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Straßenlaternen: Chemnitzer Rathaus ignoriert eigene Sparbeschlüsse

Stadtrat stimmte im November 2010 für eine Neuausschreibung der Straßenbeleuchtung - Rathausspitze will Beschluss nicht umsetzen

Chemnitz. Die Stadt Chemnitz will den Vertrag über die Betriebsführung der Straßenbeleuchtung nun doch nicht neu ausschreiben. Wie die Rathaus-Pressestelle auf "Freie Presse"-Anfrage mitteilte, wolle man die vom Stadtrat beschlossenen Einsparziele bei den Straßenlaternen nun auf einem anderen Weg erreichen. Es sei gelungen, so hieß es, mittels einer Nachtragsvereinbarung mit dem Energieversorger Eins die Vorgaben des Stadtrates umzusetzen. Konkrete Zahlen nannte die Rathaus-Pressestelle allerdings nicht.

Der Rat hatte im November 2010 mit dem ersten Sparpaket beschlossen, den Vertrag mit Eins zu lösen und die Betriebsführung für die Chemnitzer Straßenlaternen europaweit neu auszuschreiben. Ab 2013 sollten so 250.000 Euro jährlich eingespart werden. Dagegen heißt es nun im neuen Sparpaket der Rathausspitze, über das der Stadtrat am 20. Juni abstimmt, dass bei der Straßenbeleuchtung Einsparmöglichkeiten in Höhe von 60.000 Euro möglich sind. Das wären rund 190.000 Euro pro Jahr weniger, als der Beschluss vom November 2010 vorgesehen hatte.

Für manches Stadtratsmitglied liegt der Fehler im System. Vor 14 Jahren hatte die Kommune die Betriebsführung der Laternen den Stadtwerken übertragen, deren Rechtsnachfolger der Energieversorger Eins ist. "Ein Betreiber, der selbst Strom verkauft, hat wenig Interesse daran, die Stromkosten für die Stadtbeleuchtung zu senken", vermutet die bündnisgrüne Stadträtin Petra Zais. Sie hält den Verzicht auf eine Neuausschreibung der Leistung daher für einen Fehler. "Die Kündigungsmöglichkeit wird vertan, ohne eine politische Debatte darüber zu führen", so Zais.

Die Betriebsführung für die Stadtbeleuchtung einschließlich aller Kosten für Investitionen, Strom und Instandhaltung kostete die Stadt im vergangenen Jahr 5,57 Millionen Euro. Seit Jahren steigt diese Summe kontinuierlich an - und zwar jährlich um jeweils vier Prozent. So sieht es der Vertrag vor, den Stadt und Stadtwerke einst geschlossen hatten. Seit Jahren war aber auch die Anzahl der Leuchten an den Chemnitzer Straßen kontinuierlich angestiegen - von knapp 19.000 im Jahr 1998 auf über 25.000 im Jahr 2010. 2011 war die Zahl erstmals rückläufig - dennoch stiegen die Kosten wiederum um jene vereinbarten vier Prozent. Für Baubürgermeisterin Petra Wesseler ist das kein Widerspruch. Der Energieversorger habe Synergieeffekte erbracht, so Wesseler in einer Antwort auf eine Ratsanfrage, "die sich sowohl auf das zu zahlende Entgelt der Stadt Chemnitz positiv auswirkten als auch in qualitativer Hinsicht auf die Betriebsführung".

 
erschienen am 11.06.2012 ( Von Swen Uhlig )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
5
(Anmeldung erforderlich)
  • 12.06.2012
    22:34 Uhr

    HorrorBeetle: @max142:
    die europaweite Ausschreibung ist Pflicht. Bei einer Vergabe von öffentlichen Aufträgen ab einem Volumen von 300.000 EUR muss eine europaweite Ausschreibung erfolgen. Dem kann man sich nicht entziehen.

    Ich wage aber auch zu bezweifeln, dass ein anderer Anbieter günstiger anbieten kann, als die Stadteigene Gesellschaft, die Gewinne gleich wieder an die Stadt abgeben darf (zu 25 %).
    Zumal ein anderer Anbieter sicher nicht den Service-Level halten kann, da er keine Beschäftigten in der Stadt hat und keinerlei Erfahrung und Wissen über das Städte Laternen-Netz!

    0 2
     
  • 12.06.2012
    18:19 Uhr

    max142: Auch wenn das verschenkte Einsparpotential in erster Linie sicher sehr ärgerlich ist stellen sich mir zwei Fragen:
    1. Kann ein anderer Versorger gleiche Qualtität wirklich günstiger anbieten oder kommen dann doch wieder nachträglich Kosten auf die Stadt zu?
    2. Der Vertrag soll europaweit ausgeschrieben werden. Ist es vielleicht nicht sinnvoller den ein oder anderen Euro mehr zu investieren und ein städtisches Unternehmen zu haben, denn darüber könnten Arbeitsplätze gesichert werden und vielleicht fließt auch mal der ein oder andere Euro als Steuern wieder zurück in die Stadtkassen?

    0 0
     
  • 12.06.2012
    12:26 Uhr

    Jothade: ... dann sollte man erst recht sagen: Gut, dass es Medien gibt, die solche "Mauscheleien" aufdecken!

    Ich bin gespannt, wie der Stadtrat auf die Feststellung reagiert, dass seine Beschlüsse nicht umgesetzt werden. Ich hoffe weiterhin, dass der Stadtrat die Stadtverwaltung zur Aufklärung der Situation auffordert. 190.000 EUR "Nichteinsparung" pro Jahr sind kein Pappenstiel, auch wenn "eins" zu jetzt ca. 26 % der Stadt gehört.
    Vielleicht sollte man auch mal über den Sinn des Wortes "Korruption" in diesem Zusammenhang nachdenken. Sofern eine sachliche Aufklärung zutage bringt, dass definitiv keine "K.." vorliegt, kann das ja als positives Ergebnis der Verwaltung zugute gehalten werden - und dann sollten die Medien auch darüber berichten!

    1 0
     
  • 12.06.2012
    10:47 Uhr

    FraBe: Weiter so! Warum soll man sich auch in Chemnitz an ein nachvollziehbares und abgestimmtes Vorgehen halten, wenn es mit Mauschelei doch viel besser geht. Langsam ist es wie früher: Beziehungen sind alles. Aber früher hat man es wenigstens nicht so deutlich gemacht...

    1 1
     
  • 12.06.2012
    04:42 Uhr

    ramon: Vielleicht sollte der Stadtrat die vertane Differenz von 190.000 Euro pro Jahr den verantwortlichen Bürgermeistern vom Entgelt abziehen. Mal sehen, ob sich deren Arbeit dann ebenfalls positiv auswirkt (auch in qualitativer Hinsicht).

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