Gasthof Gasthof-Chef Jan Kösters zeigt das Fenster vom "Roten Hirsch", durch dessen Tor die Salzstraße verlaufen sein soll.

Foto: Andreas Seidel

Rätsel um den "Roten Hirsch" in Claußnitz

Inhaber sucht nach Dokumenten zum ältesten Gasthof Sachsens - Salzstraße verlief durch die Weinstube - Karl May soll Zeche geprellt haben

Claußnitz. Claußnitz. Jan Kösters bewirbt sich um den Titel "Älteste Herberge Sachsens". Der neue Eigentümer des Gasthofs "Roter Hirsch" in Claußnitz will anhand von Bau-Zeugnissen beweisen, dass die Gaststätte um 1200 in der Übergangszeit der Romanik zur Gotik gebaut worden ist. Aber der letzte Beweis fehlt ihm noch: ein schriftlicher Eintrag oder Nachweis.

Rundbogenfenster sind Beweis

Das liegt daran, dass um 1550 die Kirchenbücher mit allen Aufzeichnungen verbrannt sind. Die erste urkundliche Erwähnung war am 2. Februar 1550. Es wurde ein Brauereizins von 14 Groschen an das Kloster Altzschillen in Wechselburg erhoben. "Aber nach seinem Standort und der Bauart zu urteilen, ist die Bauzeit wohl eher dem 12. Jahrhundert zuzuordnen. Der Gasthof selbst diente als Pferdeumspanne. Die großen Rundbogenfenster in der Altdeutschen- und in der Weinstube zeugen noch davon, dass Pferdekutschen auf der Salzstraße hier durchgekommen sind", so Kösters.

Bisher gibt es noch keine statistische Erhebung, welche die ältesten Gasthöfe Sachsens sind. Weder der Branchenverband Dehoga noch das Statistische Landesamt hat dazu Recherchen erstellt. Anja Koch von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz verweist darauf, dass viele Gaststätten mit dem Zusatz einer der ältesten Herbergen werben würden. Die Altersangabe müsse aber nachweisbar sein.

"Mit der Formulierung, eine der ältesten Herbergen in Sachsen zu sein, möchte ich mich nicht zufriedengeben. Deshalb suche ich nach schriftlichen Beweisen im Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege und anderen Archiven", erklärt der 37-Jährige. Doch in der Ortschronik sei auch nachzulesen, dass 1277 eine Mühlzins bezahlt werden musste. "Es muss zwei Mühlen gegeben haben, eine zur Kirche zugehörig, die andere arbeitete wahrscheinlich für unseren jetzigen Vier-Seit-Hof", erzählt der gelernte Koch, der vor einem Jahr von seinen Eltern den Traditions-Gasthof übernommen hatte. Als das Waldhufendorf Claußnitz um 1100 erbaut worden sei, sei auch eine Ausspanne entstanden. "Denn im Normalfall wurde am Stammtisch einer Kneipe entschieden, eine Kirche zu bauen. Und diese entstand um 1200. Also muss unser Gasthof vor dem Kirchenbau entstanden sein", so Kösters.

Kellertür ist nur 1,60 Meter hoch

Der Hobby-Gastwirt, der wegen einer Getreide-Unverträglichkeit seinen Beruf nicht mehr ausüben kann und deshalb hauptamtlich bei einer Versicherung arbeitet, erhofft sich auch Hilfe vom Verein Alte Salzstraße von Halle/Saale bis Prag. Vorgesehen ist, diese rund 400 Kilometer lange Strecke touristisch auszubauen. Der wichtigste Salz-Handelsweg des Mittelalters führt auch am "Roten Hirsch" von Claußnitz vorbei. Jan Kösters zeigt auf ein Fenster, das früher das Tor des Gasthauses gewesen sein soll. Dadurch habe die Salzstraße geführt, so Kösters. Also irgendwann im Mittelalter zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert sei am Dorfbach die Ausspanne entstanden. Kösters hat verschiedene Belege, die das Alter seines Gasthofes beweisen könnten: Der Mühlgraben am Dorfbach, der auf die Mühle verweist. Die Kellertür, die nur 1,60 Meter hoch ist - Beleg für das typische Romanik-Maß zum Gewölbekeller. Auch der Rochlitzer Porphyr, mit dem der Gasthof gebaut wurde, könnte auf der Salzstraße transportiert worden sein.

Auch wenn der Eintrag als ältester Gasthof Sachsens noch etwas dauern könnte, verspricht sich Jan Kösters von seiner Historien-Suche weitere Effekte. "Kürzlich wurden in der ZDF-Sendung Terra X neue Erkenntnisse über das Leben von Karl May, dem Schriftsteller aus Hohenstein-Ernstthal, enthüllt", erzählt Kösters. Dabei sei er etwa um 1860 in einem sächsischen Wirtshaus aufgetaucht und habe sich als Leutnant Wolframsdorf ausgegeben, so Kösters. Angeblich sollte er Falschgeld konfiszieren und habe so manchen ahnungslosen Gast um den Inhalt seines Geldbeutels erleichtert. In den Unterlagen zur Ortschronik sei nachzulesen, dass Karl May tatsächlich im Gefängnis von Claußnitz gesessen habe. Beschrieben ist diese Geschichte im Buch "Der rasende Reporter" von Egon-Erwin Kisch.

Viele Details rund um den Anger

"Mit all diesen Details können wir mehr Touristen in die Region locken. Wer künftig die Salzstraße entlang pilgert, wird bei uns Interessantes zu Karl May, ein Sühnekreuz, Postmeilensäule, Friedenseiche und andere interessante Flecken rund um den Anger, wo unser Gasthof steht, erfahren", so Kösters.

Seit Übernahme des Gasthofes und Hotels hat Kösters nach eigenen Angaben 120.000 Euro investiert. So sei der Saal mit 220 Plätzen renoviert worden. Weinstube, Altdeutscher Raum und Kegelbahn würden gut besucht. Die zehn Zimmer mit 21 Betten würden von Kurzbesuchern regelmäßig gebucht. Nach der Sommerflaute hofft der Chef jetzt wieder auf mehr Gäste. Die Nähe zu Chemnitz, Leipzig und ins Erzgebirge sei der Vorteil von Claußnitz.

 
erschienen am 03.09.2010 ( Von Bettina Junge )
 
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