In der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof hält sich Karl-Heinz Langer tagsüber am längsten auf. Hier tauscht er sich mit Bekannten über seine Leidens- geschichte aus. Zu jedem Amt in der Stadt erzählt er seine persönliche Geschichte.
Foto: Andreas Truxa
Obdachlos - Überleben in Chemnitz
Karl-Heinz Langer hat keinen festen Wohnsitz - Der Frost ist lebensgefährlich
Chemnitz. Karl-Heinz Langer hat seit zweieinhalb Jahren keine Wohnung mehr. Winterliche Temperaturen werden so zu einer Bedrohung für ihn. Als hätte er einen Fahrplan, fährt der 47-Jährige deshalb jeden Tag die gleichen Stationen ab - Bahnhofsmission, Suppenküche, Nachtquartier.
9 Uhr, auf zum Amt:
Langer steht mit seiner Plastiktüte auf der Straße vor dem Nachtquartier in der Heinrich-Schütz-Straße, der Unterkunft für Wohnungslose. Hier hat er die vorige Nacht verbracht. Um 9 Uhr müssen er und die anderen Männer den dortigen Schlafraum verlassen.
"Ab Minus 10 Grad kann ich nicht mehr auf der Platte schlafen", sagt Langer. Die Gefahr zu erfrieren sei zu groß. "Platte" nennen Wohnungslose die Straße. Das letzte Mal habe er dort Ende Dezember geschlafen. Danach sei er bei Bekannten untergekommen. Doch seit die ihn rausgeworfen hätten, sei das Nachtquartier seine letzte Chance. Gern schlafe er dort allerdings nicht. "Gewalt ist dort völlig normal", sagt er. Er halte sich dort nie länger als bis 3 Uhr auf. "Ein oder zwei Personen sind oft ziemlich aggressiv", bestätigt Peter Borm, Leiter des Nachtquartiers. Insgesamt hat die Unterkunft 17 Betten. Für Frauen und Wohnungslose mit Hund gibt es jeweils einen Extraraum. "Aktuell reichen die Plätze aus", sagt Borm. Seine Einrichtung hat wegen des kalten Winters die Öffnungszeiten verlängert.
Langers erstes Ziel an diesem Morgen ist die Landesdirektion. Er möchte dort Unterstützung beantragen, sagt er. Die Namen der Sachbearbeiter, die ihn bei den anderen Ämtern abgewiesen haben, sprudeln aus ihm heraus. Immerhin ist es in Amtsgebäuden warm.
12 Uhr, Wohnzimmerersatz:
Auf der Heizung in der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof trocknen ein schwarzes T-Shirt und eine Jeans-hose. Langer sitzt aufrecht davor auf einem der schwarzen Plastikstühle. Seine Hände umschließen eine dampfende Tasse Früchtetee.
An einer schmalen Holztheke an der anderen Seite des Raumes verteilt Schwester Claudia-Maria Schwarz Tee und Brötchen. Für Langer ist sie ein "Engel". Die Bahnhofsmission sei in seinem Tagesplan fest eingebaut. Hier halte er sich am längsten auf. Hier könne er loswerden, was ihm "auf dem Amt" passiert ist. Seit drei Jahren kämpfe er schon um "das, was mir zusteht", sagt Langer. Vor allem will er eine eigene Wohnung.
15.30 Uhr, warme Mahlzeit:
"Bei den Temperaturen bin ich nach einer halben Stunde durchgefroren", sagt Langer. Deshalb brauche er eine warme Mahlzeit am Tag. Die bekommt er von den Missionarinnen der Nächstenliebe. Jeden Tag außer Donnerstag verteilen sie im Haus Nummer 2 in der Gießerstraße kostenlos warme Suppe. "Das heißt für mich, ich habe Donnerstags keine warme Mahlzeit", sagt Langer. Er kenne zum Glück einen Fleischer, der ihm manchmal etwas zu Essen schenke. Eingekauft habe er seit Jahren nicht mehr.
17 Uhr, Aufwärmen:
Langer ist zurück in der Bahnhofsmission. Wegen der Kälte trägt er am Körper, was er hat: Ein paar Turnschuhe, drei Schichten an den Beinen, fünf am Oberkörper. Aus seiner Plastiktüte holt er eine lange Unterhose, ein Baguette und ein Paar Handschuhe heraus. Danach ist die Tüte leer.
18 Uhr, Hoffen auf Unterkunft:
Schwester Claudia-Maria Schwarz fegt den Raum der Bahnhofsmission und stellt die schwarzen Plastikstühle in den Nebenraum. Die Einrichtung schließt. Langer steht wieder auf der Straße. Wo er diese Nacht schlafen wird, weiß er noch nicht. Er wartet am Bahnhof auf eine Chance für eine Unterkunft. "Entweder mir bietet jemand eine Schlafmöglichkeit an oder ich muss wieder ins Nachtquartier."


