Das Verwaltungsgebäude des Chemnitzer Gausepohl-Standortes an der Mauersbergerstraße im Gewerbegebiet an der Neefestraße.
Foto: Andreas Seidel
Gausepohl schließt Schlachthof Chemnitz
Fleischkonzern zieht sich zurück - Betroffen: die Mitarbeiter, Dienstleister, Angestellte der Stadt sowie Tierzüchter
Die Unternehmensgruppe Gausepohl Fleisch schließt ihren Chemnitzer Standort. Spätestens zum Monatsende soll der Schlacht- und Zerlegebetrieb an der Mauersbergstraße in Siegmar stillgelegt werden, war auf Nachfrage aus der Unternehmenszentrale im niedersächsischen Dissen zu erfahren. Betroffen seien 60 Vollzeitkräfte, denen der Wechsel in eine Beschäftigungsgesellschaft angeboten worden sei, heißt es in einer am Nachmittag verbreiteten Pressemitteilung des Konzerns. Die Belegschaft sei am Dienstag über die bevorstehende Stilllegung informiert worden.
Zu den Gausepohl-Mitarbeitern hinzu kommen nach "Freie Presse"-Informationen noch bis zu etwa 100 Schlachter und Zerleger zumeist aus Tschechien und der Slowakei, die als sogenannte Werkunternehmer im Betrieb tätig waren, sowie dort eingesetzte Mitarbeiter des Veterinäramtes der Stadtverwaltung. Mit höheren Kosten durch längere Transportwege müssen aufgrund der Schließung Tierzuchtbetriebe in Chemnitz und Umgebung rechnen. So lässt der Wirtschaftshof "Sachsenland" Röhrsdorf/Wittgensdorf Schweine künftig in Altenburg schlachten, wie Tierzuchtleiter Erhard Lorenz ankündigte.
Begründung: Zu hohe Kosten
Die Gausepohl-Gruppe begründet die Aufgabe des Standortes offiziell mit der Schaffung einer neuen Produktionsstruktur in ihren Betriebsstätten sowie "nicht wettbewerbsfähigen" Kostenstrukturen in Sachsen. Insbesondere die Gebühren für Veterinärdienste der Kommunen - sprich der Stadt Chemnitz - sowie die Energie- und Entsorgungskosten seien zu hoch. "In unserer Fleischbranche ist die Produktion von qualitativ hochwertigen Fleischwaren zu wettbewerbsfähigen Preisen das ,A und O', um am Markt erfolgreich bestehen zu können", erklärte ein Unternehmenssprecher.
Eine Produktion zu wettbewerbsfähigen Kosten sei am Standort Chemnitz aufgrund der Gegebenheiten nicht mehr möglich. "Gerade als Familienunternehmen ist uns diese kaufmännisch notwendige Entscheidung nicht leicht gefallen", so der Sprecher. Der Chemnitzer Betrieb solle stillgelegt und nicht verkauft werden, hieß es auf Nachfrage. Im Gegenzug sollen die anderen Gausepohl-Standorte - das sind neben der Dissener Zentrale derzeit Heiligenstadt in Thüringen, Harsewinkel in Nordrhein-Westfalen und Bakum in Niedersachsen - durch Übernahme der Chemnitzer Kapazitäten gestärkt werden.
Die Stadtverwaltung hat laut Bürgermeister Miko Runkel, der für das Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt zuständig ist, am Dienstag inoffiziell und ebenfalls erst am Donnerstag schriftlich von der Schließung erfahren. Vorwürfe aus der SPD-Fraktion, den Stadtrat nicht eher informiert und noch nicht neu mit Gausepohl verhandelt zu haben, nannte Runkel deshalb "voreilig".
Im Rathaus fand am Donnerstag eine Krisensitzung mit dem Personalamt statt, weil bei Gausepohl auch 25 Mitarbeiter der Stadtverwaltung, darunter Fleischbeschauer, Tierärzte und Lebensmittelchemiker, eingesetzt waren. Während bei einem Teil von ihnen die befristeten Verträge auslaufen, müsse für andere ein Lösung gefunden werden, so Runkel.
Zu den Vorwürfen von Gausepohl in Bezug auf die Gebühren für Veterinärdienste sagte der Bürgermeister: "Wir setzen natürlich nur die Mitarbeiter ein, die aufgrund des von Gausepohl erstellten Schlachtplans erforderlich sind, und unsere Gebühren liegen im Vergleich zu anderen Städten völlig im Limit." Sie könnten nicht nach Gutdünken gesenkt werden.
Stadt hat 250.000 Euro erlassen
Wegen angeblich überzogener Veterinäramts-Gebühren hatte Gausepohl die Stadt bereits 2007 verklagt. Der Rechtsstreit vor dem Verwaltungsgericht endete Anfang dieses Jahres mit einem Vergleich, laut dem die Stadt dem Unternehmen 250.000 Euro Gebühren erließ. Ein weiteres Verfahren in der Angelegenheit beschäftigt derzeit noch das Oberverwaltungsgericht.
Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sei erst am Mittwoch von der Schließung des Schlachthofes informiert worden, sagte Gewerkschaftssekretär Michael Brunner, der sich heute mit dem Betriebsrat treffen will.
Gausepohl hatte den von 1994 bis 1996 neu errichteten Schlacht- und Zerlegebetrieb nahe der Autobahnanschlussstelle Chemnitz-Süd 1998 übernommen. Der aus dem früheren kommunalen Schlachthof hervorgegangene Betrieb gehörte bis dahin der Stadt. In die Schlagzeilen geraten war der Betrieb Ende 2004, als das Unternehmen den Vertrag mit der bisher hier tätigen deutschen Zerlegefirma kündigte und den Auftrag stattdessen einem slowakischen Dienstleister mit etwa 50 tschechischen und slowakischen Arbeitskräften übertrug.



07:44 Uhr
holzwurm57: Mich wundert das schon lange nicht mehr. In der Gesellschaft wird solch ein Vorgehen doch gefördert.
17:05 Uhr
Lithops: Typisch für deutsche Unternehmen:
Fördermittel abziehen, Gebührennachlässe erzwingen, Dumpinglöhne zahlen
Bude dichtmachen