Ein etwa 7000 Jahre altes Gefäß ist neben einer ähnlichen Schüssel das wertvollste Objekt, das im "Haus der Archäologie" in Chemnitz zu sehen sein wird. Beide Gefäße sind mit Verzierungen aus Birkenrindenstreifen und Pech versehen. Es sind weltweit einzigartige Funde, sagt Restauratorin Gabriele Wagner. Foto: Ronny Rozum
Superlative für Chemnitz
Vom Phallus bis zum Schädel: 8500 Objekte für Haus der Archäologie ausgesucht
Dresden/Chemnitz. Gabriele Wagner spricht nicht von einem Penis. Auch nicht von einem Phallus.Sondern sie bezeichnet das Ding, das vor ihr auf dem Tisch liegt, neutral als "Scherzgefäß". Der gläserne Behälter wurde bei Ausgrabungen am Thomaskirchhof zu Leipzig gefunden und stammt aus der Zeit zwischen 1500 und 1550. Er soll zwar funktionieren wie ein Trinkstiefel. Bei dem gluckert und kleckert es, wenn man das Trinken nicht richtig beherrscht. Aber wer aus dem Phallus getrunken oder mit ihm gescherzt hat, ist nicht überliefert. "Aber er hat Sinn für Humor bewiesen", meint Wagner.
Sie betreut als Restauratorin am Landesamt für Archäologie die rund 8500 Objekte, die ein Kuratorenteam ausgewählt hat. Und obwohl sie den Glasphallus ehrfürchtig wie alle anderen Stücke nur mit Handschuhen berührt, ist er für sie nicht mehr als nur das frivolste Objekt, das für Chemnitz vorgesehen ist. Bei zwei alten Schüsseln, das spürt man, geht der Frau viel mehr das Herz auf. "Sie sind weltweit einzigartig. Eine Sensation. Zweifellos die wertvollsten Exponate."
Zwei dunkle, frei geformte Gefäße, unscheinbar für den Laien, den sie an einen Volkshochschulkurs im Raku-Brand erinnern. Doch der Fachmann erkennt an ihnen die Sensation: eine Intarsienarbeit zur Oberflächengestaltung. Auf dunklem Untergrund feinste Dreiecke, Linien, Rillen, Ritzen. "Auf den gebrannten Ton wurde Birkenpech aufgetragen, und darin hat man Birkenrinde eingearbeitet", erläutert Wagner. Sie lässt die beiden Schüsseln nicht aus ihrem Blick, und sie selbst holt sie nur hervor, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Die erfahrene Restauratorin hat in ihrem Berufsleben noch keine so teuren Stücke in den Händen gehalten. Wahrscheinlich wird sie froh sein, wenn die Objekte im Herbst 2013 heil in Chemnitz stehen und sie die Verantwortung für die Schüsseln nicht mehr tragen muss.
Insgesamt sollen auf den drei Etagen im ehemaligen Kaufhaus Schocken rund 300.000 Jahre Menschheits- und sächsische Siedlungsgeschichte nicht nur dargestellt, sondern erlebbar gemacht werden. "Wir lassen Raumbilder entstehen, erzählen Geschichten", wirbt Cornelia Rupp. Auch sie ist Kuratorin und Mitglied des neunköpfigen Projektteams, das schon seit Monaten den Umzug der Objekte ins neue Museum mit vorbereitet.
Die Archäologen können dabei aus dem Vollen schöpfen. Rund 28 Millionen Objekte, von der Einzelscherbe über Nägel bis hin zu kostbarem Schmuck befinden sich im Archäologischen Archiv des Freistaates. Hochregal an Hochregal. Darin stapelt sich Pappkarton an Pappkarton, insgesamt 50.000 Behältnisse, fein säuberlich beschriftet. Ständig kommen neue Objekte hinzu, denn jährlich gibt es 100 bis 120 Grabungen im Freistaat. "Wir graben uns die Ausstellung selbst zusammen", sagt Cornelia Rupp.
Das meint sie eher scherzhaft. "Nach Chemnitz kommt das Wichtigste", beteuert sie. Darunter verstehen Archäologen automatisch auch das Älteste. Die frühesten Besiedlungsspuren in Sachsen wurden in Markkleeberg nachgewiesen. Hier fand man Rastplätze von Neandertalern und dabei Faustkeile. Nun mag ein solcher Stein an sich kaum einen Menschen mehr hinterm Ofen hervorlocken. Interessant ist der Markkleeberg-Fund aber, nicht nur weil er aus der Weichseleiszeit stammt, 280.000 Jahre alt und voll erhalten ist, sondern weil er in Chemnitz im Kontext mit einem viel jüngeren derartigen Steinwerkzeug zu sehen sein wird. Dieser kommt aus der Saaleeiszeit und ist 60.000 Jahre alt.
Kuratorin Cornelia Rupp.Foto: Ronny Rozum
Das Frivolste. Das Teuerste. Das Älteste - dies sind noch nicht die einzigen Superlative, die Cornelia Rupp einfallen, denkt sie an Chemnitz. Im Depot lächelt seit Jahren Shou Lao freundlich in einem Pappkarton vor sich hin. Er kommt aus der Provinz Fukien/Fuijan und hat von allen Ausstellungsstücken die weiteste Reise zurückgelegt. Er wurde im Schutt des Zweiten Weltkrieges in Dresden gefunden. Wahrscheinlich hatte ein Privatsammler diesen Gott des langen Lebens nach Sachsen geholt. Ziemlich sicher ist, dass der Porzellan-Chinese in Chemnitz ein langes öffentliches Leben bekommt.
Rupp ist, wie die anderen Kuratoren, inzwischen schon so begeistert von der künftigen Ausstellung, dass ihr immer neue Superlative einfallen. So steht im Depot, schon vorbereitet für Chemnitz, ein Pferd. Es wird allerdings nicht mehr galoppieren können, weil es etwa im 6/7. Jahrhundert stehend begraben wurde. Archäologen fanden es bei Leipzig. Rupp verweist auf die Besonderheiten: "Einzigartig in Deutschland ist, dass das Tier stehend bestattet wurde. Wir haben das gesamte Grab ausgehoben. 3000 Kilogramm. Damit ist dies das schwerste Objekt."
Und wenn der promovierten Archäologin dann doch einmal kein Attribut der Höchstklasse mehr einfallen will, dann spricht sie vom Gold. Dieses Edelmetall wird in Sachsen selten gefunden, umso bemerkenswerter sind die Grabbeigaben auf dem Friedhof der Frauenkirche Dresden. "Die Ringe, die aus dem 17. Jahrhundert stammen, brauchen keinen Vergleich mit jenen zu scheuen, die im Grünen Gewölbe zu sehen sind", meint Rupp.
Dass die Menschen, die auf dem Territorium des heutigen Freistaates lebten, nicht nur reich, handwerklich begabt und frivol waren, sondern auch gewalttätig sein konnten - dies zeigt das Objekt, das Rupp als das Grausamste einordnet. Ein Schädel, rund 4800 Jahre alt, mit einem großen Loch drin. Archäologen sind sich ganz sicher, dass der Mann von einer Steinaxt tödlich verletzt wurde. Ein fragwürdiger Superlativ. Aber sei es drum!
Jetzt muss der Umbau des Hauses Schocken an sich nur noch fertiggestellt werden. Die Gerüste sind gefallen. Die Arbeiten im Inneren laufen auf Hochtouren. Doch man kann sicher sein: Die Stadt Chemnitz wird 2013 um einen Superlativ bereichert sein. Braucht es nur noch: super Besucher.


