Protestkundgebung gegen den NPD-Aufmarsch am Vormittag des 5. März auf dem Theaterplatz: "Der Gedanke, ganztägig Massen in Bereitschaft zur Gegendemo zu halten, wurde nicht realisiert."
Foto: Andreas Truxa/Archiv
Essay des Chemnitzers Hartwig Albiro zum 5. März: Die kollektive Befreiung
Nach Essay von Klaus-Gregor Eichhorn hat nun der frühere Chef des Schauspielhauses eine Erwiderung verfasst
Anlässlich des NPD-Aufmarschs am 5. März hatte der Filmemacher Klaus-Gregor Eichhorn in einem Essay das Phlegma der Chemnitzer beschrieben. Die Diskussion dazu ebbt nicht ab. Eine Erwiderung verfasst hat auch der frühere Chef des Schauspielhauses, Hartwig Albiro:
Klaus Gregor Eichhorns Meinung in seinem Essay "Die kritische Masse" ("Freie Presse" vom 24. März) ist aufregend und anregend. Eichhorn spitzt zu und überspitzt. Und irrt. Und sagt die Wahrheit. Und hofft. Und träumt. Er sagt seine Meinung. Er ist unbequem, aber er kann zuhören. Und Meinungen annehmen. Gut, dass es solche wie ihn gibt. Er klagt nicht in erster Linie gegen die Alten, sondern nimmt sich und seine Generation selbst in die Pflicht. Seit Jahren. Ein Rufer in der Wüste?
1989
Es ist richtig - Massendemonstrationen wie im Herbst 1989 gehören der Vergangenheit an. Auch die Bereitschaft, sich bedingungslos einzubringen - Kraft, Zeit einzusetzen für ein großes gemeinsames Ziel. Dieses war in den aufregenden Monaten des Herbstes 89 leicht zu benennen: Die Veränderung der Verhältnisse. Die Reformierung der DDR. Es war die kollektive Befreiung aus dem vormundschaftlichen Staat. Nicht die Brotfrage wie in der Französischen und in der Oktoberrevolution, sondern das Recht auf freie Meinungsäußerung und Selbstbestimmung, Reisefreiheit und freie Wahlen waren bestimmende Themen dieser friedlichen Volkserhebung.
Natürlich waren wirtschaftliche Engpässe, die Umweltverschmutzung, das Phrasengedresche der Funktionäre, der Wohnungsmangel, die Drohgebärden der Staatsmacht mit ihrem Spitzelapparat und viele andere Begleitumstände des verkrusteten und veralteten Systems Multiplikatoren der Unzufriedenheit. Aber für mich und viele Theaterleute des Landes war es die geistige Enge, die uns in den September- und Oktobertagen zum Handeln zwang. Das Maß war voll!
Der friedliche Schweigemarsch von 1500 Karl-Marx-Städtern am 7. Oktober und der öffentlich artikulierte Protest am gleichen Abend im Schauspielhaus waren die Initialzündung für einen einmaligen und unwiederholbaren Vorgang. Es war völlig selbstverständlich, dass die Veränderung der Gesellschaft die Veränderung des einzelnen einschließt. Dies wurde praktiziert mit Ideenreichtum und Selbstlosigkeit. Der Gang in die neue Zeit war mühsam - das Feuer der Revolution wandelte sich in die Wärme der Meinungsfreiheit und in die Mühen und Mühlen der Demokratie. Aus dem Wunsch nach der reformierten DDR wurde der Ruf nach der D-Mark. Die revolutionäre Flut fächerte sich auf - der Strom wurde zum Delta.
2011
Die Situation jetzt ist grundsätzlich anders. Das bürgerschaftliche Engagement hat sich in vielen Vereinen und Interessengruppen formiert. Mit der Gründung des Bürgervereins "Fuer Chemnitz" gab es vor 15 Jahren den Versuch, einzelne Gruppierungen zu einer großen Massenbewegung zu bündeln. Das ist nicht gelungen. Die Absicht, das große Feld Stadt gemeinsam zu bestellen, endete im Klein-Klein mit der sorgsamen Pflege des Beetes vor der eigenen Haustür. Es gab und gibt intensive und aktive Arbeit in allen Bereichen: Sport, Freizeit, Museen, Stadtteile, Fördervereine. Einzelne Schulen und Gymnasien. Gesellschaften. Nicht zu vergessen die Kirchen und die Gewerkschaften. Für Mitarbeit ist ein weites Feld geöffnet.
Der Bürgerverein hat mit der Auslobung des Chemnitzer Friedenspreises ein weithin beachtetes Zeichen für Menschlichkeit und Toleranz gesetzt. Der Rosengarten am Schlossteich ist "ausgebucht", eine weitere Anlage an der Augustusburger Straße ist in Arbeit. Nicht wenige Gruppen, Vereine, Organisationen haben sich dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verschrieben. Bürgerforen und Podiumsdebatten laden ein zur Diskussion um die Perspektive der Stadt. Grundsätzlich ist allerdings schon zu fragen, wie es mit der Solidargesellschaft im weitesten Sinn bestellt ist. Geben und Nehmen geht alle an. In Notsituationen (Schneechaos/Hochwasser) könnten Nehmende mit ihrer Arbeitskraft und Fantasie etwas an Werten zurückgeben. Wo bleibt die sichtbare Absicht der Stadtverwaltung, so etwas zu verlangen? Ein Frühjahrsputz macht noch keinen Sommer! Die oft diskutierte Frage der Sozialschmarotzer harrt einer Lösung.
Am 5. März 2011 kamen nur etwa 2000 Bürger, um sich den Neonazis entgegenzustellen. In Passivität gehaltene Bevölkerung?
Ein Analyseversuch
Die Idee, die von den Neonazis zum "Trauermissbrauch" am 5. März gewünschten Plätze durch rechtzeitige Anmeldung von Gegenkräften zu besetzen, hatte über mehrere Jahre Erfolg. Zunehmend entwickelt sich aber nun ein Wettbewerb um die Erstanmeldung. Wer zuerst anmeldet, hat das Recht der Gewährung und des Schutzes. Es geht nicht mehr vorrangig um die Sache, sondern darum, mit Tricks juristische Hürden zu meistern. Ein beschämendes Hase-und-Igel-Spiel! Wie man hört, hat die NPD bis 2017 ihre jeweilige Teilnahme zum 5. März angemeldet.
Das "Chemnitzer Bündnis für Frieden und Toleranz - Kein Platz für Nazis" versuchte im Vorfeld, unterschiedliche Positionen unter dem gemeinsamen Nenner "Verhinderung der braunen Marschierer" zu bündeln. Viel fleißige, anstrengende ehrenamtliche Arbeit! Die wesentlichen Plätze der Innenstadt waren von Chemnitzern besetzt und wurden mit fantasievollem Engagement gestaltet. Aber die Zersplitterung der Kräfte war dadurch programmiert - der Gedanke, ganztägig Massen in Bereitschaft zur Gegendemo zu halten, wurde nicht realisiert. "Gegen die Nazis - Ja! Aber den ganzen Tag dafür abrufbereit zu stehen? Schwierig." Im Zeitalter von "Time is Money" ist das erklärbar. Auch mangelnde Kommunikation untereinander war auszumachen. "Wo sind die Nazis? Wann sollen wir wo sein?" war oft zu hören.
Dennoch, vom Theaterplatz bis zum Neumarkt pulsierte friedliche demokratische Kreativität. Gegen 15 Uhr setzte sich innerhalb des "Hochsicherheitstrakts" der braune Sumpf, behütet und geschützt, zum "Trauermarsch" durch die Innenstadt in Bewegung. Vom Hubschrauber beobachtet, durch Sperrketten behindert, verschaffte sich der Protest mit der Oberbürgermeisterin an der Spitze am Forum Gehör, aber aufgehalten wurden die Neonazis dadurch nicht. Es wirkt wie Ironie: Die Friedenskräfte sind objektiv immer zum Reagieren verdammt. Ein Circulus vitiosus!
Die Frage heißt daher: Wie kommt man vom Reagieren zum Agieren? Man muss vielleicht völlig neu denken. Ein Sternmarsch zu einer zentralen Stelle? Eine Kurzdemonstration in Zeitnähe zur Ankunft der Nazis? Oder (ich weiß, ganz unpopulär!) die Nazis unbeachtet laufen lassen - aber anschließende Säuberung und Desinfizierung der Naziroute vom braunen Morast mit Reinigungsfahrzeugen der Stadt und den mit Besen und Schrubbern bewaffneten Bürgern? Kleine Randfrage: Wenn statt der 2000 die gewünschten 5000 Chemnitzer da gewesen wären, hätte das am Verhalten der Polizei Wesentliches geändert? "Wir stehen da und sind betroffen, der Vorhang zu und alle Fragen offen", hieß es bei Brecht.
Recht auf zivilen Ungehorsam?
Das eigentlich Enttäuschende ist für mich nicht die Zahl der Teilnehmer (wenn man die vielen Akteure und Besucher der einzelnen Aktionsflächen dazu rechnet, kommt man sicher auf wesentlich mehr als 2000), sondern das unangemessene Verhalten der Polizei. Mit Warnungen vor möglichen Ausschreitungen, mit einer Fülle von Halteverbotsschildern wurde versucht, die Chemnitzer vom Besuch der Innenstadt abzuhalten. Die Absperrmaßnahmen hatten die Dimensionen eines unerwünschten Staatsbesuches.
Den (verspätet?) angemeldeten Veranstaltungen der Nazigegner wurden erst am Vorabend andere Plätze zugewiesen. Das alles, um den Marsch und eine Spontankundgebung der "braunen Trauergäste" zu ermöglichen. Die Hüter einer freiheitlichen demokratischen Ordnung räumen die friedlichen Mahner für Toleranz und Demokratie mit größtmöglichster Konsequenz (Härte) hinweg und erkämpfen den Freiheitsgegnern die Vorfahrt.
Das kann, nein, das darf man nicht hinnehmen. Keine Freiheit denen, die die Freiheit bedrohen! Dass der Polizeipräsident sich nicht der öffentlichen Debatte stellen will - die Zahl der Anzeigen gegeneinander ausspielt -, das passt in das Gesamtbild. Der Ruf "Keine Gewalt" ertönte an der Zentralhaltestelle. Die Sticker waren von der AG Chemnitzer Friedenstag gedacht als Aufforderung zur prinzipiellen friedlichen Auseinandersetzung, auch als Mahnung an einige, der linksextremen Szene nahestehende "Tränentrockner". Der Ruf wurde nötig gegen die Staatsmacht. Doch eine Parallele zu 1989? Wie sagte schon der alte Elisabethaner: "Hier ist was faul im Staate Dänemark."
Kreatives Viertel
Eines muss angemerkt werden. Ein klares Ja zu Eichhorns Forderung nach dem "Kreativen Viertel". Ein großer Verlust ist der den kommerziellen Interessen geopferte Versuch des Experimentellen Karrees. Die Wunden der Amputation von Voxxx und Splash sind kaum vernarbt. Zarte Pflanzen keimen. Das Weltecho. Das Exil im Schauspielhaus. Der Garten "Bunte Erde" an der Mehringstraße. Die Jugendherberge am Getreidemarkt. Aber auch das ist Zersplitterung. Die Stadt braucht dringend den Humus der alternativen Äußerung in der Großfläche. Keine staatlich-städtische Düngung - aber auch keine Behinderung des Wildwuchses. Ein Konzept für den Brühl liegt vor, so Eichhorn. Gibt es bald die öffentliche Debatte? Dann könnte Chemnitz beweisen, das es mehr ist als die Stadt der Rentner und der Volksmusik-Liebhaber.
Eichhorns Thesen
Unter dem Titel "Die kritische Masse" beschrieb der Chemnitzer Filmemacher Klaus-Gregor Eichhorn in der "Freien Presse" vom 24. März seine Eindrücke von Chemnitz und den Ereignissen rund um den NPD-Aufmarsch am 5. März. Eichhorn zieht in dem Text den Schluss, dass die Passivität vieler Bürger eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft ist. Als Belege nennt er "100 Jahre Domestizierung in den Fabriken, 40 Jahre sozialistische Musterstadt und 20 Jahre Raub aller Lebenssicherheiten". Das Phlegma der Chemnitzer ist laut Eichhorn nur von einer Ausnahme gekennzeichnet - von den Ereignissen der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR. Die Proteste im Herbst 1989 gingen auch von Karl-Marx-Stadt aus, als am 7. Oktober 1989 rund 1500 Menschen vom Luxor-Palast in die Innenstadt zogen. Das gesamte Essay zum Nachlesen: www.freiepresse.de/eichhorn
Ihre Meinung ist uns wichtig: Ihren Beitrag zur Leserdebatte können Sie per E-Mail schicken. Die Adresse lautet: perspektiven@freiepresse.de .
Oder benutzen Sie unsere Kommentarfunktion!
Hartwig AlbiroFoto: Ronny Rozum/Archiv
Der Autor
Hartwig Albiro, Jahrgang 1931, war Ensembleleiter, Schauspieler und Regisseur. Nach Engagements am Theater Görlitz und am Berliner Ensemble wurde er 1971 Schauspieldirektor in Karl-Marx-Stadt. Am 7. Oktober 1989 trug er abends im Schauspielhaus eine Protest-Resolution vor, die zusammen mit dem Schweigemarsch Auslöser für die friedliche Revolution in Karl-Marx-Stadt war.



23:07 Uhr
eavoll: Sehr geehrter Herr Albiro,
nachdem ich Ihren Essay nun mehrmals gelesen habe, fühle ich mich aus verschiedenen Gründen genötigt, die ganze Sache zu kommentieren. Ich werde mich dabei auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Zu 1989 kann ich mich nur bedingt äußern. Ich war nicht dabei. Dennoch drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Geschichte vom selbstlosen Kollektiv, dass im Kraftakt der "friedlichen Revolution" den Schritt von der staatssozialistischen Ödnis zur "D-Mark-Utopie" getan und sich damit selbst befreit habe, Romantisierung in nicht geringer Menge geladen hat. Nun gut, ich muss es als Verumtung stehenlassen.
***
Zum bürgerschaftlichen Engagement in Chemnitz: Sie schreiben: "Das bürgerschaftliche Engagement hat sich in vielen Vereinen und Interessengruppen formiert. [...] Es gab und gibt intensive und aktive Arbeit in allen Bereichen: Sport, Freizeit, Museen, Stadtteile, Fördervereine. Einzelne Schulen und Gymnasien. Gesellschaften. [...] Nicht zu vergessen die Kirchen und die Gewerkschaften."
Das mag alles seine Richtigkeit haben. Es ist allerdings einigermaßen blauäugig, aus der reinen Organisiertheit der Chemnitzer Bürgerschaft positive Schlüsse für das politische und soziale Klima in der Stadt zu ziehen, frei nach dem Motto, das Gute schlummere in der Bevölkerung und brauche nur eine Struktur um sich zu entfalten. Jeder erahnt, dass genau das Gegenteil der Fall ist.
Wenn bspw. im hiesigen Vereins-Fußball alles in Butter wäre, bräuchte es sicherlich keine Info-Ausstellung zu Fußball und Diskriminierung, wie sie derzeit im Tietz zu sehen ist.
Genauso ist ein positiver Bezug auf (institutionalisierte) Stadtteilarbeit problematisch. Das, was sich da Quartiersmanagement oder Stadtteiltreff nennt, ist doch nur Symptom jener umfassenden Verwaltung, jener totalen Integration in die herrschenden Verhältnisse, die Theodor W. Adorno schon für 50 Jahren als absolut entmenschlichend kritisiert hat.
Wenn sie sich also schon dazu hinreißen lassen, eine "intensive und aktive Arbeit in allen Bereichen" zu loben, sollten sie auch danach fragen, wie diese Arbeit konkret aussieht. Das scheint aber offenbar irrelevant zu sein: Es wird eben viel gearbeitet und einen Platz für die eigene Selbstausbeutung ("Mitarbeit" auf dem "Markt des Ehrenamts") gibt es in diesem demokratischen Beteilungsmodell auch noch. Wunderbar.
Als Beweis für die Güte dieser aktivbürgerlichen Sturkturlandschaft soll schließlich der Fakt herhalten, dass sich "[n]icht wenige" Vereinigungen "dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" verschrieben hätten und Bürgerforen öffentlich über Perspektiven der Stadtenwicklung diskutieren. Vielmehr ist es aber doch ein Armutszeugnis für die hiesigen Akteure, dass sie selbst 2011 noch nicht über das infantile Herumgedrukse hinausgekommen sind, dass sich hinter diesen hohlen Phrasen verbirgt.
Mal in aller Deutlichkeit: Ich bezweifle, dass der Großteil derer, die sich da irgendwo auf einen Antirassismus verplfichten, überhaupt einen Begriff von Rassismus hat. Außerdem bewegen sich öffentliche Diskussionen zu Perspektiven der Stadtentwicklung hier zumeist auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Ich möchte den Verantwortlichen aus Stadtpolitik und Gebäudewirtschaft an dieser Stelle nicht zu nahe treten, aber man gewinnt leider immer wieder den Eindruck, dass es da - reformerisch ausgedrückt - arge Kompetenzdefizite gibt. Und zwar nicht etwa deshalb, weil eine bestimmte Politk nicht umgesetzt wird, sondern weil die Forderungen nach Ausnahmen von der stadtpolitischen Regel in ihren Beweggründen, Inhalten und Zielen scheinbar überhaupt nicht verstanden werden.
***
Der Bürgerverein "Fuer Chemnitz" und sein "Friedenspreis":
"Der Bürgerverein hat mit der Auslobung des Chemnitzer Friedenspreises ein weithin beachtetes Zeichen für Menschlichkeit und Toleranz gesetzt."
Vielmehr scheinen mir die friedensbewegten Aktionen am 5. März ein Akt der Freistellung von kritischer Reflexion der Geschichte zu sein - und Menschlichkeit und Toleranz leere Hüllen, die man ob ihrer semantischen Schwammigkeit auch mit keinem sinnvollem Inhalt zu füllen vermag. Sinnvoll wäre es, sich stattdessen über seine eigene Toleranzgrenze Gedanken zu machen. Ich bin darauf bereits in meinem zweiten Kommentar zu K. G. Eichorns Essay "Die Kritische Masse" ausführlicher eingegangen, deshalb soll an dieser Stelle der Verweis genügen.
***
"Das "Chemnitzer Bündnis für Frieden und Toleranz - Kein Platz für Nazis" versuchte im Vorfeld, unterschiedliche Positionen unter dem gemeinsamen Nenner "Verhinderung der braunen Marschierer" zu bündeln. Viel fleißige, anstrengende ehrenamtliche Arbeit! Die wesentlichen Plätze der Innenstadt waren von Chemnitzern besetzt und wurden mit fantasievollem Engagement gestaltet. Aber die Zersplitterung der Kräfte war dadurch programmiert..."
Es war leider falsch am 5. März 2011 für Frieden und Toleranz und nur gegen Nazis auf die Straße zu gehen. Eine Auseinandersetzung mit dem geschichtlichen Ereignis - und damit ist keine bloße Benennung gemeint - fand im bürgerlichen "Protest" nicht statt. Da nützt alle Rede von der fleißigen, anstrengenden und ehrenamtlichen Arbeit nichts, dient sie doch im Endeffekt nur der Denunziation der kritischen, womöglich "linksextremen" Akteure, die sich scheinbar als einzige ernsthaft für den historischen Zusammenhang der Bombardierung interessieren.
***
"Es wirkt wie Ironie: Die Friedenskräfte sind objektiv immer zum Reagieren verdammt. Ein Circulus vitiosus!
Die Frage heißt daher: Wie kommt man vom Reagieren zum Agieren? Man muss vielleicht völlig neu denken. Ein Sternmarsch zu einer zentralen Stelle? Eine Kurzdemonstration in Zeitnähe zur Ankunft der Nazis? Oder (ich weiß, ganz unpopulär!) die Nazis unbeachtet laufen lassen - aber anschließende Säuberung und Desinfizierung der Naziroute vom braunen Morast mit Reinigungsfahrzeugen der Stadt und den mit Besen und Schrubbern bewaffneten Bürgern?"
Das wäre blinder Aktionismus. Überhaupt ist die Frage, wie man vom Reagieren zum Agieren kommt, völlig irrelevant: Reagieren ist ein Agieren. Statt sich im demokratischen Pro-Aktionismus der antifaschistischen Selbstversicherung zu verlieren, sollte sich die hiesige "Zivilgesellschaft" lieber an der kritischen Auseinandersetzung mit dem 05.03.1945 verausgaben.
***
"Der Ruf "Keine Gewalt" ertönte an der Zentralhaltestelle. Die Sticker waren von der AG Chemnitzer Friedenstag gedacht als Aufforderung zur prinzipiellen friedlichen Auseinandersetzung, auch als Mahnung an einige, der linksextremen Szene nahestehende "Tränentrockner"."
Welches Gewaltszenario haben sie denn von "der linksextremen Szene nahestehende[n]" Personen erwartet? Evtl. die entschlossene Verhinderung eines nicht duldbaren Naziaufmarsches in der Chemnitzer Innenstadt am Jahrestag der Bombardierung? Man sollte schon wissen, was man politisch will - und was nicht.
In jene bürgerlich-konsensuale Argumentationsschiene passt sich dann auch die Denunziation eines kritischen Historiker_innen-Kollektivs als "linksextreme Tränentrockner" wunderbar ein. Ein weiteres Mal wird das Konstrukt von der sauberen demokratischen Mitte bedient, die von linken und rechten Extrempositionen gleichermaßen bedroht sei. Menschenverachtende Ideologien wie Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie werden als gesellschaftliche Randphenomäne (rechtsextrem) verkannt und auf eine Stufe mit dem Ziel einer tatsächlichen Überwindung unwürdiger Verhältnisse (Antifaschismus, Antikapitalismus) herabgesetzt (linksextrem). Auf dieser Denkebene kann man dann auch nur bei nahezu völlig sinnentleereten Slogans wie "Für Frieden und Toleranz" landen.
***
"Die Stadt braucht dringend den Humus der alternativen Äußerung in der Großfläche."
Da muss ich Ihnen ohne Abstriche zustimmen. Die 4000 Quadratmeter erkämpfter Leerstand in der Leipziger Straße sind dafür mittlerweile ein ernstzunehmender Ansatzpunkt.
"Dann könnte Chemnitz beweisen, das es mehr ist als die Stadt der Rentner und der Volksmusik-Liebhaber."
Darum sollte es einer "alternativen Äußerung" allerdings nicht im Geringsten gehen.
***
E. A. Voll