Ruth Meyer Ruth Meyer hat im Hinterhof ihres Hauses oft beobachtet, wie Elstern andere Tiere attackieren.

Foto: A. Seidel

Chemnitz: Elstern werden zum Ärgernis

Rabenvögel attackieren Katzen und kommen Menschen sehr nah

Chemnitz. Wenn Ruth Meyer auf ihrem Balkon steht, blickt sie ins grüne Dickicht des einstigen Rangierbahnhofs in Hilbersdorf. Dort vermutet die 76-Jährige die Heimat der Elstern, deren Anzahl ihrer Meinung nach seit einigen Jahren stark zugenommen hat. Und: "Die werden immer frecher", stellt Ruth Meyer fest. Die schwarz-weiß-gefiederten Vögel mit ihrem typisch keckernden oder schnarrenden Ruf fräßen beispielsweise der wilden Katze, die sie im Hof füttere, das Futter weg. Mache das scheue Tier Anstalten, sich dem Napf zu nähern, werde es von den Elstern attackiert, hat die Seniorin beobachtet. "Ich muss solange neben dem Futter stehen bleiben, bis die Katze gefressen hat", sagt sie. Sonst holten sich Elstern das Mahl.

Auch vor den Menschen und ihren gedeckten Tischen machen die Vögel offenbar nicht Halt. Wie Ruth Meyer erzählt, hätten sich Elstern in einem unbeobachteten Moment eine Wurstschnitte von ihrem Balkon geholt. Nachbarn berichteten von ähnlichen Vorkommnissen. "Ist solches Verhalten normal?", fragt Ruth Meyer. Außerdem hätte sie gern gewusst, ob gegen die ihrer Meinung nach große Zahl der Elstern in Chemnitz etwas getan wird.

Dass es Wildtiere in die Stadt zieht, sei nicht neu, sagt Lutz Röder vom Regionalverband Erzgebirge des Naturschutzbundes (Nabu) und verweist auf den Fuchs, der sich dem Stadtleben angepasst habe und nicht mehr so scheu sei wie in freier Wildbahn. "Die Tiere finden in der Stadt gute Bedingungen und kommen leicht an Nahrung. Zugleich fehlen die natürlichen Feinde." Fuchs, Elster und Co hätten also die besten Voraussetzungen, um sich stark zu vermehren. In der Natur pegele sich das von allein wieder ein, sagt Röder. Gebe es viele Elstern, steige die Zahl der Habichte, die natürlichen Feinde der Elstern. Wenn das Gleichgewicht jedoch aus den Fugen geraten sei, wie in den Städten, müsse der Mensch regulierend eingreifen, um es wieder herzustellen.

Dazu besteht in Chemnitz nach Aussage von Jens Börner, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde im Umweltamt, jedoch kein Anlass. "Zwar gibt es derzeit keine wissenschaftlichen Untersuchungen zur Zahl der Elstern in der Stadt. Ornithologen gehen jedoch davon aus, dass der Bestand rückläufig ist", sagt Börner. Laut Brutvogelatlas von Chemnitz, der auf Zählungen des Vereins sächsischer Ornithologen beruht, hat es von 1997 bis 2000 750 bis 850 Brutreviere gegeben. "Diese Zahl werden wir heute nicht mehr haben", sagt der Leiter der Naturschutzbehörde. Um das Jahr 2005 herum habe der Scheitelpunkt gelegen. Als eine der Ursachen für den Rückgang, die jedoch nicht wissenschaftlich untersucht sei, gelte laut Vogelkundlern die steigende Zahl der Rabenkrähe. "Eine Vogelart verdrängt die andere - das ist natürliche Regulation", sagt Börner.

Dass Bürger meinen, die Elster vermehre sich stark und sei deshalb weit verbreitet in Chemnitz, liege vermutlich daran, dass Ansammlungen der Vögel beobachtet werden. "Die Elster ist ein geselliges Tier", sagt der Behörden-Leiter, der bekennender Vogelkundler ist. Vorzugsweise im Winter fänden sich Elstern zum Schlafen in Gemeinschaften mit teils mehreren hundert Tieren zusammen. Wer dies erlebe, könne den Eindruck bekommen, es gebe übermäßig viele Elstern. Weil dem aber nicht so sei, müsse aus Sicht der Naturschutzbehörde im Stadtgebiet von Chemnitz nichts gegen die Rabenvögel getan werden.

 
erschienen am 18.06.2012 ( Von Sandra Czabania )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
3
(Anmeldung erforderlich)
  • 19.06.2012
    10:32 Uhr

    ML78: Diese Geschichte kommt mir aber bekannt vor. Das war vor knapp zwei Wochen Thema eines sehr amüsanten Blog-Eintrags vom Leser-Obmann:

    "Gefahr: Das Unheil nähert sich im Tiefflug"
    http://www.freiepresse.de/MITREDEN/BLOGS/show_blog.php?blog_id=2406

    Ich habe über den Beitrag sehr schmunzeln müssen, da mein Kater ähnliche "Traumata" mit den Elstern in unserem Garten hat durchmachen müssen. Eines Tages z.B. lag er friedlich auf der Wiese und sonnte sich, während drei Elstern extrem laut meckernd um ihn herumhüpften und immer wieder versuchten, in seinen Schwanz zu picken. Das hat ihn aber nicht weiter gestört, er ist cool geblieben. War ein herrliches Bild.

    Ich finde es faszinierend, wie frech und furchtlos Elstern sind.

    0 1
     
  • 19.06.2012
    07:59 Uhr

    Jothade: *stöhn*
    Ist das "Sommerloch" wirklich schon sooo groß geworden, dass solche Artikel die Presse-Seite der FP zieren müssen?
    Wenn ja, würde ich gerne eine Gegendarstellung der Elstern zu diesem Thema lesen!

    0 0
     
  • 18.06.2012
    22:57 Uhr

    Nyah: Rentner regen sich echt über jeden Mist auf!
    Rabenvögel, zu denen auch Elstern zählen sind bekanntlich etwas "frech".
    Und es ist wie bei den Menschen: Schwache werden von stärkeren unterdrückt, so geht das auch der armen Katze. Da kann man das Tierchen nur drinne füttern oder halt daneben stehen bleiben.
    Und wer sein Essen unbeaufsichtigt lässt, ist selber Schuld!

    Bienen & Wespen verköstigen sich auch an Kuchen, Eis und anderem Essbaren. Ein Wunder, dass dagegen noch keine Beschwerde vorliegt!

    Anmerkung:
    Bei mir im Garten lebt ein Amselpaar. Das männliche Tier klaut zwar kein Essen, aber attackiert auch einige Tiere in der Gegend. Zwar verteidigt es nur sein Revier, aber Raben, Elstern und Trumfalken mussten auch schon Federn lassen. Die Katzen der Nachbarn haben auch schon einen Schnabelschlag erhalten.
    Oh weh, wahrscheinlich muss man die Amsel töten, weil sie zu aggressiv ist :D

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