Die Pfarrerin der Kirchgemeinde St.-Nikolai-Thomas, Astrid Kühme, erinnerte beim Freiluftgottesdienst im Stadtteil Kapellenberg an die 1945 zerstörte Nikolaikirche. Rund 120 Chemnitzer folgten ihrer Predigt.
Foto: Andreas Seidel
Gottesdienst unter freiem Himmel
Den Johannistag feierte die Kirchgemeinde St.-Nikolai-Thomas am Niklasberg - im Gedenken an die zerstörte Kirche
Chemnitz. Sibille Kühnel aus Chemnitz hatte nach dem Gottesdienst am Sonntag Tränen in den Augen. Die 73-Jährige Rentnerin hat sich seit Wochen auf den Johannistag gefreut. Grund: Der Gottesdienst der Kirchgemeinde fand nicht wie üblich in der St.-Nikolaikirche an der Michaelstraße statt, sondern unter freiem Himmel neben dem Senioren- und Pflegezentrum auf dem Niklasberg. Das war auch der Grund für Sibille Kühnel, am Sonntag dort vorbeizuschauen. Sonst besucht die Rentnerin jeden Sonntag eigentlich die Petrikirche. Mit ihr feierten 120 Chemnitzer den Gottesdienst auf historischem Boden.
"Wir wollten mit diesem Freiluftgottesdienst an die Wurzeln unserer Gemeinde erinnern und dafür Sorge tragen, dass unsere alte zerstörte Nikolaikirche nicht in Vergessenheit gerät," sagte die Pfarrerin der Kirchgemeinde St. Nikolai-Thomas, Astrid Kühme. Aus diesem Grund hatte ihre Gemeinde zusammen mit dem Förderverein "Niklasberg" den Gottesdienst organisiert. Der Verein wurde 2008 gegründet; dessen 40 Mitglieder haben sich zum Ziel gesetzt, den historischen Stadtteil rund um die ehemalige Kirche wiederzubeleben.
Bereits im 12. Jahrhundert siedelten Händler am Fuße des Niklasbergs. Zum Schutz ihres Eigentums und Lebens errichteten sie eine hölzerne Kapelle, die dem Schutzpatron Nikolaus geweiht wurde. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie vielfach zerstört und wiederaufgebaut. So auch 1886, als die damalige Kirche vom Dresdener Architekten Christian Gottfried Schramm entworfen wurde. Am 5. März 1945 wurde sie durch den Bombenangriff abermals zerstört. Die Ruine wurde 1947 beseitigt; ein Wiederaufbau fand nicht statt. Heute nutzt die Kirchgemeinde St.-Nikolais-Thomas die ehemalige Kapelle auf dem Nikolaifriedhof. "Sie wurde 1999 zur Kirche geweiht", sagte Kühme.
Für den Gedenkgottesdienst am Sonntag wurde der Johannistag ausgewählt. Es ist der Gedenktag zur Geburt von Johannes dem Täufer, der als Prophet und Wegbereiter Jesu gilt und ihn getauft haben soll. "Der 24. Juni wird in Verbindung mit der Sommersonnenwende gefeiert. Die Nacht vom 21. Juni ist die kürzeste des Jahres und zugleich dessen Höhepunkt. So stand auch die alte Kirche einst in voller Blüte, dessen man sich erinnern sollte, die man aber auch loslassen muss", so Kühme.

