Türmer Stefan Weber zeigte am Sonntag Besuchern auf dem Hohen Turm des Alten Rathauses die Chemnitzer Innenstadt von oben. Rechts ist der sogenannte Saigerturm des Rathauses zu sehen, links die Jakobikirche.
Foto: Andreas Truxa
Die Stadt Chemnitz von oben
Im Mittelpunkt einer neuen Führung stehen die drei markantesten Türme der Chemnitzer Innenstadt
Chemnitz. Wenig scheint den Hohen Turm am Rathaus mit dem Bettenhaus des Hotels Mercure zu verbinden. Doch beide Gebäude gehören nicht nur zu den zweifellos auffälligsten Bauwerken der Chemnitzer Innenstadt, sie bilden zudem auch rund 800 Jahre Stadtgeschichte ab. "Wir wollten mit unserer Führung den Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart wagen", sagte Türmer Stefan Weber, der gemeinsam mit der als Agricolas zweiter Ehefrau Anna verkleideten Gästeführerin Veronika Leonhardt die Tour organisiert hatte. Startpunkt war das Lucretia-Portal am Alten Rathaus, anschließend führte sie vom Hohen Turm der Jakobikirche über den Roten Turm bis ins Panorama-Restaurant des Mercure-Hotels, wo die Führung nach zwei Stunden bei Kaffee und Kuchen endete.
Leonhardt und Weber glänzten bei der Tour mit zahlreichen Anekdoten. So sei der Hohe Turm als sakrales Gebäude inmitten des Alten Rathauses zu DDR-Zeiten ein Politikum gewesen. "Wenn die Turmbläser hinauf wollten, mussten personengebundene Sondergenehmigungen erteilt werden. Wenn dann mal einer krank wurde, konnte er nicht ersetzt werden", so der Türmer.
Im Roten Turm hingegen stieß vor allem dessen ehemalige Funktion als Gefängnis auf Interesse. "Damit keiner ausbrechen konnte, war der Eingang im Gegensatz zu heute im ersten Stock", erzählte Weber. Dabei sei eine Leiter angelegt worden, die weggezogen wurde, sobald der Häftling im Inneren gewesen sei. Erfolgreiche Gefängnisausbrüche seien ihm nicht bekannt, so Weber.
Bei den Teilnehmern stieß das Konzept der Tour auf positives Echo. "Auch wenn man meint, sich auszukennen, erfährt man immer etwas Neues", sagte Jürgen Fritsch. Renate Kaiser aus Hainichen gefiel es vor allem in luftiger Höhe. "Die Aussicht auf Chemnitz war bei dem schönen Wetter wirklich atemberaubend. Ich war zuvor noch auf keinem der drei Türme. Das hat sich heute gelohnt", so die 60-Jährige.
Zufrieden waren auch die Veranstalter. "Wir wollen diese Führung im Zwei-Monats-Rhythmus fest etablieren, mit Gruppen von bis zu zwölf Personen, mehr dürfen in den Roten Turm nicht gleichzeitig rein", so Leonhardt. Um noch mehr Interesse zu wecken, will sie sich nun direkt an das "Mercure" wenden - bei Hotelgästen gebe es schließlich auch Bedarf, etwas über Chemnitz zu erfahren, ist sie sich sicher.


