Annemarie Merkel kam mit ihrem Sohn Hans-Rudolf Merkel zur Matinee. Er ist heute Direktor der Stadtmission Chemnitz.
Foto: Wolfgang Schmidt
Vor 65 Jahren: Eine Frau rettet Kinder im Krieg
Gedenkmatinee: Annemarie Merkel erinnert sich an die Bombardierung von Chemnitz
Chemnitz . Chemnitz. Mit ihrer Erinnerung an den 5. März 1945 hat Annemarie Merkel am Samstag die etwa 500 Menschen im Kleinen Saal der Stadthalle gerührt. Bei einer Gedenkmatinee berichtete die 88-jährige Frau von der Nacht, als Chemnitz vom Bombenhagel getroffen wurde - eine Nacht, in der sie Kindern das Leben rettete.
"Zu Kriegszeiten arbeitete ich im Kinderheim im erzgebirgischen Lippersdorf", erzählte die Rentnerin mit fester Stimme. "Dort erfuhren wir auch von der Bombardierung der Stadt Chemnitz. Unser Einrichtungsleiter erzählte uns, dass im Kinderheim in Bernsdorf sicherlich Hilfe benötigt würde. Er konnte uns jedoch nicht zwingen dahinzufahren." Die junge Annemarie Merkel fasste sich damals ein Herz, brach mit dem Zug in Richtung Chemnitz auf, das am 5. März brannte. "Die Wagen fuhren jedoch nur bis Hilbersdorf. Ab da waren die Schienen zerstört", erinnerte sich Annemarie Merkel. "Also machte ich mich zu Fuß von Hilbersdorf nach Bernsdorf auf."
Als sie das Kinderheim erreichte, stand es bereits in Flammen. Das Babyhaus war schwer getroffen, berichtete die Zeitzeugin weiter. Und nach einer Pause fügte sie hinzu: "Ich konnte nur drei Kinder ausmachen, die den Angriff überlebt hatten."
Im Saal der Stadthalle herrschte bei diesem Bericht Stille. Keiner räusperte sich. Niemand hüstelte. Kein Stuhl knarrte. Und Annemarie Merkel fuhr fort: "Ich nahm mich eines der Kinder an. Es war winzig klein, etwa zwei Jahre alt und wir hatten in unserem Lippersdorfer Kinderheim noch nicht mal ein Bett für den Jungen frei. Also schob ich zwei Korbstühle zusammen und legte ihn, in Decken gewickelt, darauf."
Die Mitarbeiter des Heims gaben dem Kind den Namen Torsten. Kurze Zeit später fand es die Kraft, sich aufzurichten. "Ich sprang sofort auf und schlug die Hände ineinander", erinnerte sich Annemarie Merkel in der Gedenkmatinee. "Ich ging auf ihn zu und sagte: ,Torsten, mein kleiner Torsten!' Da antwortete er: ,Aber ich heiße doch Heinz!'" Den elternlosen Jungen hat Annemarie Merkel bei sich aufgenommen. Leider verstarb er in den fünfziger Jahren an einer Kinderkrankheit, wie Merkel nach der Veranstaltung der "Freien Presse" erzählte.
Die Gedenkmatinee hatte der Chemnitzer Publizist Addi Jacobi organisiert. Der 73-Jährige erlebte die Bombenangriffe vom 5. März 1945 in einem Luftschutzkeller in der Johannisstraße 8, die damals durch die Chemnitzer Innenstadt verlief. Seit Jahren sammelt Jacobi Dokumente wider das Vergessen, bittet Zeitzeugen, jüngeren Menschen ihre Erinnerungen mitzuteilen.
Der Chemnitzer bewegte nicht nur Annemarie Merkel zu einem Bericht über die schlimmen Kriegserlebnisse, sondern auch andere Menschen, die den Krieg in Chemnitz erlebten. So zum Beispiel Wolfgang Herbst, studierter Theologe, der bis 1998 Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg war. Er sprach von seiner Kriegsnacht im Bunker unter dem Kaßberg. "Nach den Angriffen gab es keinen Entwarnungston. Bis heute nicht. Wir sollten dies als Mahnung verstehen. Für Kriege gibt es nie Entwarnung."


