Ronny Schwabe fotografiert gern verlassene Fabriken.
Foto: Steffi Hofmann
Hobbyfotograf wandelt auf den Spuren der Vergangenheit
Für Ronny Schwabe erzählen Gegenstände eine Geschichte
Limbach-Oberfrohna. Ronny Schwabe ist Hobbyfotograf und wird von einer Sucht getrieben. Er spürt marode Häuser auf und hält die Geschichten, die sie erzählen, mit der Kamera fest. Seit 15 Jahren zieht der Chemnitzer los, um zu beobachten, wie sich die Natur zurückholt, was von den Menschen verlassen wurde: alte Fabrikgebäude, leer stehende Wohnungen oder einsturzgefährdete Werkhallen. "Was ich in den Gebäuden finde, ist immer eine Überraschung", sagt Ronny Schwabe. Wenn er Glück hat, liegt die Tageszeitung vom letzten Arbeitstag noch auf dem Schreibtisch im Büro eines verfallenden Objektes oder er entdeckt eine Kaffeetasse, die schon seit Jahren neben der Kaffeemaschine wartet. "Das sind sogenannte ,lost places', also Orte, an denen man das Gefühl hat, hier wurde nur 20 Jahre Urlaub gemacht und morgen könnte es weitergehen", erzählt er.
Lediglich mit seiner digitalen Spiegelreflex-Kamera und einem Stativ ausgerüstet, zieht Ronny Schwabe durch die Region. Einen lost place hat er kürzlich bei seinen Streifzügen durch Limbach-Oberfrohna entdeckt. Nachdem er vor zwei Monaten Bilder vom Innenleben der Fabrik an der Hohensteiner Straße geschossen hat, stand nun der ehemalige VEB Polychemie auf der Frohnbachstraße auf dem Plan. "Ich habe gehört, dass hier gleich nach der Wende dicht gemacht wurde und bin gespannt, was nach 20 Jahren noch übrig geblieben ist", sagt er.
Das Tor steht offen. Gleich am Eingang hat der Chemnitzer sein erstes Motiv: eine auf den ersten Blick entkernte Eingangshalle birgt allerhand Details. Da findet man ein Waschbecken zehn Meter über dem Boden an der Wand hängend, einen Bürostuhl, Stromkabel und erste Dokumente, die auf dem Boden verstreut liegen. Rechnungen, Briefe und sogar Kontoauszüge aus den Siebzigern und Achtzigern des VEB Polychemie lassen Ronny Schwabes Herz höherschlagen. "Damit hätte ich nicht gerechnet", sagt er. Und es geht weiter, über brüchige Treppen, durch muffige Räume, über denen Pflanzen aus der Decke wachsen, bis in dunkle Keller. Schwabe platziert immer wieder sein Stativ und macht jeweils drei Aufnahmen eines Motivs mit unterschiedlichen Kameraeinstellungen. "Wenn ich die Bilder am Ende bearbeite, lege ich die Aufnahmen übereinander. Dann entstehen die besonderen Effekte, die das Marode zum Leben erwecken", erklärt er.
Der Hobbyfotograf, der tagsüber in einem Stollberger Fotogeschäft angestellt ist, muss bei seinen Touren aufpassen. Eingestürzte Decken, Löcher in den Böden, Risse im Fundament, verstreute Glasscherben - Ronny Schwabe geht bei der Suche nach der schönsten Geschichte Risiken ein. "Zu manchen Objekten ist kein Zutritt möglich, ohne eine Tür einzutreten. So etwas mache ich aber grundsätzlich nicht", sagt der 36-Jährige. Er warte, bis das Gebäude offen stehe oder er frage um Erlaubnis. So habe er auch Wunschgebäude, die er mit der Kamera noch erforschen will. "In Rabenstein gibt es eine alte Gaststätte, die zu DDR-Zeiten Kulturhaus war und jetzt zunehmend verfällt."
Traurig ist Ronny Schwabe nur dann, wenn es ihm nach einer gewissen Zeit doch gelingt, ein Wunschgebäude zu betreten, aber Metalldiebe und Vandalismus die Spuren, die er sucht, zerstört haben. "Ich nehme bei meinen Einsätzen nichts mit, außer Fotos. Nur Fußspuren bleiben zurück. Ich ärgere mich über Leute, die mutwillig solche Schauplätze zerstören, aus Langeweile oder Gier", sagt er. Entkernte Gebäude seien für ihn langweilig. Es gehe um die Details, welche die Menschen zurückgelassen haben.

