Tino Käßner mit Frau Antje und Töchterchen Hanna während eines Besuchs bei seinen Eltern in seiner Geburtsstadt Chemnitz, wo die Familie natürlich auch die gemeinsame Zeit auf dem Weihnachtsmarkt genoss.
Foto: Kristin Schmidt
Schicksalsschlag verändert Prioritäten
Behindertensportler Tino Käßner aus Chemnitz erlebte 2011 sportlich eher Niederlagen - Anerkennung gibt es indes für sein Buch
Chemnitz. Die endgültige Absage kam am Wochenende. Tino Käßner erhielt nach den Qualifikationsrennen Anfang des Monats keine Nominierung für die WM auf der Bahn, die im Februar in Los Angeles stattfindet. "Damit wird es wohl zu 99 Prozent für mich auch leider keinen Start bei den Paralympics in London geben. Denn die WM ist die einzige Möglichkeit, um sich dafür noch zu empfehlen", meint der 37-Jährige zwar mit traurigem Blick, aber relativ gelassen: "Das gehört im Sport eben dazu. Ich sehe das realistisch, andere waren eben besser." Emotional ganz anders reagiert hingegen seine Ehefrau: "Es ist schon eine Riesenenttäuschung, denn immerhin hat Tino vier Jahre lang eine Menge Entbehrungen auf sich genommen, viel Zeit investiert, die manches Mal für die Familie fehlte", macht Antje ihrem Ärger über diese Entscheidung Luft. Dieser Gefühlsausbruch ändert jedoch nichts daran, dass sie ihren Mann bei allen Aktivitäten immer bestmöglich unterstützt, ihm stets den Rücken freihält.
Sicher haben beide sehr schwere Zeiten nach dem Selbstmord-Attentat in Afghanistan, bei dem der gebürtige Chemnitzer am 14. November 2005 als Soldat seinen rechten Unterschenkel verlor, erlebt. Der Radsport war dabei einer der wichtigsten Wege zurück in die Normalität. Doch scheint Tino Käßner gerade wegen des schlimmen Unfalls kein anderes Negativ-Erlebnis je mehr zu erschüttern, Traurigkeit empfindet er dabei schon. Vor allem deshalb, weil er selbst nur bedingt schuld an dieser Situation ist. Denn im Jahresverlauf gab es gleich mehrere Widrigkeiten, die ihn sportlich immer wieder zurückwarfen.
Zunächst lief es nach einem sehr guten Training über die Wintermonate hinweg in den ersten Rennen verheißungsvoll. Doch dann kam das Zeitfahren im Rahmen der Bayern-Rundfahrt am 29. Mai. "Ich war vorn dabei, doch 800 Meter vor dem Ziel rutschte mir bei 50 Stundenkilometern das Vorderrad weg", beschreibt er den bösen Sturz auf das gesunde linke Bein. Er trug starke Abschürfungen davon, musste mehrfach genäht werden und das lädierte Knie vier Wochen schonen. Nach dieser Trainingspause lief es bei der Rückkehr ins Wettkampfgeschehen beim Europacup in Elzach (Schwarzwald) wieder beachtlich. Beim Mountainbike-Marathon in Oberammergau folgte das nächste Missgeschick. Während des Rennens kippte er nach rechts auf die Prothese, wobei er sich den Stumpf prellte. Wieder folgte eine ungewollte Auszeit und kurz danach ein Zeitfahren bei den deutschen Meisterschaften unter Schmerzen.
"Danach streikte mein Immunsystem, ging zwei Wochen gar nichts mehr", berichtet der vierfache WM-Starter. Wieder erholt, meisterte er im August zum zweiten Mal das anspruchsvolle Fünf-Etappenrennen "Trans Schwarzwald". Danach plagte ihn erneut eine Entzündung des Stumpfes.
Beim Mountainbikerennen der SG Chemnitz-Adelsberg Anfang Oktober - bei der Traditionsveranstaltung seines ersten Vereines versucht er stets teilzunehmen - fühlte er sich dann gut, obwohl er wegen einer zwischenzeitlich verloren gegangenen Pedale wertvolle Zeit einbüßte. "Doch ich spürte, die Form stimmte", erinnert sich Tino Käßner, der danach endlich ohne zusätzlich Probleme die Vorbereitung auf die Qualifikation in Angriff nehmen konnte. "Die Zeiten haben das leider nicht so widergespiegelt. Zudem habe ich in meiner Klasse zwei neue, starke Kontrahenten bekommen. Es war eng, aber letztlich haben mir wohl die Grundlagen gefehlt. Der erste Sturz war entscheidend", analysiert der ehrgeizige Athlet, der mit seiner Familie inzwischen in Murnau (Bayern) lebt.


