Familie Gläser vor ihrem gemeinsamen Haus in Reichenbrand Familie Gläser vor ihrem gemeinsamen Haus in Reichenbrand: Weil die Mittelschule des Ortsteils nur zwei Klassen bilden darf, soll der zehnjährige Kevin (vorn rechts) nach Altendorf zwangsversetzt werden.

Foto: Andreas Truxa

Mittelschulen in Chemnitz wollen Schüler abweisen

Kapazitäten der Bildungseinrichtungen sind ausgeschöpft

Chemnitz. Familie Gläser sorgt sich um ihren ältesten Sohn, und das ist eigentlich neu. Bisher hat ihnen der zehnjährige Kevin immer Freude gemacht. In der Schule - Kevin besucht die vierte Klasse der Grundschule in Reichenbrand - gilt er als guter Schüler. Doch mit dem anstehenden Wechsel im Sommer dieses Jahres auf die Mittelschule könnte sich das womöglich ändern, befürchten zumindest seine Eltern.

Der Grund ist die neue Schule, an die Kevin ab September gehen soll. Eigentlich hatten seine Eltern Nicole und Alexander Gläser geplant, ihren Sohn auch weiterhin in Reichenbrand unterrichten zu lassen. Im Gebäudekomplex an der Lenné-straße, wo sich die Grundschule des Ortsteils befindet, ist auch eine Mittelschule untergebracht. "Für uns war von Anfang an klar, dass Kevin im selben Haus bleibt und eben nur von der Grund- an die Mittelschule wechselt", sagt Nicole Gläser. Schließlich sei sie selbst dort zehn Jahre zur Schule gegangen, und schließlich habe sie ihren Mann, der aus Rabenstein stammt, bei der Wahl des gemeinsamen Wohnorts mit dem Argument einer in Reichenbrand vorhandenen Schule überzeugen können.

Doch nun soll es für ihren Sohn dort keine Zukunft geben. Weil die Einrichtung in Reichenbrand im Sommer nur zwei neue fünfte Klassen bilden darf, dafür aber mit 68 Anmeldungen zu viele Kinder registriert wurden, hat sich die Leitung entschieden, insgesamt 14 Kinder abzuweisen. Kevin Gläser ist einer von ihnen; das Los habe so entschieden, erklärte man seinen Eltern. Der Zehnjährige soll statt dessen künftig an die Mittelschule Altendorf zwangsversetzt werden, wie es die Gläsers formulieren.

Für ihren Sohn sei damit eine Welt zusammengebrochen, sagt die Mutter. Seine besten Freunde, die in unmittelbarer Nähe wohnen, sind von der Entscheidung nicht betroffen - sie dürfen an die Reichenbrander Mittelschule wechseln. Kevin fühlt sich nun regelrecht ausgegrenzt. "Seine erste Frage war: ,Mama, was habe ich denn falsch gemacht?'", berichtet die 35-Jährige. Eine Antwort konnten ihm seine Eltern nicht geben. "Wie soll man das einem Zehnjährigen erklären?" fragt ratlos sein Vater Alexander Gläser.

Die Eltern wollen die Entscheidung daher nicht akzeptieren. Gemeinsam mit anderen Betroffenen aus Reichenbrand wollen sie sich wehren, Widerspruch einlegen und - falls der abgelehnt wird - erneut widersprechen. "Wir sind bereit zu kämpfen", sagen die Gläsers.

Und sie haben Argumente gesammelt, die dafür sprechen, ihren Sohn auch künftig in Reichenbrand an die Schule gehen zu lassen. Da sind nicht nur die Freunde, die sozialen Kontakte, das gewachsene Lebensumfeld. Da ist auch sein vierjähriger Bruder Steven, der in zwei Jahren eingeschult wird - in Reichenbrand. "Dann könnten beide noch gemeinsam vier Jahre an eine Schule gehen", sagen die Eltern.

Ein weiteres wichtiges Argument gegen die Entscheidung der staatlichen Bildungsbürokratie ist auch der weite Schulweg, der mit einem Wechsel nach Altendorf auf Kevin zukäme. Statt der zehn Minuten Fußweg wären es dann zweimal täglich 50 Minuten Busfahrt mit zweimaligem Umsteigen. "Das ist doch eine Zumutung", schimpft sein Vater.

Was die Eltern zusätzlich ärgert: Zwar mussten sie bei der Wahl der Mittelschulen neben dem Erstwunsch Reichenbrand auch einen Zweitwunsch angeben, aber auch der wurde ignoriert. "Das wäre die Mittelschule Schönau gewesen, aber die ist ja auch übervoll", sagt Alexander Gläser. Die Stadtverwaltung als Träger der staatlichen Schulen hätte doch schon vor Jahren sehen müssen, fügt er hinzu, dass mit dem Zuzug von jungen Familien nach Rabenstein, Schönau und Reichenbrand die Schulen in den Ortsteilen einer größeren Nachfrage ausgesetzt sind. Reagiert habe niemand, sagt Kevins Vater, das Schulgebäude in Rabenstein stehe weiter ungenutzt herum.

Für sie gehe es jetzt um viel, sagen die Gläsers, vor allem um die Zukunft ihres ältesten Sohnes. "Wir haben Angst, dass Kevins Leistungen nach dem Wechsel nach Altendorf leiden, dass er die Lust am Lernen verliert", sagt die Mutter und fügt hinzu: "Das aber werden wir nicht zulassen."

 
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Mittelschulen in Chemnitz wollen Schüler abweisen
Kapazitätsgrenze erreicht
Kommentar: Staatlicher Irrsinn
 
erschienen am 05.06.2012 ( Von Swen Uhlig )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
6
(Anmeldung erforderlich)
  • 07.06.2012
    11:17 Uhr

    HorrorBeetle: @ Schnelleserin: Ja, es ist erklärtes Ziel! Aber nicht der Landesbehörden, sondern der Landesregierung! Was soll die Bildungsagentur machen - ohne Lehrer, was soll die Stadt machen - ohne Geld?

    Auf Landesebene sprudeln die Steuereinnahmen und hier wird um jeden Cent gerungen!

    Wir haben bereits Juni und immer noch keinen bestätigten Haushalt! Und da schreibt die FP über Umlenkungen von Schülern, als ob das ein Klacks wäre und die Menschen nur zu unfähig wären. Wir haben weit größere Probleme. Und die Maßnahmen um die großen Probleme abzudämpfen, werden torpediert, anstatt die Ursache zu beleuchten.

    Wann wird die Politik in die Verantwortung genommen? Bildung ist Ländersache!

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  • 06.06.2012
    22:47 Uhr

    schnellleserin: nein HorrorB. - es ist erklärtes Ziel: Klassen so groß wie möglich und so wenige Klassen wie unbedingt nötig. Es gibt schon noch andere Modelle in Deutschland - kleinere Klassen und nicht alle auf einem Haufen.

    Ist ein wenig teurer, aber individueller und würde sicher dem einem oder anderem Kind, das nicht zur Lernelite zählt helfen

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  • 06.06.2012
    13:52 Uhr

    HorrorBeetle: Beförderungszeiten von einer Stunde, sind in ländlichen Regionen auch kein Problem - was machen diese Schüler?

    Für die Eltern ist es nachvollziehbar, dass sie sich krämen und wehren, würde ich in der gleichen Lage auch machen!

    Nicht nachvollziehbar ist die Art und Weise, wie solche Entscheidungen publiziert werden! Die FreiePresse zündelt nur, ohne Hintergründe und Folgen einer anderen Entscheidung zu beleuchten. Einseitig erläutert, publizistisch verpackt - das verkauft sich gut. Macht die BILD täglich vor!

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  • 06.06.2012
    10:27 Uhr

    ZwenAusZwota: @HorroBeetle: ist es denn nicht einfacher 2 bis 3 (erwachsene, evtl. motorisierte) Lehrer pendeln zu lassen, als 14 Schüler?!

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  • 06.06.2012
    06:43 Uhr

    HorrorBeetle: Herr Uhlig,
    "ohne Wenn und Aber"? Ich warte schon auf Ihre Berichterstattung, wenn in zwei Jahren die Mittelschule Altendorf schließen muss, weil nicht genügend Schüler an die Schule gehen. Werden Sie dann auch von unfähigen Leuten in den Amtsstuben schreiben? - obwohl diese versucht haben mit Kindern aus Reichenbrand diese Schule zu retten? Was machen dann die Altendorfer?

    Und wie stellen Sie sich das vor, dass Schüler in Reichenbrand beschult werden müssen? Ohne Lehrer? Müssen dann die unausgelasteten
    Lehrer von Altendorf nach Reichenbrand pendeln? Wollen Sie dies den ohnehin gestressten Lehrern zumuten und wollen Sie sie Kinder unterrichten lassen? Höher wird die Bildungsqualität bestimmt nicht dadurch!

    Bitte bedenken Sie: die Amtsstubeninsassen sind vorallem Privatleute, Bürger, Väter und Mütter. Deren dienstliche Entscheidung sagt also nichts über sie aus, nur über das System und dessen gewählte Entscheidungsträger. Ihr Kommentar sagt hingegen viel über Sie aus, Herr Uhlig!

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