Generalintendant Bernhard Helmich in seinem Büro in Chemnitz. Im Juli kommenden Jahres wechselt er vom hiesigen Fünf-Sparten-Haus an das Drei-Sparten-Theater Bonn. Die Spardebatte ist nicht der Grund für den Wechsel, sagt er.
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Chemnitz: Generalintendant verlangt grundlegende Entscheidungen über Theater-Struktur
Bernhard Helmich: "Ich fordere ein Ende der Traumtänzerei"
Chemnitz. Bernhard Helmich, Generalintendant der Theater Chemnitz, hofft auf einen trockenen Sommer. In den Malsaal regnet es durchs kaputte Dach, Geld für die Reparatur ist nicht da. Er sieht sich handlungsunfähig. Denn wegen der Tarifsteigerung im öffentlichen Dienst muss er seinen Mitarbeitern mehr Lohn zahlen. Doch mehr Geld bekommt sein Haus nicht von der Stadt. Über die vertrakte Situation und Wege aus der Finanzmisere sprachen Swen Uhlig und Jana Peters mit ihm.
Freie Presse: Die Stadtverwaltung hat Mitte Mai bekannt gegeben, den Etat der Theater Chemnitz bis 2015 nun doch nicht um 4,3 Millionen Euro zu kürzen. Dafür sollen Sie im Gegenzug die aktuelle Tarifsteigerung selbst, ohne Unterstützung, stemmen. Sind das eigentlich gute Nachrichten?
Bernhard Helmich: Für uns ist das eine Null-Nachricht. Die Summe von 4,3 Millionen Euro war aufgrund des Haustarifvertrags sowieso nicht einzusparen. Wir sind nicht müde geworden, darauf hinzuweisen, aber das hat keinen interessiert. Das war von Anfang an ein Verwaltungsfehler, der jetzt korrigiert wird, mehr nicht. Außerdem muss ich mich gegen die Formulierung "im Gegenzug" verwahren. Der Mehraufwand durch die Tariferhöhungen ist von uns nicht zu erbringen - und zwar unabhängig davon, ob die 4,3 Millionen Euro fließen oder nicht. Das ist auch keine Frage des Wollens. Das sind Größenordnungen, die ein Theater mit laufendem Haustarifvertrag nicht erbringen kann. 80 Prozent unserer Ausgaben sind Personalkosten. Die Tariferhöhungen kosten uns dieses und nächstes Jahr insgesamt rund 1,9Millionen Euro mehr. Das ist nicht zu erwirtschaften.
Freie Presse: Warum eigentlich nicht?
Bernhard Helmich: Wir haben die Tariferhöhungen seit 2009 selbst getragen - ohne zusätzliche Zuschüsse der Stadt. Das geht aber nur dann, wenn die Steigerungen sehr gering sind. Aber in den nächsten beiden Jahren sollen die Löhne um insgesamt 6,3 Prozent steigen - das schaffen wir nicht. Dieses Jahr liegen wir mit 450.000 Euro über dem Plan. Nächstes Jahr werden 1,5 Millionen Euro Mehrkosten ein gigantisches Loch reißen. Wir sehen keinen Weg, da einen ausgeglichenen Wirtschaftsplan aufzustellen. Erschwerend hinzu kommt, dass wir vermutlich das einzige Theater sind, das aus dem laufenden Etat seine Instandhaltungskosten zahlen muss.
Freie Presse: Wie wird das denn sonst gehandhabt?
Bernhard Helmich: Dafür sind sonst die städtischen Hochbauämter zuständig. Anfangs war das kein Problem, denn in den 1990er-Jahren war alles in perfektem Zustand. Aber jetzt gibt es Reparaturbedarf in erheblichen Größenordnungen. Es geht nicht nur um die Bühnentechnik, sondern auch um Dinge wie das Dach.
Freie Presse: Dass irgendwann Reparaturen und Instandsetzungsarbeiten anstehen, weiß man doch vorher. Darauf hätten Sie sich doch einstellen können.
Bernhard Helmich: Natürlich wussten wir das. Aber wir dürfen keine Rücklagen bilden, also nichts ansparen. Seit der Spielzeit 2008/2009 haben wir über eine Million Euro an Zuschüssen nicht in Anspruch genommen. Das Geld verblieb bei der Stadt.
Freie Presse: Wo genau gibt es Reparatur- bedarf?
Bernhard Helmich: Zum Beispiel bei den Werkstätten an der Annaberger Straße in Harthau. Dort regnet es rein, konkret in den Malsaal. Wir haben Eimer aufgestellt. Eine teilweise Reparatur würde 65.000 Euro kosten. Wir hoffen auf einen trockenen Sommer.
Freie Presse: Wo kann Ihrer Meinung nach die Lösung für die Geldsorgen des Theaters liegen?
Bernhard Helmich: Natürlich indem die Stadt die Tariferhöhungen ausgleicht. Ansonsten liegt die Lösung bei 35 bis 40 betrieblichen Kündigungen, aber die dürfen wir aufgrund des Haustarifvertrags nicht aussprechen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Wir spielen den Ball an die Verwaltung zurück. Warum werden unsere Mitarbeiter anders behandelt als andere städtische Mitarbeiter?
Freie Presse: Ihre Mitarbeiter sind Angestellte der Theater GmbH und nicht der Stadt.
Bernhard Helmich: Die städtische GmbH ist aber eben doch ein städtischer Betrieb. Wir sind kein Wirtschaftsunternehmen, was nicht heißt, dass wir nicht wirtschaftlich arbeiten. Aber wir betreiben keine Gewinnmaximierung, das sollte doch allen klar sein.
Freie Presse: Irgendeinen Ausweg aus der Finanzmisere muss es aber doch geben.
Bernhard Helmich: Der einzige Ausweg ist eine grundlegende Änderung der Struktur des Theaters. Wir sind uns mit der Verwaltung einig, dass diese Frage nicht aufgeschoben werden kann. Die Stadt muss sich entscheiden, wie sie das Theater haben möchte, in welcher Größe und mit welchen Sparten.
Freie Presse: Was wäre Ihr Vorschlag?
Bernhard Helmich: Ich schlage natürlich vor, dass das Haus mit allen Sparten erhalten bleibt und dass die Stadt die Tarif- erhöhungen übernimmt. Vorerst muss die Stadt sagen, wie es weitergehen soll. Es ist nicht meine Aufgabe zu sagen, welche Sparten oder welche Mischung es geben soll. Wir fordern seit Monaten eine grundlegende Entscheidung.
Freie Presse: Sie wechseln im Juli 2013 nach Bonn. Sind die Querelen in Chemnitz der Grund dafür, dass Sie gehen?
Bernhard Helmich: Das ist nicht der Grund, warum ich gehe. Aber auch für meinen Nachfolger wäre es wichtig zu wissen, welche Struktur die Theater einmal haben sollen.
Freie Presse: Wie fühlt sich diese Situation für Sie persönlich an?
Bernhard Helmich: Ich finde sie merkwürdig bizarr. Die Lage hier hat mich monatelang lang den Schlaf gekostet. Es wird stets so dargestellt, als hätte ich die Finanzprobleme der Stadt im Alleingang zu lösen. Aber ich kann nicht handeln. Außerdem ging die Spardebatte auf ideelle Weise zu Lasten des Theaters. Mich hat geärgert, dass wir sogar beschimpft wurden, wir würden nicht sparsam haushalten.
Freie Presse: Woher können Sie wissen, dass die Debatte dem Haus geschadet hat? Lässt sich das anhand der Besucherzahlen belegen?
Bernhard Helmich: Immer, wenn die Diskussion über die wirtschaftliche Situation des Theaters entbrannt ist, gehen die Besucherzahlen nach unten. Immer, wenn nicht darüber geredet wird, bleiben die Zahlen gut. Das ist nicht dramatisch, aber wir merken es. Ich glaube, das Theater ist immer noch ein Ort, wo man das Gefühl haben will, da ist alles in Ordnung.
Freie Presse: Was ändert sich aufgrund Ihrer finanziellen Nöte für die Zuschauer?
Bernhard Helmich: Im Moment noch nichts. Mit den jetzigen Strukturen sind wir beim Gerüst angekommen. Es gibt keine Stellschrauben mehr. Verändern wird sich das Konzert zum Abschluss der Spielzeit. Zum einen werden wir es auf den Anfang der neuen Spielzeit verlegen, auf den 8.September. So schön es war, sich damit in den Urlaub zu verabschieden, es ist besser zu sagen, wir sind wieder da. Zum anderen wird es nicht mehr umsonst sein. Die Gäste müssen für fünf Euro einen Gutschein kaufen, den sie im Laufe der Spielzeit wieder bei uns einlösen können.
Freie Presse: Wird das alles sein?
Bernhard Helmich: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass mit immer weniger Geld alles erhalten werden kann. Ich fordere ein Ende dieser Traumtänzerei. Die Verwaltung muss wieder zu ökonomisch verantwortungsbewusstem Handeln zurückkehren.

