Grüne kritisieren Chemnitzer Verkehrspolitik

Umweltfreundliche Transportmittel müssen künftig deutlich größere Rolle spielen

Die Fronten sind klar verteilt: Mehr als die Hälfte des gesamten Straßenverkehrs in Chemnitz, nämlich 54 Prozent, bestreiten die Bürger mit dem Auto. Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und das Fahrrad kommen dem gegenüber lediglich auf 14 beziehungsweise gar nur auf sechs Prozent, Fußgänger auf 26 Prozent. Martin Schmidt ist dieser sogenannte "Modal Split", so heißt die Verteilung des Transportaufkommens im Fachjargon, ein Dorn im Auge. "Verkehrspolitik ist in Chemnitz nach wie vor Autopolitik", kritisierte der Stadtrat der Bündnisgrünen bei einer Klimakonferenz im Industriemuseum. Der Landesverband seiner Partei hatte dazu am Samstag eingeladen.

Änderungen im ÖPNV seien deshalb dringend notwendig, sowohl im Umfang als auch in Sachen Taktung. "Wie kann es sein, dass zum Beispiel der Kaßberg als beliebtester Stadtteil dermaßen katastrophal an den Hauptbahnhof angeschlossen ist?", fragte der 27-Jährige in seinem Vortrag.

Zudem habe sich der Chemnitzer Verkehrsbetrieb CVAG im aktuellen Taktsystem verfangen. "Das Festhalten an Zehn-, Zwanzig- oder Dreißigminuten-Rhythmen ist viel zu dogmatisch. Für die Linie 22 zwischen Chemnitzer Straße und Innenstadt wäre beispielsweise ein 15-Minuten-Takt ideal", erklärte Schmitt.

Stadt: Neues Netz ohne Wirkung

Dirk Bräuer, der zuständige Verkehrsplaner im städtischen Tiefbauamt, räumte ein, dass das seit April 2008 gültige neue Nahverkehrs-Netz den Rückgang an Fahrgästen nicht gebremst habe. "Nach wie vor verliert die CVAG mehr Fahrgäste als die Stadt Einwohner", so Bräuer. Die Fahrgastzahlen von aktuell 37Millionen im Jahr mittelfristig wieder auf 40 Millionen zu bringen sei grundsätzlich möglich, setze aber eine bessere finanzielle Ausstattung des Nahverkehrs voraus. "Das größte Steigerungspotenzial sehen wir in der Ausweitung der Tagesfahrzeiten von 18 auf 20 Uhr. Das würde etwa eine Million Euro zusätzlich kosten, hauptsächlich, weil wir mehr Busse benötigen würden", erklärte Dirk Bräuer.

Wolfgang Kraneis, einer von rund 50 Teilnehmern an der Klima-Konferenz, mahnte indes, "die CVAG nicht bei jeder Gelegenheit schlecht zu reden". Das derzeitige Angebot des Verkehrsbetriebes sei passabel. "Was Fahrtzeiten und Verbindungen betrifft, sollte man sich vorinformieren. Vieles ist eine Einstellungsfrage", so der SPD-Stadtrat.

Keine weiteren Straßen nötig

Die Kritik an der seiner Ansicht nach zu autofreundlichen Verkehrspolitik verdeutlichte Martin Schmidt indes exemplarisch am geplanten Ausbau der Zschopauer Straße zwischen Südring und der Straße Bergfrieden. "Dass die Stadt für den nur einen Kilometer kurzen Abschnitt einen Eigenanteil von 7,7Millionen Euro bezahlt, ist eine Prioritätensetzung, die einfach nicht mehr zeitgemäß ist", sagte er. Man werde den Anteil klimafreundlicherer Transportmittel am Gesamtverkehr nicht erhöhen können, indem man das System für den motorisierten Individualverkehr stetig optimiere. "Mir persönlich", so der Grünen-Stadtrat, "fällt nicht eine einzige Straße ein, die in Chemnitz noch gebaut werden müsste".

Lob hatte Schmidt hingegen für die geplanten Maßnahmen der überarbeiteten Radwegekonzeption der Stadt (siehe Kasten) übrig. "Da sind viele positive Ansätze dabei", so Martin Schmidt. Er glaube felsenfest daran, dass es möglich sein, öffentlichen Nahverkehr und Radverkehr gleichzeitig zu forcieren: "Oft wird behauptet, mehr Radfahrer gingen zulasten des ÖPNV. Das ist aus meiner Sicht aber Quatsch", unterstrich er.

 
erschienen am 22.04.2012 ( von Jürgen Werner )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
19
(Anmeldung erforderlich)
  • 26.04.2012
    14:29 Uhr

    chemnitzgruene: Na klar, verglichen mit dem Auto auf jeden Fall. Wohlbemerkt: zum Freizeitradeln ist es nicht umweltfreundlicher, nur, wenn man damit Autofahrten einspart. Und wo der Strom herkommt, spielt natürlich eine wichtige Rolle. Aber das Fahrrad braucht ja weniger als ein Auto. - Bei der Klimakonferenz wurde übrigens ein E-Auto gezeigt was wirklich klein und leicht ist.

    1 0
     
  • 26.04.2012
    14:07 Uhr

    HammerP: Das umweltfreundliche E-Bike - wer's glaubt wird selig...

    0 2
     
  • 26.04.2012
    13:05 Uhr

    chemnitzgruene: Für die fatale Erderwärmung (s. Doku hier: http://www.wir-sind-klima.de/veranstaltungen/berichte.html#c7363) ist jeder CO2-arm zurück gelegte Kilometer wichtig. Wie das geht, kann jeder selbst entscheiden. Einverstanden, pixelghost, bei der Relation der Fahrtzeit zur Arbeit zwischen Bahn und Straße wird das Auto noch gebraucht. Aber jeder soll überlegen, welche Freizeitfahrten anders gelöst werden können. Und 10 km sind übrigens eine gute Strecke für ein E-Bike!

    2 0
     
  • 26.04.2012
    11:57 Uhr

    Emma0815: @Insel
    Ich als Radfahrerin möchte Radwege, da ich sie gerne nutze und sicherer finde, als mich von LKW´s fast vom Rad ziehen zu lassen.
    Aber ok, die Meinungen sind verschieden. Aber wer schon einmal fast eine Eisenstange (die bei einem LKW hinten überstand) im Gesicht hatte, der fährt gerne aufm Radweg.

    Was wäre die Ostseegegend (Rügen, Fischland-Darß) ohne Radwege?

    1 0
     
  • 24.04.2012
    21:37 Uhr

    Insel: Bitte keine weitere "Radverkehrskonzeption"! Das bedeutet letztendlich doch nur , dass immer mehr Straßen Radwegelchen und Radstreifchen bekommen.

    Damit drängt man den Fahrradverkehr buchstäblich an den Rand bzw. in Fußgängerbereiche und verhindert, dass man mit dem Fahrrad die Fahrbahnen benutzen kann wie mit allen anderen Fahrzeugen auch.
    Sogut wie immer ist auf einer gut ausgebauten, übersichtlichen und fahrzeuggerechten Fahrbahn ein zügiges und vor allem sicheres Vorankommen gegeben. In den Randbereichen sieht es anders aus: Verschwenkungen, Bordsteinkanten, Laternen- und Schildermasten, Unrat, Falschparker, Bushaltestellen mit wartenden Fahrgästen, Holperpflaster, Dreck, Schnee, Eis, etc.
    Das macht Fahrradfahren umständlich, langsam und mühselig.

    Darüberhinaus bringen diese Sonderwege entlang der Straßen oft sogar besondere Gefahren mit sich, und zwar insbesondere an Knotenpunkten (Kreuzungen, Einmündungen, etc), wovon es in einer Stadt naturgemäß eine ganz erhebliche Menge gibt.

    Das sind keine Maßnahmen für den Radverkehr, sondern dagegen. Bisher zeichnet sich Chemnitz dadurch positiv aus, dass es noch nicht so viele dieser Konstrukte gibt, auch wenn die Tendenz leider steigend ist.

    Als Fahrradfahrer möchte ich ausdrücklich keine "Radverkehrskonzeption", keine "Förderung" durch eine Partei, und keine Bevormundung durch einen Verkehrsplaner oder eine Straßenverkehrsbehörde. Ich wünsche mir ausdrücklich nicht, dass Geld in irgendeine Art von Infrastruktur "speziell für Fahrradfahrer" investiert wird. Mit dem vorhandenen Straßennetz bin ich hochzufrieden, wo ich es noch nutzen darf, und ich hätte gerne dass Radwege und -streifen entlang der Straßen nach Möglichkeit aufgelassen werden.

    Ich möchte schlicht und ergreifend am Verkehr teilnehmen können wie alle anderen auch. Bisher ist das nocherfreulich weitgehend möglich. Es wäre gut, wenn das erhalten bliebe.

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