Kinder und Eltern aus Reichenbrand haben Donnerstagabend gegen die Entscheidung protestiert, dass ihnen die Mittelschule Reichenbrand verschlossen bleibt. Weil es zu viele Anmeldungen in der Einrichtung gibt, sollen sie an eine andere Mittelschule ausweichen. Das wollen die Eltern nicht hinnehmen.
Foto: A. Seidel
Eltern-Proteste: Schulen in Chemnitz weisen Kinder ab
Mittelschulen können nicht alle Kinder aufnehmen
Chemnitz. Yvonne Taubald versteht die Welt nicht mehr. Gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn und ihrem Lebensgefährten will sie im Sommer in ein neues Haus ziehen - nach Reichenbrand. "Wir haben das Haus bewusst in dem Stadtteil gekauft, weil dort eine Schule in der Nähe ist", berichtet sie. Ihr Sohn, der ab Herbst in die fünfte Klasse der Mittelschule Reichenbrand gehen sollte, hätte dann nur fünf Minuten Fußweg. Die Pläne der jungen Mutter drohen jedoch zu scheitern.
Wie 14 andere Elternpaare auch haben Yvonne Taubald und ihr Lebensgefährte Post von der Reichenbrander Schule bekommen, mit der sie zunächst zu einer Elternversammlung eingeladen wurden. Dort erfuhren sie, dass ihre Kinder nicht in Reichenbrand lernen dürfen. "Als Alternative hat man uns die Mittelschule in Altendorf genannt", sagt Yvonne Taubald. "Da wäre mein Sohn jeden Tag zwei Stunden mit dem Bus unterwegs." Ein Umstand, den sie keinesfalls akzeptieren will.
Wie sie empfinden auch andere. Mehrere Eltern wollen sich gegen die Entscheidung wehren, ihr Kind in eine andere Schule zu schicken. "Unsere Tochter ist vier Jahre in die Grundschule Reichenbrand gegangen, die sich im selben Gebäude wie die Mittelschule befindet", sagt eine Mutter. Es könne doch nicht sein, fügt sie hinzu, dass ihr Kind nun aus dem Umfeld herausgerissen werde und alle Freunde verlieren soll.
Hintergrund des ganzen Ärgers ist die Vielzahl von Anmeldungen in der Reichenbrander Mittelschule. Insgesamt 68 Eltern haben ihre Sprösslinge in der Einrichtung an der Lennéstraße eingetragen - das wären genügend Kinder für drei neue fünfte Klassen. Die Schule hat von der zuständigen Bildungsagentur aber nur eine Genehmigung für zwei Klassen. Die Kinder, die zu viel sind, sollen daher auf eine andere Mittelschule ausweichen - zum Beispiel eben auf jene in Altendorf, wo lediglich 18 Kinder angemeldet wurden.
Vier Einrichtungen betroffen
Reichenbrand ist kein Einzelfall. In Chemnitz gibt es laut Bildungsagentur in diesem Jahr insgesamt vier Schulen, die nicht alle gemeldeten Kinder aufnehmen werden. Betroffen seien demnach 50 der insgesamt 700 Chemnitzer Kinder, die im Sommer von der Grund- in die Mittelschule wechseln. Um welche Einrichtungen es sich hierbei handelt, wollte Bildungsagentur-Sprecher Lutz Steinert nicht sagen. "Die Eltern erhalten den Bescheid über die Schulaufnahme ihres Kindes erst am 8. Juni", erkläre er. "Diesen Informationen an die Familien soll nicht vorgegriffen werden."
In der Sache selbst scheint die Behörde, die dem Dresdner Kultusministerium untersteht, wenig kompromissbereit. Eltern könnten für die weiterführende Schule zwar Wünsche äußern, ein Rechtsanspruch bestehe hingegen nicht, so Steinert. Mit der Stadt Chemnitz als Schulträger und den jeweiligen Schulleitungen seien Festlegungen zur Klassenbildung für die einzelnen Einrichtungen getroffen worden. Das Ziel dabei sei gewesen, "eine möglichst ausgewogene Klassenbildung an allen Schulstandorten der Stadt zu erreichen".
Eltern reagieren verärgert
Die Aussagen des Behördensprechers empfinden die Eltern als zynisch. "Es kann doch nicht sein, dass die schöne Ausgewogenheit auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen wird", sagt ein Vater. Was ihn besonders ärgert, ist der Umstand, dass auch der Zweitwunsch seines Sohnes nicht akzeptiert wurde. Der wäre die Mittelschule Schönau gewesen, doch auch diese Einrichtung ist mit 60 Anmeldungen bereits überfüllt. Bleibt nur die Mittelschule Altendorf. "Damit wird ein staatlich sanktionierter Schüler-Tourismus in Gang gesetzt", sagt der Vater.
Träger aller Mittelschulen ist die Stadt Chemnitz. Dort hält man sich aber zurück. Für die Klassenbildung sei die Bildungsagentur und damit der Freistaat verantwortlich, teilt die Rathaus-Pressestelle mit. Es sei eben so, hieß es weiter, dass einige Stadtteile dichter besiedelt sind als andere. "In der Regel bevorzugen Eltern eine wohnortnahe Beschulung. Somit kommt es an diesen Schulen zu mehr Anmeldungen." Entsprechend der Kapazitäten müssten die Schüler dann eben an einer anderen Schule aufgenommen werden.
Zumindest im Fall der Reichenbrander Mittelschule wollen die betroffenen Eltern das nicht hinnehmen. Platz für eine dritte fünfte Klasse sei im Gebäude an der Lennéstraße durchaus vorhanden, sagen sie und fügen hinzu: "Wir erwarten von den Verantwortlichen, dass diese dritte Klasse im Herbst auch eingerichtet wird."


09:30 Uhr
Leenchen: Tipp: Meine Enkelin besucht die Evangelische Mittelschule Burkhardtsdorf- tolle Einrichtung, schöne Atmosphäre, sie fühlt sich wohl. Für uns aus Erfenschlag die beste Möglichkeit. Für die Kinder aus Reichenhain vielleicht auch?
07:44 Uhr
Jothade: Stimmt, Schreckenskäferchen!
Schulkinder sind schon ein paar Jahre vor ihrer Schulpflicht auf der Welt, die entsprechenden Daten dafür liegen aktuell in Chemnitz als auch in Kamenz vor.
Und es gibt genug Leute, die ausreichend laaange auf Kosten der Gesellschaft studiert haben und jetzt ausreichend verdienen, um fachlich ausreichend planen zu können!
Sogar in und/oder für Chemnitz!
21:35 Uhr
HorrorBeetle: Ich muss daran erinnern, dies keine Gemeinheit einer Landesbehörde ist, sondern ein langjähriges Versäumnis der Politik.
Zum einen der Landesregierung und deren Bildungspolitik, zum anderen der Kommunalpolitik und deren Schulnetzplanung. Die benötigten Schulkapazitäten kann man bei Mittelschulen und Gymnasien bis zu sieben Jahre im Voraus planen.
14:56 Uhr
schnellleserin: es ist einfach nur zum kotzen, wie das mit den Schulen läuft - Entschuldigung, aber leider kann ich das nicht mehr besser ausdrücken.
Lieber Staat, die Kinder sind die wertvollsten Resourcen, die du hast - bitte gehe doch einfach mal ein wenig besser mit ihnen um.
10:09 Uhr
809626: Zwei Zeitungsmeldungen vom 01.06.12, die nur indirekt zusammengehören - und sich dennoch beißen: Erstens ist heute Internationaler Kindertag beziehungsweise Weltkindertag, und Zweitens: eine Chemnitzer Schule weist Kinder ab.
Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel. Und egal, wie die Kindheit wirklich war: Bei den meisten war wohl in der Erinnerung die Kindheit schön und der beste Abschnitt im Leben!
Ich mag Kinderaugen, denn sie sind so frei - sie lachen und weinen, und sind ehrlich dabei, singt Norbert Leisegang und seine Gruppe Keimzeit.
Der Kindertag ist eigentlich international und - genauso wie der Frauentag keine sozialistische oder DDR-Erfindung. Auch wenn das mancher glauben mag. Aber im Vergleich zum Kommerz des Valentinstages und Halloween geht der Kindertag leider etwas unter. Kinder haben keine Lobby.
Aber ein anderes Phänomen lässt sich beobachten: Das Verschwinden der Kindheit, wie der amerikanische Soziologe, Gesellschaftskritiker und Buchautor Neil Postman feststellt und anschaulich erläutert. Die gesellschaftlichen Umstände sind daran nicht schuldlos!
Interview mit dem Autor: http://www.zeit.de/1998/16/Wenn_die_Kindheit_verschwindet
Das Buch zum Thema: http://www.amazon.de/Das-Verschwinden-Kindheit-Neil-Postman/dp/3596238552