Weiße Schleifen an den Alleebäumen erinnerten bis gestern Vormittag an drohende Konsequenzen der Ausbaupläne des Chemnitzer Modells.
Weiße Schleifen an den Alleebäumen erinnerten bis gestern Vormittag an drohende Konsequenzen der Ausbaupläne des Chemnitzer Modells.

Foto: Andreas Seidel

Stadt Chemnitz entfernt Protestsymbole an Reichenhainer Straße

Weil der Ausbau des Chemnitzer Modells die Allee bedroht, hatten Kritiker weiße Schleifen an Bäumen angebracht - Die sind nun verschwunden

Chemnitz. Mit 170 weißen Schleifen an den Bäumen auf dem Mittelstreifen der Reichenhainer Straße hatte die Initiative Stadtforum Chemnitz seit Montag auf deren geplante Abholzung aufmerksam gemacht. Gestern Vormittag wurden sie eilig entfernt und entsorgt. Nach Rathausangaben durch einen Mitarbeiter des Bauhofs, der aufgrund einer Bürgerbeschwerde umgehend damit beauftragt worden sei.

"Offenbar haben wir einen wunden Punkt getroffen", sagte ein Vertreter des Stadtforums. Hintergrund der Aktion ist der Streit um den weiteren Ausbau des Chemnitzer Modells. Dessen nächste Stufe sieht vor, in der Mitte der Reichenhainer Straße eine Straßenbahntrasse anzulegen. Sie soll den Campus der TU an das Straßenbahnnetz anbinden und in die Bahnstrecke nach Thalheim und Aue münden. Die Planungsleistungen für das Vorhaben werden derzeit ausgeschrieben, heißt es vom zuständigen Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS). Er will an der Trasse in der Mitte der Reichenhainer Straße festhalten und verweist auf Ersatzpflanzungen, die nach der Fertigstellung geplant sind.

Damit aber wollen sich Anwohner und Anlieger offenbar nicht abfinden. Sie beklagen vor allem, dass mit dem Verschwinden der Allee ein ihnen wichtiges Stück Lebensqualität vernichtet würde. Andere fürchten, dass sie ihre Garagen und Kleingärten verlieren, weil diese der Trasse im Wege stehen. Ein Teil der Betroffenen erwägt nun die Gründung einer Bürgerinitiative, die unter anderem auch die Offenlegung aller Kosten des Millionprojekts einfordern soll. Für kommenden Dienstag sei ein Info-Stand an der Mensa geplant, hieß es gestern.

Auf mehr Mitsprache bei der Umsetzung des Chemnitzer Modells drängt unterdessen auch die Stadtverwaltung. Tiefbauamtsleiter Bernd Gregorzyk kündigte zur Bauausschusssitzung am Dienstagabend an, dass die Stadträte im Herbst über die innerstädtische Trassenführung vom Hauptbahnhof in Richtung Aue mitentscheiden sollen. "Dabei gibt es noch viel mehr Themen als die Baumallee", sagte er. So müssten auch der Verlauf an der künftigen Zentralbibliothek der TU in der alten Akteinspinnerei und am Zentralen Hörsaalgebäude Reichenhainer Straße 90 diskutiert werden.

 
erschienen am 12.07.2012 ( Von Michael Müller Und Michael Brandenburg )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
9
(Anmeldung erforderlich)
  • 15.07.2012
    07:28 Uhr

    Deluxe: Manchmal fragt man sich schon, was die Chemnitzer eigentlich wollen...

    Endlich moderne Stadtbahntrassen oder weiter qualmende Dieselbusse? Die Straßenbahn ist in Chemnitz jahrzehntelang zu kurz gekommen, obwohl sie einstmals das Rückgrat des Chemnitzer Nahverkehrs war. Seit den 60er Jahren wurden immer mehr der damaligen 925mm-Schmalspurtrassen zugunsten vermeintlich "modernerer" Buslinien stillgelegt - der Regelspur-Neubau von Straßenbahnlinien hielt mit insgesamt nur 4-5 Neubautrassen bis 1990 in keiner Weise Schritt und blieb die Ausnahme. Nun bastelt Chemnitz seit etwa 20 Jahren endlich daran, diese Fehlentscheidungen zu korrigieren - prompt gibt es wieder massive Proteste. Ein Umbau der Reichenhainer Straße kann doch durchaus auch dafür genutzt werden, die Alleebäume zu ersetzen - dann eben nicht auf dem Mittelstreifen sondern beidseitig im Gehwegbereich - wo liegt das Problem?
    Wenn der Südring oder andere längst überfällige Straßenbauprojekte mal weitergebaut würden und dafür ein paar Bäume fallen müßten, würde sich komischerweise niemand beschweren.
    Oder gibt es ähnliche Proteste auch nach den kürzlich erfolgten Baumfällungen auf der Zschopauer Straße? Meines Wissens nicht - also bleibt nur der Appell:
    Bitte nicht mit zweierlei Maß messen! Was für Autotrassen recht ist, sollte für Straßenbahnprojekte billig sein.

    0 1
     
  • 14.07.2012
    11:36 Uhr

    PeKa: In den Achtzigern haben weiße Schleifen schon einmal für Aufregung gesorgt. Damals banden sich Leute, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weiße Schleifen als Erkennungszeichen an die Antennen ihrer Autos. Die Stasi hat sie damals mit Gewalt herunter gerissen. Auch damals wurde Sichtbehinderung als Grund genannt. In diesem Zusammenhang sollte es mich nicht wundern, wenn derjenige Bürger, der sich über die Schleifen an den Bäumen der Reichenhainer beschwert hat, genau einer von den Lumpen von damals ist.

    0 0
     
  • 13.07.2012
    10:24 Uhr

    Jothade: Das hat nichts mit "getroffenen Hunden" zu tun.
    Man muss aber die Gesamtsituation sehen, und diese kann nicht am einzelnen Baum und seiner Wurzelbreite festgemacht werden. Es gibt auch Leben jenseits vom Tellerand!
    Ansonsten habe ich schon erwähnt, dass alles seinen öffentlichen Weg gehen muss (öffentlich = auch für Anwohner nachvollzieh- und -prüfbar).

    1 1
     
  • 13.07.2012
    08:37 Uhr

    geige56: Getroffene Hunde bellen.
    Eine weiße Schleife ist keine Einschränkung des Lichtraumprofils und wird auch den Bäumen keinen Schaden zugefügt haben. Das Signal ist aber: Bürger - setzt Euch ein für den Erhalt der Allee! Erzwingt die Offenlegung aller Alternativrouten - und lasst euch nicht mit Informationen über ein Projekt, dass klammheimlich durchgewunken werden sollte, ruhigstellen!

    3 5
     
  • 13.07.2012
    07:33 Uhr

    Jothade: "Liebe Stadtverwaltung, immer schön an den Symptomen rumdoktoren - und Ursachen ignorieren"

    Was soll das? Der Amtsleiter des Tiefbauamtes hat doch die Forderung aufgemacht, dass an diesem Thema auch die Damen und Herren Stadträte mitentscheiden sollen. Herr Gregorzyk ist als ehemaliger oberster Verkehrswegeplaner und in seiner jetzigen Position ein Schwergewicht in der Verwaltung, welches nicht so einfach - auch nicht vom VMS - wegzudenken ist!

    Ihr könnt aber etwas tun: Nutzt EURE gewählten Stadträte und gebt ihnen EURE Positionen als Aufgabe mit in die Beratungen!

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