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  • 31.03.2011
    20:06 Uhr

    gelöschter Nutzer: Ei, ei, ei --- ich denke, dass müssen wir mal in Ruhe besprechen, das sprengt hier den Rahmen. Wenn Du dich zu erkennen gibst, können wir das auch tun.

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  • 31.03.2011
    16:29 Uhr

    eavoll: "Ich denke, man muss differenzieren, was ein Begriff (Chemnitz, Heimat, Jugend etc.) tatsächlich bedeutet (wer auch immer das festlegen soll...) und wie er in einem bestimmten Kontext gemeint ist."

    In Deinem Essay erscheint mir der Kontext und die Bedeutung dieser Begrifflichkeiten recht eindeutig als ablehnenswert.


    ***


    "Wenn sich die Antifa nicht mit "den Zielen" der "Bürgerlichen" identifizieren kann, ist das auch völlig in Ordnung - aber sie sollte sich mit EINEM der Ziele identifizieren können, nämlich gegen Nazis zu sein. U.a. das meinte ich mit der Fähigkeit zum Komprmiss als eine Voraussetzung für Demokratie überhaupt (was mangelnde Kompromisse innerhalb der sog. "Linken" in den Dreißigern für Konsequenzen hatten, wissen wir ja nun). Ich denke, man sollte auch weniger "Radikalen" zugestehen, dass sie vielleicht das Beste wollen, nur einen anderen Weg einschlagen, ein übergeordnetes "Richtig" gibt es ja nun eben leider nicht."


    ***


    "Antifa" identifiziert sich automatisch immer mit dem Ziel gegen Nazis zu sein, aber eben nicht nur damit. Radikaler (also tatsächlicher) Antifaschismus geht weit darüber hinaus, indem er auch den bürgerlichen Konsens angreift, die Kritik am bunten Variantengemenge der Menschenverachtung also nicht nur am rechten Rand platziert. Das hat einen ganz banalen Grund: Das Ekelhafte beginnt in der Mitte dieser Gesellschaft. Zum Beispiel dort, wo liebenswerte Familienväter meinen, bei Sexualstraftätern gehöre "dor Kopp runnor". Oder da, wo jemand, der sich zu einem vierstelligen Monatsgehalt hochgerackert hat, fordert, dass Hartz IV-Empfänger gefälligst aufhören sollen über Deutschland zu meckern - schließlich werden sie ja von diesem Staat finanziert. "Wem's hier ne passt, der kann abhaun." - Wer Deutschland nicht liebt soll Deutschland verlassen.

    In eine ähnliche Kategorie gehören Aussagen nach der Façon, "Die Amis" ("Schweine") haben am 5. März 1945 "unsere Siedlung" statt die benachbarten Industriebauten bombardiert und dabei den Feuertod der lieben Großmutter verursacht. Derartige Gedankengänge können sich natürlich auch vielfach subtiler äußern: Der NS war schlimm, aber die Bomberdierung von Chemnitz sei "ungerechtfertigt" oder "unverhältnismäßig" gewesen. Hier fängt die Argumentation an, die beim "Bombenholocaust" endet.

    Was Nazis und Bürger im "Gedenken" an alliierte Bombennächte nämlich leider eint ist das Opfersein: "Während die Nazis unverhohlen Opfer- und Täterschaft verdrehen, zelebriert die bürgerliche Öffentlichkeit ihre Selbstwahrnehmung, im Nationalsozialismus Opfer und Täter zugleich gewesen zu sein." (http://dresden-opferfrei.de.vu/aufruf.html)
    In Chemnitz ist es, wie sonst auch, noch schlimmer: Die friedensverballerten Aktivbürger, Parteigestörten, Gewerschaftsheinis und Vereinstrottel, die da am "Chemnitzer Friedenstag" auf die Straße schwappen, entledigen sich gleich von vorherein jeglichen politischen Inhalts, der über "Für Frieden!" und "Gegen Nazis!" hinausgeht.

    Der diesjährige Aufruf des bürgerlichen Bündnises (http://chemnitz-nazifrei.de/?p=153) gestaltete sich dann auch entsprechend. Der einzige Satz, der darin nicht sofort mit dem Attribut "Thema verfehlt" belegt werden müsste, ist folgener: "Genauso wenig dürfen wir zulassen, dass an diesem Tag die Geschichte relativiert wird." Das war's dann aber auch. Von einer Auseinandersetzung mit der Historie keine Spur. Das braucht's für den eigentlichen Zweck dieser Veranstaltung auch nicht. Man will sich ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen; das Gedenken und der Protest sollen schließlich für alle offen sein, sich nicht selbst als Faschisten oder Antisemiten ("Nazis") begreifen. Und was für ein Protest: "Das Bündnis ruft alle dazu auf, sich kreativ, bunt und lautstark den Nazis entgegen zu stellen. Der Protest wird dabei vielschichtig gestaltet: Vom ?Demokratiepicknick? über die Teilnahme an Gegenkundgebungen bis hin zu einfallsreichen Aktionen." Richtig, wer protestiert muss vor allem kreativ (konstruktiv) sein ("Davidsterne basteln gegen Rechts" etc.). Wer aber auf der einen Seite offenbar immer nur sagt, was an den Nazis falsch ist, ohne dabei das Richtige an der bürgerlichen Gesellschaft zu bennenen und obendrein den Nazis vielleicht auch noch militant (oder auch nur tatsächlich statt "symbolisch") auf die Pelle rücken will, leidet an mangelnder Kompromissbereitschaft. Schließlich soll hier ein "Zeichen für Demokratie und Toleranz" gesetzt werden.

    Diesen faulen Kompromiss, der ja "eine Voraussetzung für Demokratie überhaupt" zu sein scheint, auch am 5. März nicht mitzumachen, war dann wohl das einzig Richtige, zumal wir von einer Situation, wie sie in den 30er-Jahren herrschte noch ein gutes Stück entfernt sind. Und das dürfte wohl auch erstmal so bleiben.

    Das soll natürlich nicht heißen, von "den Nazis" gehe keine Gefahr aus - individuelle Erfahrungen zeugen vom Gegenteil. Es soll auch nicht heißen, dass man das, was sich am rechten Rand tut, nicht mit den Mitteln des demokratischen Rechtstaates bekämpfen soll. Aber eben nicht in dem Bewusstsein, dass in der Demokratie alles gut sei - und damit meine ich abstrakt gut, im Grunde in Ordnung - sondern, dass man den bürgerlichen Muff, der oft nur die Normalität zum Exzess "der Nazis" darstellt, genauso zu kritisieren hat. Die Fähigkeit, das zu begreifen, gestehe ich übrigens unterschiedslos jedem Chemnitzer Bürger zu.


    ***


    "Ich denke, man sollte auch weniger "Radikalen" zugestehen, dass sie vielleicht das Beste wollen, nur einen anderen Weg einschlagen, ein übergeordnetes "Richtig" gibt es ja nun eben leider nicht.
    Im übrigen glaube ich, man kann wirklich nur sich selbst ändern und dadurch vielleicht höchstens ein bisschen Vorbild sein. Den anderen immer wieder mitzuteilen, wie menschenverachtend sie im Kern sind, hilft nicht weiter (und wenn sie es sein sollten, verachten sie ja schließlich auch sich selbst). Auch lenkt es von den eigenen Defiziten ab. Dann arbeitet man persönliche Probleme mittels Weltverbesserung ab, wo man doch erstmal nur sich selbst verbessern müsste, oder ? Voneinander kann man dann ein bisschen lernen, wie das am besten gehen mag."


    ***


    Bei dieser Argumentation bleibt mir dann doch ein wenig der Frosch im Hals stecken. Als erstes möchte ich anmerken, das "Radikalität" eine qualitative Kategorie ist und nicht etwa eine quantitative, wie bspw. der Wert einer Ware. Radikal zu sein bedeutet, die Wurzel, das tatsächliche Wesen eines Problems erfassen zu wollen und daraus dann evtl. eine wie auch immer geartete Praxis (z. B. Wäschewaschen) zu entwickeln. Man ist also entweder radikal oder nicht.

    Zweitens ist die Frage nach einem übergeordneten "Richtig" eine schwierige Angelegenheit. Zumindest gibt es doch ein übergeordnetes "Falsch", nämlich immer dann, wenn eben Kategorien kritisiert werden (Demokratie, Ware, Freiheit etc.) und dabei rauskommt, dass sie verworfen werden müssen. Sich einer absoluten Relativität (Schönes Ding!) von richtig und falsch hinzugeben, kann nicht gut sein. Denn dabei wird "Meinungsfreiheit" schlussendlich darauf reduziert, dass man sich nicht eines Besseren belehren lassen müsse. Das sollte man aber unbedingt.

    Der Aussage, es würde nichts bringen, anderen immer wieder mitzuteilen, wie menschenverachtend sie sind, muss ich widersprechen. Genau darum geht es doch. Wichtig ist nur, dass man diese Kritik nicht aus der Position des Sich-Gesund-Wähnenden und fehlerfreien, widerspruchslosen "Übermenschen" formuliert. Man sollte sich stets der Sache bewusst sein, dass man selbst eben nicht über den Dingen steht, genauso "falsch" ist wie "das Ganze". Aber, wenn man diese Flaschheit erkennt, sollte man das nicht für sich behalten.

    Es ist schon eine interessante argumentative Konstellation, die hier gefahren wird: Erst heißt es, es sei sinnlos, anderen zu zeigen, wie menschenverachtend sie sind. Anschließend ist davon die Rede, dass man eigentlich "nur sich selbst verbessern", also Vorbild sein müsse. Im Kern also: Was ich an mir selbst nicht abstellen kann, darf ich bei anderen auch nicht kritiseren; ich muss erst fehlerfrei werden, um die Fehler anderer benennen zu drüfen. Hier wird eben jenes widerspruchslose Subjekt vorausgesetzt, dass ich oben kritisiert habe. Das würde ja heißen, solange man selbst von Pathologie durchzogen ist, darf man die Pathologie des Ganzen - der Gesellschaft - nicht kritisieren. Aber die Pathologie des Ganzen ist doch gerade der Grund für die Idiotie des Einzelnen. Wie soll er denn zunächst individuell über das Allumfassende hinauswachsen um es dann von außen zu kritisieren?


    ***


    "Zudem bringt es nicht viel weiter, mit dem großen letzten Paradies-Ziel zu beginnen, erste Schritte sind mühseliger,
    aber entscheidend."


    ***


    ...und vor allem sinnlos, wenn kein Spatenstich in den Boden erfolgt, auf dem diese Schritte geschehen sollen.


    E. A. Voll

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  • 28.03.2011
    11:40 Uhr

    gelöschter Nutzer: Schön, dass hier noch ein bisschen gepostet wurde...ich kann leider gar nicht einschätzen, wieviele Leute das Essay eigentlich gelesen haben bzw. wie sehr diskutiert wird (Diskussion und nicht "Rechthaben" war ja der Sinn der Sache).
    Ich kann leider nicht adäquat auf alles eingehen, daher nur die Kurzform.
    @kassner: Nun ja, mein Optimismus ist auch verhalten, gebe ich zu. Aber irgendwo muss man anfangen. Ich hoffe, dass ich nicht nur zu den Bekehrten predige.
    Übrigens wollte ich Umzug nach Leipzig nicht mit Rückzug gleichsetzen (habe ja selber dort studiert und bin immer wieder gerne da), was vom Leben haben zu wollen ist übrigens ziemlich clver. Ich glaube eben nur nicht an Erlösungsfantasien, die mit diesen Städten schnell in Verbindung gebracht werden.

    @chemnitzfan: Ich sehe schon, es scheint tatsächlich hier und da ein Missverständnis gegeben zu haben. Das werde ich beim nächsten mal (falls es eins geben sollte...) besser machen. Wie weiter unten schon klargestellt: Dieses Bild von "dem Chemnitzer" wollte ich gerade NICHT unterstreichen, sondern eben die kritisieren, die nun wieder alles darauf reduzieren !
    Ach und den "Gung" habe ich in fast 30 Jahren Chemnitz wirklich häufig gehört...

    @eavoll: Wer verbirgt sich dahinter ? Nun ja, besten Dank für das Lob, wobei ich ehrlich gesagt nicht sicher bin, ob ich mich wirklich darüber freuen soll. Denn die sich anschließende Kritik ist zwar durchdacht und mit einigen intellektuellen Kabinett-Stückchen verziert, leider werden aber wieder so Kategorien aufgemacht, mit denen ich leider nichts anfangen kann. Daher nur ganz kurz:
    Ich denke, man muss differenzieren, was ein Begriff (Chemnitz, Heimat, Jugend etc.) tatsächlich bedeutet (wer auch immer das festlegen soll...) und wie er in einem bestimmten Kontext gemeint ist.
    Zudem bringt es nicht viel weiter, mit dem großen letzten Paradies-Ziel zu beginnen, erste Schritte sind mühseliger,
    aber entscheidend.
    Wenn sich die Antifa nicht mit "den Zielen" der "Bürgerlichen" identifizieren kann, ist das auch völlig in Ordnung - aber sie sollte sich mit EINEM der Ziele identifizieren können, nämlich gegen Nazis zu sein. U.a. das meinte ich mit der Fähigkeit zum Komprmiss als eine Voraussetzung für Demokratie überhaupt (was mangelnde Kompromisse innerhalb der sog. "Linken" in den Dreißigern für Konsequenzen hatten, wissen wir ja nun). Ich denke, man sollte auch weniger "Radikalen" zugestehen, dass sie vielleicht das Beste wollen, nur einen anderen Weg einschlagen, ein übergeordnetes "Richtig" gibt es ja nun eben leider nicht.
    Im übrigen glaube ich, man kann wirklich nur sich selbst ändern und dadurch vielleicht höchstens ein bisschen Vorbild sein. Den anderen immer wieder mitzuteilen, wie menschenverachtend sie im Kern sind, hilft nicht weiter (und wenn sie es sein sollten, verachten sie ja schließlich auch sich selbst). Auch lenkt es von den eigenen Defiziten ab. Dann arbeitet man persönliche Probleme mittels Weltverbesserung ab, wo man doch erstmal nur sich selbst verbessern müsste, oder ? Voneinander kann man dann ein bisschen lernen, wie das am besten gehen mag.
    Als erstes lernt man wahrscheinlich, dass man die eigenen Ansprüche nicht mal selbst erfüllen kann. Und das ist auch gar nicht schlimm, solange man sie eben nicht erwartet sondern nur anstrebt.
    Viele Grüße !

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  • 27.03.2011
    13:08 Uhr

    eavoll: Zu meinem eigenen Kommentar: Ich muss es doch sehr beklagen, dass im "Layout" des untenstehenden Textes jegliche Struktur abhandengekommen ist. Der Text hatte ursprünglich Absätze und klar definierte Überschriften. Eine sinnvoll programmierte Kommentarfunktion hätte daraus sicher nicht so einen "Strukturmüll" generiert (vgl. z. B. Blogsport).

    Also, nochmal zur Erläuterung: "<i></i>" bedeutet kursiv. Das ist eigentlich HTML-Standard und es ist mir absolut schleierhaft, warum das dann nicht korrekt interpretiert wurde. Des weiteren sind die meisten Fragezeichen im Text als Anführungszeichen bzw. Gedankenstriche zu lesen. Ich hoffe, dass hilft, sich im diesem Chaos ein wenig zurechtzufinden.

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  • 26.03.2011
    22:07 Uhr

    eavoll: <i>Sehr geehrter Herr Eichhorn, lieber Klaus-Gregor,</i>

    ich möchte Dich zunächst ohne Brüche zu diesem Essay beglückwünschen. Ich war in der Tat positiv überrascht ? und das kommt bekanntlich selten vor. Seine Eisbrecherfunktion hat Dein Beitrag vermutlich in gewissem Maße erfüllt. Dennoch möchte ich hier ein paar Worte (Haha!) zum Inhalt des Textes verlieren.
    Eine umfassende Kritik würde leider meine momentanen Kapazitäten von Lust, Laune, Konzentration und Schlafentzug sprengen. Ich werde deshalb in mehreren kurzen Kommentaren auf Punkte eingehen, die es hier zu kritisieren gilt.

    <i>1. Chemnitz abschaffen</i>

    Der Artikel erweckte bei mir den unangenehmen Eindruck, ?Chemnitz? sei Dir in einer kritikwürdigen Weise ? nämlich als Apparat ? wichtig. Es liest sich in gewisser Hinsicht geradezu so, als gehe es überhaupt um ?Chemnitz?, ?den Chemnitzer? oder gar ?alle Chemnitzer?. ?Chemnitz? und ?die Chemnitzer? sind aber doch genauso egal wie die ?Zukunft? der Leipziger Straße 1. Die Kategorie ?Chemnitz? taugt nichts, wenn es tatsächlich darum geht, dass Menschen die Möglichkeit erhalten sollen, ihre Lebensumwelt so gut wie möglich nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Das braucht man nicht für Chemnitz und auch nicht für Deutschland zu erstreiten; es steht ja geradezu im Gegensatz zu diesen Dingen. Soll heißen: Wer fordert, dass die Dinge der Menschen Willen existieren sollen und nicht andersrum, müsste viel eher die Forderung nach der Abschaffung von Chemnitz oder Deutschland geltend machen, statt sich in (lokal-)patriotischer Manier an diese Objekte zu klammern.

    (Lokal-)Patriotismus ist eine üble und noch dazu leicht zu durchschauende Dummheit: Zuerst klammert sich der Benachteiligte an das Objekt (Chemnitz), in dem Glauben dass es allen gut (oder auch nur 'besser') gehe, wenn es um das Objekt besser bestellt wäre. Folgend setzt er alles daran, dem Objekt ? dem es unzweifelhaft schlecht gehen muss, weil es ihm ja selbst schlecht geht ? bei der guten Besserung behilflich zu sein. Im Kampf für das bessere Objekt (und eben nicht ein selbstbestimmtes Leben, dass die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse garantieren könnte) nimmt er alle möglichen Entbehrungen in Kauf. Da ist der Lebensstandard auf einmal egal. Es kommen ja bessere Zeiten. Man arbeitet dran. Eine Armut, die gern gesehen ist.
    Über all dem verdrängt der Patriot gekonnt seine fortlaufende Selbstzerstörung für das bessere Regiertwerden, die fairere, evtl. sogar reinere Konkurrenz, kurz: die gerechtere Ungerechtigkeit, Ungerechtigkeit auf einer vermeintlich gerechteren, im Kern unveränderten Basis. Eine Garantie dafür, dass man diese Ungerechtigkeit dann nicht als solche anerkennen muss, weil für einen selbst genug dabei rumkommt, gibt es natürlich nicht. Spätestens hier wird es deutlich: Der Objektverhaftete ? er muss nicht mal Patriot sein ? ist im Regelfall auch ein Idiot.

    Für die Stadt ist Lokalpatriotismus natürlich in gewisser Form ? nämlich als Identifikation ? für den Selbsterhalt und das Fortkommen wichtig. Warum dürfte bereits klargeworden sein. Deshalb wird sich auch auf der einen Seite drüber beschwert, dass ?'[d]er Chemnitzer an sich' (...) passiv, desinteressiert, konsumverblödet, demokratieunfähig? und eben kein Lokalpatriot ist und auf der anderen Seite drüber gemeckert, dass er ?vielleicht sogar latent rechtsradikal? ist, weil er den Lokalpatriotismus schon wieder so exzesshaft betreibt, dass es ?die Stadt? gefährdet. Zwischen dem Guten, Moderaten und dem Exzesshaften gibt?s aber im Kern keinen Unterschied.

    Der Gebrauch der Kategorie Chemnitz mag in deiner Argumentation reines Nutzargument (Glaubwürdigkeit etc.) oder gar nur eine begriffliche Schluderei sein. Beides reproduziert unterschiedslos eine menschenverachtende Ideologie. Es ist also Vorsicht geboten.


    <i>2. Jugend taugt nichts</i>

    In Deinem Essay wird mehrmals der vermeintliche Gegensatz von Jung und Alt beschworen, den es durch die Jungen aufzubrechen gelte. Die beiden Gruppen erhalten dabei bestimmte Charakterzuschreibungen. Ich möchte das hier nicht näher ausführen, weil ich zu faul bin, den Komplex für mich zufriedenstellend zu entwirren. Ich will es aber mal als Ansatzpunkt nehmen, um auf ein grundsätzliches Problem hinzuweisen: Um Jung und Alt sollte es nicht gehen; und schon gar nicht um Jugendliche und Erwachsene.

    Du inszenierst Dich mit Deinem Artikel gewollt oder ungewollt irgendwo auch selbst als ?Jugendlicher? (Junggebliebener). Das ist in der Tat problematisch. Man muss mal damit aufhören, immer wieder den Terminus der Jugendlichkeit zu bedienen. Dadurch werden nämlich die eigenen sozialen Kämpfe zum inhaltslosen adoleszenten Abenteuer degradiert. Jugendlichkeit ist dann auch das Totschlagargument, dass von den unbewusst auf den Ist-Zustand Vereidigten herangezogen wird, wenn sie mit radikaler Kritik oder der Artikulation menschenfreundlicher Utopien konfrontiert werden.

    Mit der Selbstzuschreibung ?jugendlich? erschleicht man sich zwar die Erlaubnis, rebellieren zu dürfen, aber doch nur innerhalb definierter Grenzen und ohne dabei ernstgenommen zu werden. Ferner wird ja von einem erwartet, das man ?diesen Quatsch? als Erwachsener wieder sein lässt. Der Jugendliche ist eben noch nicht Vollmensch (voll im A****) und man verzeiht ihm daher seine ?Fehler?. Der Grad der eigenen Reflexionsfähigkeit und das Alter stehen aber eben nicht in einem Kausalzusammenhang. Deshalb sollte man sich davor hüten, diesen Stuss durch seine Wortwahl und etwaige Selbstzuschreibungen zu reproduzieren.

    <i>3. Philosophie ist keine Garantie ? Zum Problem der Universität</i>

    ?Hinzu kommt, dass eine Stadt, die sich alle Nase lang mit dem Konterfei eines der berühmtesten Denker der Geschichte schmückt, nun still und leise an ihrer Universität die Geisteswissenschaften wegrationalisiert, vorne dran die Philosophie. Die Botschaft lautet: Jetzt wird nicht mehr nachgedacht, jetzt wird nur noch gearbeitet ? Maschinen bauen, aber bitte ohne zu fragen, wofür und warum! Soll so ein geistreiches und offenes Klima in einer Stadt entstehen??

    Hier möchte ich zunächst den Maschinenbau in Schutz nehmen: Es ist ja nicht ein Symptom dieser speziellen Wissenschaft, die Frage nach den Zwecken nicht zu stellen. Die Wissenschaft denkt eben im Allgemeinen nicht und deshalb braucht sie die Philosophie (Heidegger). Allerdings ist der Ausstieg aus dem Denken längst auch an der philosophischen Fakultät der TU Chemnitz angekommen.

    Ein Beispiel: Neulich erlebte ich in der Bibliothek der TU zwei Politikwissenschaftler, die sich mit den Protesten rund um den 13. Februar in Dresden auseinandersetzen mussten. Es wurden Argumente ausgetauscht und Sätze gesprochen, die mir das Frühstück von vor zwei Tagen wieder hochdrückten. Die ganze Unterhaltung lief schließlich darauf hinaus, den Inhalt der ganzen Sache auf einer verfassungsrechtlichen Basis völlig totzuargumentieren. Das hörte sich in etwa so an: Wer illegale Mittel (Blockade gegen Naziaufmärsche) zum Schutz des Rechtsstaates billige, müsse auch von Verbotsanträgen gegen den den NPD-Aufmarsch aufgrund der Gefährdung einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung (also offensichtlich verfassungswidrigen Bestrebungen) absehen etc.
    Das ist derart doppelt und dreifach falsch, dass man gar nicht weiß, wo man mit der Kritik anfangen soll. Dieselben Studierenden machen dann auch noch die Güte von Quellen an ihrer politischen Neutralität und dem Titel des Autors fest: Wenn's ein Politologe und kein Linker ist ? also jemand, der nichts Sinnvolles zur Thematik zu sagen haben kann ? kann man das getrost verwenden. Jesse lässt grüßen.


    <i>4. Zivilgesellschaft, Aktivbürger, Radikale</i>

    Gut, das ist mir jetzt zu viel. Ich werde daher nur noch kurz auf drei Textstellen eingehen.

    ?bis hin zum sozio-kulturellen Kahlschlag an Graswurzel-Projekten wie dem Splash!, dem Voxxx, dem Haus Einheit, dem Experimentellen Karree an der Reitbahnstraße sowie den verschiedenen Brühl-Initiativen, hat die Stadtverwaltung in der Vergangenheit fast immer nur ein Signal ausgesendet: Wir "hier oben" können es besser als ihr "da unten".?

    Man sollte es möglichst vermeiden, ?normal-außen?, ?irgendwie cool? und ?ansatzweise radikal? in einen Topf zu schmeißen. Zwischen einem kommerziellen Festival, einem müden Zentrum experimenteller und avantgardistischer Kunst, akzeptierender Jugendarbeit (Unterstellung meinerseits), und der selbsteingebrokten Dialektik eines stadtplanerischen Himmelfahrtskommandos von unten bestehen doch so einige Unterschiede.

    ?Man kann beim besten Willen nicht behaupten, die Gegenveranstaltungen am 5.März seien geschickt und zielführend organisiert worden?

    Richtig, die Gegenaktivitäten waren nicht zielführend organisiert und zwar deshalb, weil sich ein nicht unbedeutender Teil der Nazigegner aus gutem Grund nicht auf die Zielstellungen der restlichen zivilgesellschaftlichen Akteure eingelassen hat.

    ?[W]arum schon ab 10 Uhr auf dem Theaterplatz bibbern, wenn frühestens 15Uhr die Nazis marschieren??

    Damit die Option, die Naziroute überhaupt an einem bestimmten Ort langzulegen, erschwert wird. Es ging darum, möglichst viele Orte für einen möglichst langen Zeitraum versammlungstechnisch zu besetzen. Außerdem sollten die Nazis doch schon gegen 12 Uhr laufen, wenn ich mich recht erinnere.

    <i>5. Karl-Marx-Stadt, Chemnitz, 89 und 68</i>

    Der letzte Abschnitt Deines Essays hat es nochmal in sich:

    ?Karl-Marx-Stadt hatte sein 89.?

    Ja, und das war vermutlich recht krude.

    Die Aussage, dass Chemnitz jetzt sein ?68? brauche, würde einigen friedensideologischen Esoterikern, Struktur-Antisemiten und Sich-Gesund-Wähnenden so passen. Mein Vorschlag: Karl-Marx-Stadt braucht sein 2011.

    Es sind jetzt noch einige Punkte offen: Beispielsweise wäre die Sinnhaftigkeit der Benennung von ?Demokratiedefiziten? mal zu diskutieren. Es wird sich ergeben.

    <i>E. A. Voll</i>

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