Chris Hübsch fotografiert für seine Internetseite Gefahren auf Chemnitzer Radwegen. Dieser Fahrstreifen an der Zschopauer Straße ist seiner Meinung nach zu schmal und endet in Richtung Bahnhofstraße im Nichts. Radfahrer werden von Autos und Bordsteinkante "in die Zange genommen".
Chris Hübsch fotografiert für seine Internetseite Gefahren auf Chemnitzer Radwegen. Dieser Fahrstreifen an der Zschopauer Straße ist seiner Meinung nach zu schmal und endet in Richtung Bahnhofstraße im Nichts. Radfahrer werden von Autos und Bordsteinkante "in die Zange genommen".

Foto: Andreas Seidel

Die Gefahren auf Chemnitzer Radwegen

Engagierte Vertreter des Biker-Lagers kritisieren wichtige Teile der neuen Radverkehrskonzeption der Stadtverwaltung

Chemnitz. Bis zum Jahr 2020 will die Stadtverwaltung Chemnitz in eine Stadt verwandeln, die zu Recht das Prädikat "fahrradfreundlich" trägt. Damit die Einwohner in acht Jahren zwölf Prozent ihrer täglichen Wege - doppelt so viele wie heute - radelnd zurücklegen, sollen bis dahin das Radwegenetz ausgebaut, einheitliche Rad-Wegweiser und mehr Fahrradständer aufgestellt sowie gezielte Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. Das sieht eine Konzeption vor, deren Entwurf im Rathaus seit März 2009 erarbeitet wurde. Bis heute hatten die Chemnitzer die Möglichkeit, sich mit den vor vier Wochen auf der Internetseite der Stadt veröffentlichten Plänen vertraut zu machen und dem Rathaus ihre Meinungen dazu kundzutun. Drei engagierte Radfahrer hat "Freie Presse" befragt.

Der Informatiker Chris Hübsch legt fast alle Wege in der Stadt mit dem Fahrrad zurück. Schon seit Jahren achtet der heute 36-Jährige dabei besonders auf kritische Stellen, fotografiert sie und verbreitet die Bilder mit eigenen Kommentaren versehen im Internet (huebsch- gemacht.de/radwege). Am Entwurf der Radverkehrskonzeption findet er gut, dass touristische Radwege, wie am Kappelbach, im Chemnitztal und im Stadtpark, verlängert und die Anzahl der Fahrradabstellanlagen erhöht werden sollen. Trotzdem bleibe Chemnitz damit noch meilenweit hinter Städten wie Österreichs "Fahrradhauptstadt" Graz zurück, wo es am Hauptbahnhof eine rund um die Uhr bewachte Fahrrad-Parkgarage gibt. Zur geplanten einheitlichen Wegweisung sagt Hübsch: "Mir würde es schon reichen, wenn die vorhandenen Schilder fehlerfrei aufgehängt wären."

Besonders stört ihn das Vorhaben der Stadtverwaltung, weitere Radwege und -fahrstreifen an innerstädtischen Hauptstraßen anzulegen und damit Radfahrer zu deren Benutzung zu zwingen. Da diese Wege und Streifen oft zu schmal seien, würden Radfahrer eingeschränkt statt gefördert. "Breite Fahrbahnen, auf denen Auto- und Radfahrer ausreichend Platz zum gegenseitigen Ausweichen haben, sind sicherer. Radwege sind nur dort sinnvoll, wo sie mit einem objektiven Sicherheitsgewinn verbunden sind."

Ralph Sontag, der Vorsitzende der Chemnitzer Ortsgruppe des Fahrradclubs ADFC, lobt die Absicht der Stadtverwaltung, den Radverkehr nicht auf die Radwege zu reduzieren, sondern ihn auch durch mehr Abstellmöglichkeiten, bessere Wegweisung, Verknüpfung mit dem Nahverkehr und Öffentlichkeitsarbeit zu fördern. Mit benutzungspflichtigen Radwegen und -streifen hat aber auch der ADFC Probleme. "Das ist etwa so, als wenn man die Errichtung von Raucher- inseln als Förderung des Rauchens verkauft", sagt Sontag. Radverkehrsanlagen müssten wahlfrei sein und benötigten keine Benutzungspflicht, wenn sie gut sind. Straßenbegleitende Radwege und zu schmale Schutzstreifen würden eher zusätzliche Gefahren bergen, anstatt Radfahrern mehr Sicherheit zu bieten, so der ADFC-Ortschef.

Ebenfalls kein Freund eines vorgeschriebenen, aufwändigen Radwege-Netzes ist Olaf Nietzel, Vorsitzender der Ortsgruppe Chemnitz des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschland und Mitglied der Arbeitsgruppe Mobilität im Agenda-Beirat der Stadt. "Alle Ziele in Chemnitz konnten auch bisher schon von Radfahrern erreicht werden", begründet er. Nachdem straßenbegleitende Radwege jahrzehntelang trotz besseren Wissens als sicher verkauft worden seien, lasse sich deren Sicherheitsdefizit nicht mehr verleugnen. Da dadurch Radfahrer gezwungen würden, rechts von rechtsabbiegenden Autos zu fahren, seien sie einem mehrfach erhöhten Sicherheitsrisiko ausgesetzt. "War ohne Radverkehrsanlagen für den Alltagsradfahrer auf mehrspurigen Straßen ein sicheres Fahren in der Mitte der rechten Spur möglich, wird seine Sicherheit mit schmalen Radfahrstreifen oder Schutzstreifen verringert", so Nietzel.

 

Die Gefahren:

Parkende Hindernisse: Auf der Reichenhainer Straße gibt es zwar beidseitig Radfahrstreifen, doch wenn darauf Autos parken, müssen Radfahrer auf die Fahrbahn ausweichen. Wegen der markierten Radfahrstreifen beanspruchen Autofahrer für sich die Vorfahrt, sodass Radfahrer anhalten müssen. Wenn sie einfach zum Überholen ansetzen, kann es gefährlich werden.

Enge Fahrstreifen: Auf der Frankenberger Straße geraten Radfahrer nicht nur wegen des Anstiegs in Richtung Helmholtzstraße ins Schwitzen. Denn rechts neben dem Radfahrstreifen darf an dieser Bundesstraße 169 geparkt werden. Und wenn dort ein Lastwagen steht und ein anderer Lastwagen oder Bus den Radler überholt, wird es eng. Platz zum Ausweichen ist knapp.

Kreuzende Busse: Auf der Hartmannstraße halten Busse am Luxor auf dem Radfahrstreifen. Radfahrer werden dadurch zum Stoppen gezwungen. Es kann zu gefährlichen Situationen kommen. Viele Radfahrer möchten lieber ohne extra Markierung gleichberechtigt mit den Autos auf einer Fahrbahn radeln, weil sie dann von Autofahrern besser gesehen würden.

Verwirrende Zeichen: An der Reichsstraße verläuft in Richtung Zwickauer Straße ein kombinierter Fußgänger- und Radweg. Doch wer muss auf welcher Seite des Weges laufen oder fahren? Das blaue Verkehrsschild trägt die entsprechenden Symbole falsch herum. Auch die Markierung auf dem Weg verwirrt. Bei Unfällen ist die Schuldfrage schwierig.

 
erschienen am 31.07.2012 ( Von Michael Brandenburg )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
4
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  • 03.08.2012
    11:22 Uhr

    FPcomment: @Haecker, Du hast es genau erfasst, Radfahrer verlangen nicht mehr Komfort als Autofahrer, ihnen würde auf Radwegen schon der gleiche reichen wie auf den daneben verlaufenden, aber ihnen verbotenen Fahrbahnen. Denn dort gibt es nicht permanent :
    Engstellen von unter einem Meter sondern Fahrspuren von über 3 m breit,
    Verschwenkungen,
    Auf und Ab an Grundstücksausfahrten,
    Wurzelaufbrüche,
    gepflasterter Belag statt Asphalt,
    abgestellte Mülltonnen,
    Fußgänger, Hunde,
    Verkehrsschilder, welche für die Fahrbahn gelten, aber auf dem Radweg abgestellt werden,
    Lichtmasten, welche nur die Fahrbahn beleuchten,
    Schnee und Dreck, welcher von der Fahrbahn auf den Radweg geschoben wurde
    usw ...
    Aber besonders gibt es auf der Fahrbahn nicht an jeder Kreuzung die Gefahr, das ein links von Dir fahrendes Fahrzeug plötzlich nach rechts abbiegt und Dich dabei über den Haufen fährt. Wegen diesem Komfort- und besonders Sicherheitsverlust lehnen Radfahrer straßenbegleitende benutzungspflichtige Radwege oder -streifen ab.
    Und sag jetzt nicht, auf der Fahrbahn würden Radfahrer den Fahrverkehr stören, denn:
    1. Radfahrer sind Fahrverkehr und
    2. hast Du selbst gesagt, das man halt warten muß, wenn der eigene Fahrstreifen blockiert ist

    0 1
     
  • 03.08.2012
    09:55 Uhr

    annemuh: @Haecker: Das Problem ist, dass die Radfahrer nicht von einem schützenden Blechmantel umgeben sind und ich glaube auch, dass bereits mehr Fahrradfahrer bei Zusammenstößen mit Autos gestorben sind als umgekehrt. Ich fahre Auto und Fahrrad in Chemnitz und kenne also beide Seiten. Natürlich gibt es immer wieder Radfahrer, die sich nicht rechtmäßig verhalten und auf Gehwegen fahren. Auch ich tue das, weil ich Angst habe vor rücksichtslosen Autofahrern, die glauben, ein Fahrradfahrer ist das gleiche wie ein Auto. Ständig werde ich geschnitten, an den Rand gedrängt und in einem hohen Tempo überholt, obwohl ich mich an die StVo gehalten habe. Dann halte ich mich eben nicht daran, riskiere aber dafür lieber nicht mein Leben. Lediglich Fahrradwege mit erhöhter Bordsteinkante geben ausreichend Schutz. Solange also keine gegenseitige Rücksichtnahme herrscht, wird sich an der Situation wohl auch nichts ändern.

    0 0
     
  • 02.08.2012
    00:58 Uhr

    Insel: Vielen Dank für diesen informativen Artikel.

    Hinzuzufügen wäre noch, dass ganz besonders benutzungspflichtige Radverkehrsanlagen (also die entlang einer Straße verlaufen und wo die runden blauen Schilder aufgestellt worden sind - in Chemnitz betrifft das z.B. auch die Radfahrstreifen) keinesfalls nach dem Gutdünken oder den kreativen Ideen von Verkehrsplanern eingerichtet werden dürfen.

    Vielmehr gibt es dafür in der StVO hohe Hürden, und diese Eingriffe in den Verkehr sind ausschließlich durch Sicherheitsaspekte begründbar, die sich im Einzelfall konkret benennen lassen müssen.

    Werden solche Radfahrstreifen ohne ausreichende Begründung eingerichtet, sind sie rechtlich nicht haltbar, d.h. illegal. Bauliche Mängel (Breite, Abstand zu parkenden Autos, Linienführung, etc) oder nicht durchgeführter Winterdienst kommen noch dazu, und machen es nicht besser. Solche Radfahrstreifen genügen nicht den Vorgaben der StVO und müssen wieder aufgehoben werden. Genau das ist in der Blankenauer Straße zwischen Eisenbahnbrücke und Camman-Hochhaus der Fall.

    Das Tiefbauamt sollte also die Radfahrstreifchen lieber wieder zurückbauen, als noch mehr Streifen auf die Straßen zu malen. Es kann schließlich nicht im Interesse von Rathaus und Verwaltung liegen, illegale Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen, durch die die Fahrradfahrer letzlich behindert oder sogar gefährdet werden.

    1 0
     
  • 01.08.2012
    21:22 Uhr

    Haecker: Einen ganzen Teil der Kritiken verstehe ich nicht:
    Für Autofahrer ist es völlig normal: Wenn mein Fahrstreifen plötzlich blockiert ist durch Busse, parkende Autos, Lieferfahrzeuge, Entsorgungsfahrzeuge usw. - das kommt nicht nur in Chemnitz ständig vor (z.B. auf der Weststraße) - muss man anhalten, bevor ggf. die Gegenfahrbahn oder auch der linke Fahrstreifen frei ist. Was in dem Artikel für die Hartmannstraße am Luxor kritisiert wird, ist für Autofahrer tagtägliche Praxis, oft mehrmals auf einer Straße. Warum soll das für Radfahrer eine Zumutung sein? Auch wenn das Parken auf den Radwegen an der Reichenhainer Straße unzulässig ist - auch mit solchen Dingen müssen Autofahrer ständig umgehen. Das ist stets ärgerlich, kommt aber immer wieder vor. Auch für Radfahrer kann das kein größeres Problem sein.
    Und in der Regel (nicht immer) achte ich auch als Fußgänger an einer grünen Ampel vor allem auf rechts abbiegende Fahrzeuge, ob diese auch anhalten. Manchmal warte ich lieber, weil es mir bei einem Unfall nicht all zu viel nutzt, wenn der Autofahrer für schuldig befunden wird - meinen evtl. Körperschaden kann das kaum ausgleichen. Warum soll es für Radfahrer unzumutbar sein, auch aufzupassen?
    Und wenn mir eine Straße zu schmal erscheint, muss ich eben langsam fahren. Warum soll das für Radfahrer unzumutbar sein?
    Ein hier zwar nicht angesprochenes, aber vor Jahren selbst vom ADFC kritisiertes "Problem", der Radwegabschnitt an der Talsperre Euba: Jeder Autofahrer muss seine Fahrweise, sein Tempo, auf einer für ihn unübersichtlichen Strecke so anpassen, dass er das Fahrzeug jederzeit beherrscht. Warum soll es für Radfahrer unzumutbar sein, an einer für ihn evtl. unübersichtlichen Stelle wie an der Talsperre Euba, langsam zu fahren?
    Warum wird eigentlich für Radfahrer mehr Komfort verlangt als für Autofahrer und Fußgänger?
    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man sich jeden Cent für einen Radwegebau sparen kann, wenn dort kein Benutzungszwang durchgesetzt werden kann.

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