- seums in den Zweckverband der Industriemuseen. "Mit dem Zweckverband und Hilfe vom Land lässt sich etwas aus dem Museum machen."

Axel Brückom (SPD) stört die Zweigleisigkeit der Hilbersdorfer Eisenbahn-Enthusiasten ebenfalls. Es sollte unbedingt versucht werden, dem Museum zu helfen, das überregional bedeutsam sei und fehlen würde, wenn es wegfällt, sagt er. Seiner Meinung nach sollte die Stadt vor allem organisatorische und logistische Hilfe anbieten. "Geld steht an zweiter Stelle", so Brückom.

Von der Bahn AG in Leipzig, wo "Freie Presse" ebenfalls nach Hilfe für das Eisenbahnmuseum fragte, hieß es, die Situation werde geprüft.

 
erschienen am 30.12.2011 ( Von MIchael Brandenburg )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
4
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  • 03.01.2012
    05:43 Uhr

    Neusachse: Im Grunde liegen einige der Ursachen für die Schieflage des SEM in Chemnitz-Hilbersdorf weit außerhalb der Stadt. Denn es ist beileibe nicht die einzige Einrichtung dieser Art in Sachsen mit existenziellen Nöten. Es fehlt sowohl von politischer als auch von denkmalpflegerischer Seite eine klare Linie zum Umgang mit derartigem Kulturgut und der Vielzahl derartiger Einrichtungen im Freistaat Sachsen. Es fehlen klare Finanzierungskonzepte sowohl von kommunaler als auch von Landesseite. Es fehlen klare inhaltliche Konzepte, um die Vielzahl der im Freistaat vorhanden Einrichtungen dieser Art auf einen vernünftigen (und finanzierbaren!) Nenner zu bringen. Eine tragende Rolle müsste in dieser Frage eigentlich das Verkehrsmuseum Dresden spielen, dem ein nicht unwesentlicher Teil der Exponate in Chemnitz gehört und für dessen Erhaltung es eigentlich zahlen müsste. Kann es aber nicht, da es sich als museale Einrichtung der Landeshauptstadt Dresden in der gleichen Tretmühle befindet wie das SEM in Chemnitz: Riesige Bestände und viel zu wenig Geld. Die Zerstrittenheit innerhalb des Chemnitzer Vereins verschärft die Folgen derartiger Unzulänglichkeiten noch zusätzlich. Raumgreifende Konzepte unter Einbeziehung des Freistaates, klare Vorgaben und eine Konzentration auf weniger Standorte tun not!

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  • 02.01.2012
    19:31 Uhr

    Freak: Auf einmal stellt Chemnitz alles Bewährte auf den Prüfstand. Klar, es gibt bestimmt Einiges, was man hinsichtlich Förderung überdenken sollte, aber das Sächsische Eisenbahnmuseum gehört nach Chemnitz, es ist schließlich das einzige noch betriebsfähige BW aus der Dampflokzeit in Europa. Wenn es nach der Meinung von einigen geht, kann man am Besten alles schließen. Der Begriff umweltverschmutzende Nostalgiker ist wohl sehr fehl am Platze. Auch wenn es tiefe Differenzen zwischen den Eisenbahnvereinen gibt, sie wird es immer wieder geben, wenn verschiedene Meinungen aufeinander prallen. In solch einer Situation werden und müssen aber alle an einem Strang ziehen, und da gehört die Stadt selbst und auch die DB dazu, denn letztgenannte könnte sehr vom Museum profitieren. Man kann nicht alles aus vergangenen Tagen entfernen (ich meine damit die geschichtlichen Aspekte), denn wenn man in die Zukunft investieren will, braucht man eine Basis aus der Vergangenheit. Die Stadt Chemnitz hat aus ihrer Sicht bereits in die Zukunft investiert, so z.B. am "Überflieger Südring" - gut, meines Erachtens ist weniger Stau auf dem Südring, aber dort sind weit überzogene Kosten entstanden, und fragt da auch noch jemand danach? Und welche Querelen gab es dabei! Wenn Chemnitz es sich leisten kann, wieder ein Stück SEINER Geschichte abzuschließen, na dann gute Nacht. Es stirbt eh schon zu viel, was die Stadt einst ausmachte. Nach dem Eisenbahnmuseum ist vielleicht der Tierpark das nächste Opfer? Hoffentlich nicht!

    0 2
     
  • 02.01.2012
    18:39 Uhr

    Gleisenagel: Man hätte vor zweiundzwanzig Jahren die Stadt komplett einzäunen und zum Museum erklären sollen. Wie man spätestens heute sieht, wäre das der Mentalität des Chemnitzer Ureinwohners stark entgegengekommen. Da hätte man heute ein (oder mehrere) Regenschirm-, Strickmaschinen-, Spinnereimaschinen-, Schleifmaschinen-, Werkzeugmaschinen-, Gießerei-, Walzwerk-, Fahrzeug/Fahrzeugelektrik-, Mensch ärgere dich nicht-, Zahnrad-, Chemieanlagen- und "Computer"museen und das wäre doch fein, oder? Die Stadt sollte endlich in die Zukunft investieren, statt diese umweltverschmutzenden Nostalgiker zu unterstützen!

    4 0
     
  • 30.12.2011
    21:44 Uhr

    aardvark: Das Problem mit den Finanzen hat doch nicht das Eisenbahnmuseum allein, sondern alle kleinen Vereinsmuseen in Chemnitz: Straßenbahnmuseum, Sächs. Fahrzeugmuseum, Schulmuseum.... Steigende Kosten, gleichbleibende oder sogar geringere Zuschüsase von der Stadt, vor allem Wegfallen der Kommunal-Kombi-geförderten Stellen. Hier muss die Stadt sich offen positionieren, was sie in Chemnitz möchte und ob die Kulturlandschaft bis Ende 2012 ausgedünnt werden soll, denn darauf läuft es im Moment doch hinaus. Die technikhistorischen Museen müssen an einem Strang ziehen und ums Überleben kämpfen.
    So wie es im Moment aussieht, wird Chemnitz auf die genannten Häuser im nächsten Jahr verzichten müssen, wenn es nichts an der Kulturförderung ändert. Ist das wirklich gewollt?

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