Musikalischer Höhepunkt des MS-Beat-Festivals: Das in Berlin gegründete britische Duo Jazzsteppa brachte das Zelt zum Tanzen.
Foto: Matthias Zwarg
MS-Beat-Festival in Chemnitz: Tanzen bis ans Ende der Welt
Veranstaltung war dem bevorstehenden Weltuntergang gewidmet - 1400 Gäste feiern am Stausee Oberrabenstein
Chemnitz. Prophezeiungen vom Weltuntergang gibt es, seit es Menschen gibt, und manchmal hat man den Eindruck, wir arbeiten wirklich hart daran, dass es irgendwann so weit ist. Die MS-Beat-Mannschaft, eigentlich auf Dauerregen und Sommertemperaturen um den Gefrierpunkt abonniert, nahm das aktuell bevorstehende Ende der Welt zum Anlass für ihr diesjähriges Festival - und wurde erst einmal enttäuscht: Das Gewitter ließ auf sich warten, obwohl man, wie Mitorganisator Frank Roscher berichtete, am Samstagmittag schon eine Krisensitzung absolviert hatte, "falls der große Regen kommt". Der kam aber erst gegen Mitternacht in milder Form. Bis dahin waren am Samstag 750 Gäste nach Oberrabenstein gepilgert; am Abend zuvor waren es 650.
Sie haben sich prächtig amüsiert, zumal das Weltuntergangs-Festival umsonst und draußen - sozusagen am Ende der Welt - stattfand, ein Geschenk an die Generation Praktikum, der ansonsten nicht viel geschenkt wird. Dafür sorgten die 15 Mitglieder des Lößnitzer Huhlern-Vereins, 15 Helferinnen und Helfer sowie zwölf Künstler, die das Festival ehrenamtlich organisierten und angesichts des Besucherandrangs nun hoffen dürfen, dass es kein Verlustgeschäft wird.
Auf der grünen Wiese am Chemnitzer Stadtrand entstand diesmal kein neuer Supermarkt im Niemandsland, sondern ein provisorisch zusammengezimmerter Gemischtwarenladen mit tausend kleinen Dingen, die das Leben für ein paar Minuten schöner, lustiger und leichter machen. Dafür sorgten mitreißende Musiker und ein ebenso mitreißendes wie mitgerissenes Publikum, ganz gleich, ob es mit den Leipziger Rappern Dude & Phaeb sang, zum originellen Retro-Rock der Rostocker Coogan's Bluff stampfte, zu den mittels Posaune verfeinerten Beats des britischen Duos Jazzsteppa tanzte oder dem niederländischen Liedermacher Awkward I lauschte.
Romantik und reges Treiben unterm Abendhimmel: Zum MS-Beat-Festival kamen am Freitag und Samstag insgesamt rund 1400 Besucher an den Stausee Oberrabenstein.
Foto: Matthias Zwarg
Daneben gab es jede Menge Kleinkunst zu entdecken - von selbst gemachtem Metallschmuck über ein Schabenrennen, Kurzfilme, einen Beichtstuhl bis zum dicht umlagerten Zauberzelt, das Weltecho-Kollegen mit allerlei Vergnügungen bestückt hatten. Dort feierte das historische Kindervergnügen Büchsenwerfen eine Renaissance. Wahrsagerin Veronica Seidel, im Hauptberuf Künstlerin, versprach die ganze Wahrheit für einen, die halbe Wahrheit sogar schon für einen halben Euro. Am Ende setzte sich allerdings doch die Wahrheit des Stärkeren durch: Hauptattraktion waren umjubelte Zweikämpfe beim Armdrücken, wobei - im Gegensatz zu den Olympischen Spielen - ganz offiziell mittels Schnapssprühflasche gedopt werden durfte.
Das diesjährige MS Beat hat gute Chancen, einen vermutlich mit null Euro dotierten Preis als originellstes Festival zu gewinnen. "Die Leute haben sich echt was einfallen lassen", lobte Rapper Phaeb, der ein gelungenes Beispiel für eine lebendige Chemnitzer Jugendkultur abgab. Angesichts dessen kann der Weltuntergang ruhig noch etwas warten - und wenn es dann so weit ist, könnte er zumindest von der MS-Beat-Mannschaft organisiert werden. Danach wäre die Welt vielleicht etwas besser.

