Von Null auf Eins: das Album "Mit K" der Band Kraftklub. 
Von Null auf Eins: das Album "Mit K" der Band Kraftklub.

Foto: Ronny Rozum

Kraftklub ist der Sprung an die Chart-Spitze gelungen - Was soll jetzt noch kommen?

Über die Mechanismen des Hypes und Rezepte gegen das Vergessen

Chemnitz. Es gibt wenig Gründe für eine Party am Montagabend. Doch als sich die gute Nachricht im sozialen Netzwerk Facebook verbreitete, waren "Glückwunsch" und "Schnaps" die mit Abstand am häufigsten benutzten Worte, inmitten der digitalen Begeisterung.

Heute wird offiziell, was bereits zu Wochenbeginn durchsickerte: Die Band Kraftklub hat mit ihrem neuen Album "Mit K" Platz eins der deutschen Charts erobert. Schnodderiger Deutsch-Pop aus Karl-Marx-Stadt verdrängt den gefälligen Soulschmelz der britischen Pop-Elfe Adele. Eine Sensation, oder etwa nicht?

Mit einem Debüt an der Spitze der Charts einzusteigen ist ungewöhnlich für eine Band, die ihr Selbstbewusstsein in den Proberäumen der Provinz entwickelte und nicht auf dem Casting-Schafott der Privatsender. Sicher: Im vergangenen Jahr hat sich Kraftklub eine treue Fangemeinde erspielt. Doch das haben andere Bands auch. Was war der Funke an der Lunte?

Selbsterfüllende Prophezeiung

Um Antworten zu finden, muss man den Blick von der Bühne auf die Branche richten. Pünktlich zum Jahresende veröffentlichten Nachrichten- und Musikmagazine ihre Prognosen für das Pop-Jahr 2012. Kaum eine Redaktion, die den Namen Kraftklub unerwähnt lies. Schließlich hält sich das System Pop so am Leben - durch die Suche nach dem "großen Ding". Oft ist die Prophezeiung eine selbsterfüllende. Durch die anhaltende Medienpräsenz werden Künstler einer breiten Masse bekannt, verkaufen mehr Platten. Jede Szene verlässt sich dabei auf das Urteil ihrer Experten. Manchmal funktioniert das sogar basisdemokratisch, indem Musikmagazine ihre Leser kurzerhand zur Jury machen. So erhalten die Redaktionen ein präzises Kundenprofil, das sie im folgenden Jahr bedienen können, und der Kreis schließt sich.

Wem es zu beschwerlich ist, einen eigenen Geschmack auszubilden, der vertraut seit jeher auf Verkaufszahlen und Charts. So ist die Orientierung der Hörer an Bestenlisten in jeder Hinsicht ökonomisch: Es wird gekauft, was in den Top Ten steht, und in den Top Ten steht, was gekauft wird.

Die Charts gibt es seit es die Jukebox gibt. In Deutschland veröffentlichte die Zeitschrift "Der Automatenmarkt" im Jahr 1953 erstmals eine Auflistung der beliebtesten Boxen-Schlager. Nur Wenige werden sich an den ersten Nummer-eins-Hit der deutschen Chartgeschichte erinnern: einen Song der niederländischen Schlager-Combo Kilima Hawaiians mit dem Titel: "Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand".

Heute werden die wöchentlichen Top 100 von der Firma Media Control ermittelt. Auch Verkäufe von Online-CD-Händlern und digitale Downloads sind Grundlage der Berechnung. Im März 2011 schaffte es die Popsängerin Lady Gaga mit ihrer Single "Born This Way" als erste Künstlerin nur durch Downloads an die Spitze der Charts. Die Geschäftsführung von Media Control bekannte damals: "Das ist ein Paradigmenwechsel hin zur digitalen Musik."

Das kleine Wort "Ausverkauft"

Das Internet hat die Branche verändert. Musikdownloads machen in Deutschland heute einen Anteil von 15 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Im Gegenzug bescheren illegale Downloads deutschen Labels seit 15 Jahren sinkende Umsätze. Es tröstet wenig, dass das Netz neue, günstige Chancen der Vermarktung bietet, es keine Fernsehwerbung mehr braucht, um ein Album in die Charts zu bringen. Denn es lauert ein weiteres Problem: Nahezu täglich werden über die sozialen Netzwerke und Musik-Blogs neue Künstler als Entdeckung gepriesen. Das verkürzt die Halbwertszeit: Wie lange können Chart-Karrieren bestehen, wenn das nächste "große Ding" schon kurz vor dem Durchbruch steht? Dem kalkulierten Hype begegnet Kraftklub vorsorglich mit Ironie: Auf die Frage, was im Falle eines Popularitätsverlustes zu tun sei, heißt es: "Dann kaufen wir uns neue Jacken."

Dabei laufen die Chemnitzer kaum Gefahr, vergessen zu werden. Auch weil sie große Live-Qualitäten besitzen - die neue Währung einer Branche im Umbruch. Dienten Konzerte bis vor wenigen Jahren noch dazu, das jüngste Album eines Künstlers zu bewerben, ist es heute umgekehrt. Ein Konzerterlebnis lässt sich nicht downloaden oder kopieren wie eine Musikdatei - nichts ist folglich so viel wert wie das kleine Wörtchen "Ausverkauft".

"Wir ham gehört, unsere Songs laufen im Radio. Und im Fernsehen. Muss man das ernstnehmen?", fragt Kraftklub im Song "Eure Mädchen". Die Antwort lautet ja. Das Video zur Single ist für den deutschen Musikpreis "Echo" nominiert.

 
erschienen am 03.02.2012 ( Von Ulrike Nimz )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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