Die Abiturienten des Schweitzer-Gymnasiums, Lina Knechtel, Franz Dreier und Anne Bretschneider (von links), sehen positiv in die Zukunft. Die Abiturienten des Schweitzer-Gymnasiums, Lina Knechtel, Franz Dreier und Anne Bretschneider (von links), sehen positiv in die Zukunft.

Foto: Andreas Truxa

Nach dem Abitur in die weite Welt

Jugendliche von heute haben unzählige Möglichkeiten - trotzdem sind ihre Pläne sehr konkret

Limbach-Oberfrohna. Heute Vormittag bekommen die Absolventen des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in der Stadthalle Limbach-Oberfrohna ihre Abiturzeugnisse. Alisa Sonntag sprach davor mit Lina Knechtel, Franz Dreier und Anne Bretschneider über ihre Zukunftspläne.

Freie Presse: Wofür habt Ihr Euch entschieden - Abenteuer, Studium oder Berufsausbildung?

Anne Bretschneider: Ich werde eine dreijährige Ausbildung zur Steuerfachangestellten beginnen. Zum einen ist das vorteilhaft, weil ich so Ausbildungsgeld bekommen werde und unabhängig bin, zum anderen ist es schön, endlich praktisch zu arbeiten. Ich muss dann nur noch zwei Tage wöchentlich in der Schule sitzen und Theorie pauken und ab dem dritten Lehrjahr bekomme ich sogar eigene Mandanten zugeteilt, darauf freue ich mich. Eigentlich wollte ich immer tiermedizinische Fachangestellte werden, aber in dem Beruf ist der Verdienst einfach sehr, sehr gering.

Franz Dreier: In der Zukunft plane ich, in Dresden oder Leipzig Geografie zu studieren und danach als Umweltschützer zu arbeiten. Das mag erst einmal merkwürdig klingen, aber es gibt verschiedene, auch staatliche geförderte Organisationen, bei denen ich mich dafür bewerben kann. Ich möchte unbedingt nach Island ziehen. Das Land interessiert mich wegen der aktiven Plattentektonik und wegen des Konflikts, den es dort zwischen der Schwermetallindustrie und dem umweltschonenden Tourismus gibt. Ich stelle mir meine spätere Arbeit so vor, dass ich dann unter anderem Kampagnen und Proteste organisieren oder Informationsarbeit leisten kann.

Lina Knechtel: Gemeinsam mit einer Freundin werde ich erst einmal ein halbes Jahr nach Australien gehen, um zu arbeiten, neue Leute kennenzulernen und etwas von der Welt zu sehen. Wir organisieren alles selbst, das ist billiger. Es gibt dort schwarze Bretter, an denen Arbeitsstellen ausgeschrieben sind - am liebsten würde ich dort kellnern gehen, das mache ich auch hier ab und an. Danach möchte ich Gymnasiallehrerin für Kunst und Englisch werden.

Freie Presse: Wie verbringt Ihr die Zeit bis zur Ausbildung oder bis zum Studium?

Anne Bretschneider: Vielleicht werde ich ab und an bei einer Verwandten arbeiten. Wichtiger ist mir aber, die freie Zeit, die ich ja so schnell nicht wieder haben werde, zu genießen und mich von dem Stress der letzten Zeit ein bisschen auszuruhen. Ab dem ersten August verdiene ich ja sowieso mein eigenes Geld. Auf jeden Fall fahre ich auch noch eine Woche mit Freunden in den Urlaub.

Franz Dreier: Ursprünglich wollte ich gleich mein Geografie-Studium beginnen, aber dann erzählte eine Freundin, dass sie ein Freiwilliges ökologisches Jahr machen will - die Idee hat mir gefallen. Also habe ich mich relativ spontan vor zwei Monaten in der sächsischen Landesmessstelle für Radioaktivität in Hilbersdorf beworben und wurde angenommen. Dort werde ich zum Beispiel Wildproben, die Jäger uns schicken, zur Untersuchung auf Strahlung vorbereiten. Das ist praktisch, weil ich so meine Physik- und Chemiekenntnisse verbessern kann, die ich später fürs Studium benötige. Außerdem ist es schön, erstmal ein Jahr etwas Praktisches zu machen.

Lina Knechtel: Eine Woche lang fahre ich mit meinem Freund nach Frankreich und eine mit meinen Eltern nach Polen - für die restliche Zeit bis Ende August habe ich mir einen Job bei der Komsa in Hartmannsdorf gesucht. Dort werde ich Handys reparieren, acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Wenn ich Frühschicht habe, muss ich schon um 5 Uhr morgens anfangen. Aber das Geld kann ich sehr gut gebrauchen.

Freie Presse: Gibt es irgendwelche Aspekte im Bildungssystem, die Ihr gerne ändern würdet?

Lina Knechtel: Ja, schon. Es ist klar, dass das Abitur einem nicht hinterher geworfen wird - aber gegen Ende der zwölften Klasse war es wirklich zu viel, das wir schaffen mussten. In vier oder fünf Wochen haben wir zwölf Klausuren geschrieben! Außerdem finde ich, dass einige der an uns gestellten Ansprüche einfach zu hoch sind.

Franz Dreier: Ich finde, Ethik sollte zum Pflichtfach werden für alle, die nicht genau wissen, was sie glauben, und Religion zum Wahlfach. Dabei sollten in meinen Augen, wenn ausreichend Bedarf besteht, auch verschiedene Religionen angeboten werden.

Freie Presse: Seid Ihr der Meinung, dass Eure Generation anders ist als diejenigen davor?

Lina Knechtel: Vielleicht sind wir weniger respektvoll als die Generation vor uns. Das liegt an der Erziehung, denke ich: Die ist heute weniger streng, man bekommt Respekt zum Beispiel vor älteren Personen auch weniger vorgelebt, weil heute andere Werte eine viel größere Rolle spielen. RTL und Co. werden sicherlich auch ihren Anteil an diesem Wandel haben.

Franz Dreier: Die technischen Möglichkeiten haben die Menschen verändert. Ich habe mal gelesen, dass wir mit unseren Augen viel mehr Informationen viel schneller als ältere Menschen erfassen können, und das glaube ich gern. Nicht umsonst haben Ältere oft Probleme mit dem Internet. Aber die Technik hat uns auch weicher gemacht. Wer geht heute schon noch auf die Straße, um zu protestieren? Lebten wir heute noch in der DDR - es würde sich nichts mehr ändern.

Freie Presse: Was ist Euch in Eurem späteren Leben wichtig?

Anne Bretschneider: Wenn es möglich ist, möchte ich in Bräunsdorf bleiben. Auf jeden Fall will ich nicht in die Stadt ziehen. Ich will richtig schön in Weiß heiraten und eine Familie haben: ein oder zwei Kinder, die mit mir und meinem Mann in unserem Haus leben. Pferde will ich auch haben, denn mit dem Reiten möchte ich keinesfalls aufhören. Es ist mir auch wichtig, einen festen Job als Sicherheit zu haben, sodass ich mir keine Geldsorgen machen muss.

Franz Dreier: Frau und Kinder möchte ich auf jeden Fall auch haben, aber noch wichtiger ist es mir, etwas Sinnvolles zu tun. Nicht immer nur konsumieren, sondern auch mal etwas abgeben. Ich will nicht vergessen werden, wenn ich tot bin. Es wäre zum Beispiel cool, wenn ich eine neue alternative Energiequelle entwickeln könnte. Dafür habe ich schon Ansatzideen, die ich weiterentwickeln möchte. Und ich will weg vom Dorf und in die Stadt. Dort ist es anonymer und man kommt leichter von A nach B.

Lina Knechtel: Ich möchte in Bräunsdorf heiraten, die Kirche hier finde ich total schön. Zwei bis vier Kinder möchte ich einmal bekommen und zwar noch in eher jungem Alter, das ist für Kind und Mama leichter. Dann will ich in einem Haus mit Garten wohnen, damit die Kleinen viel draußen spielen können. Obwohl man im Westen als Lehrer viel mehr verdient und sogar verbeamtet wird, möchte ich in Sachsen bleiben. Ich fühle mich hier einfach wohl.

 
erschienen am 29.06.2012
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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