Vergebliches Vertrauen auf schnelle Hilfe

Schmerzensgeldklage nach Pannen im Rettungswesen

Chemnitz. Vor seinem Tod erlitt ihr 40-jähriger Sohn über Stunden hinweg unerträgliche Qualen, weil vom Anruf beim Rettungsdienst bis zur Einlieferung in ein Leipziger Krankenhaus sich Panne an Panne reihte. Die Mutter des Verstorbenen fordert nun Schmerzensgeld vom Rettungszweckverband Chemnitz-Erzgebirge. Doch offenbar mit wenig Aussicht auf Erfolg, wie am Mittwoch die Verhandlung am Landgericht Chemnitz gezeigt hat.

Einen Tag vor Heiligabend 2007 hatte der vitale 100-Kilo-Mann plötzlich über starke Schmerzen geklagt, kurz vor 14 Uhr schließlich den Notruf 112 gewählt. Der Dispatcher am anderen Ende der Leitung vermutete einen Hexenschuss und verwies den Anrufer auf den regulären ärztlichen Bereitschaftsdienst. Erst gut 20Minuten später, nachdem eine Nachbarin Druck gemacht und die offenkundigen Qualen des Mannes geschildert hatte, wurde doch ein Rettungswagen geschickt.

Im Klinikum Chemnitz die Gewissheit: Riss der Halsschlagader, schwere innere Blutungen. Ein Hubschrauber wird geordert, der den Patienten zu Spezialisten nach Leipzig fliegen soll. Als der endlich startklar ist, macht Eisregen den Flug unmöglich. Der einzige freie Rettungswagen für einen Transport auf der Straße muss erst aus Lugau geholt werden, ehe er den Patienten am Abend endlich nach Leipzig bringt. Dort stirbt der 40-Jährige nach zwei Operationen.

Klaus Bartl, der Anwalt der Mutter, spricht von einem "komplexen Organisationsversagen". Doch wer haftet für die Folgen? Möglicherweise die Stadt Chemnitz, deren Angestellter die verzweifelten Notrufe des Mannes in der Rettungsleitstelle entgegengenommen hat. Der aber ist kein ausgebildeter Mediziner und muss anhand vorgegebener Kriterien entscheiden, ob er einen Notarzt schickt oder nicht.

Die Urteilsverkündung ist für Oktober vorgesehen. (micm)

 
erschienen am 10.08.2011
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
5
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  • 14.08.2011
    12:51 Uhr

    gelöschter Nutzer: Hmmm,und wieder mal wird von der Presse nur die Hälfte wiedergegeben. Ich finde es abscheulich das nur um Leser zu gewinnen, einige wichtige Fakten ausgelassen werden, die den Rettungsdienst und auch den Disponenten entlasten. Meine Damen und Herren von der Presse bitte verbessern sie ihre Recherche oder lassen sie nicht die Hälfte weg!!!

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  • 11.08.2011
    13:26 Uhr

    ffw112: Vorsicht mit vorschnellen Urteilen und Schuldzuweisungen!
    Ich stimme florian112 vollkommen zu! Jeder Disponent entscheidet anhand des Meldebildes, welche Mittel zum Einsatz kommen. Da keiner von uns weiß, welche "Qualität" der Notruf hatte, also wie der Zustand des Patienten geschildert wurde, würde ich mir darüber kein Urteil erlauben! Wie in jeder Leitstelle gibt es auch in Chemnitz gesetzliche Grundlagen für die Arbeit und Entscheidungsfindung, z.B. den Indikationskatalog für einen Notarzteinsatz. Würde jeder Disponent im Zweifelsfall immer einen Noarzt schicken, wären die teilweise unnütz gebunden und für die richtigen Notfälle keine verfügbar. Und immer dran denken, es arbeiten dort Menschen und die können leider auch Fehler machen.

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  • 11.08.2011
    12:07 Uhr

    RabenschwarzesICH: eben florian--- weil ers nicht 100% weiß .. da sollte er besser noch einige Fragen stellen und im Zweifelsfalle doch lieber einen Notarzt auf den Weg schicken.
    Deine Annahme noch nie mit einem Disponenten gesprochen zu haben ist auch nicht richtig. Ich selbst vor Jahren in der Leitstelle Kyritz gearbeitet. Und wir hatten dort sehr klare Anweisungen - unter anderem eben die, im Zweifelsfall den Notarzt zu schicken ...

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  • 11.08.2011
    11:08 Uhr

    gelöschter Nutzer: So einen Kommentar kann nur einer schreiben, der noch nie mit einen Disponeten in einer Rettungsleitstelle über seine Arbeit gesprochen hat. Danach würden viele anders denken, als nur darüber zu schimpfen, welche Entscheidung der jeweilige innerhalb kürzester Zeit treffen musste. Er muss sich aus dem Gesagten ein Bild machen, aber ob es dem am Notfallort gleicht, weiß er in dem Moment nicht 100 prozentig.

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  • 11.08.2011
    07:43 Uhr

    RabenschwarzesICH: MEMO an mich selber: Niemals die 112 wählen sondern besser gleich selbst in die Klinik fahren oder fahren lassen... Ich fass es grade nicht: man liest oder hörtja oft in den Medien: " Lieber einmal umsonst den Notarzt rufen als zu spät.." und dann so was...
    Mein Mitgefühl der Mutter des Opfers. Und ich wünsche ihr, dass die Klage erfolgreich sein möge

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