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Bis Mitte 2020 sollen die Pfarreien im Erzgebirge fusionieren. Dann wird es in der Region Super-Gemeinden geben.

Foto: Vulcanus/Fotolia

Bleibt die Kirche im Dorf?

Knapp zwei Autostunden benötigt man von einem Ende des Landkreises zum anderen. Wo es jetzt sechs Pfarreien gibt, werden es bald noch zwei riesige sein. Was hat es damit auf sich? Und was bedeutet das für die rund 5700 Gläubigen?

Von Michael Urbach
erschienen am 21.04.2017

Annaberg-Buchholz/Stollberg. Der strenge erzgebirgische Winter in diesem Jahr, sagt Pater Raphael Bahrs, habe ihn als Rheinländer auf der Straße ganz schön ins Schwitzen gebracht. Derart viel Schnee gab es nicht, als er vor rund drei Jahren Pfarrer für Stollberg, Oelsnitz und Lugau wurde. Nicht das einzige, das sich geändert hat: Seit anderthalb Jahren ist der 56-Jährige zusätzlich für die katholischen Gemeinden in Zwönitz und Thalheim zuständig. 20.000 Kilometer fährt er pro Jahr zwischen Hausbesuchen, Religionsunterricht, Beerdigungen, Gemeindekreisen und Heiligen Messen. Trotz Termindrucks ist Pater Raphael für die 1400 Christen mit Freude und Eifer dabei. Aber er sagt auch: "Der Pfarrer ist weniger bei seiner Gemeinde."

Und die Zeit für die Seelsorge wird kaum wachsen: Bis Mitte 2020, das hat Bischof Heinrich Timmerevers nun beschlossen, sollen Gemeindefusionen vollzogen werden. Man kann sagen: Im Erzgebirge entstehen zwei Super-Pfarreien mit insgesamt annähernd 5700 Christen. Ein Schritt, der nicht aus heiterem Himmel kommt: Schon seit einigen Jahren bilden benachbarte Pfarreien sogenannte Verantwortungsgemeinschaften, um ins Gespräch zu kommen und zu schauen, wie die Kirche vor Ort funktioniert - sie blieben aber selbstständig. Das ändert sich: In der Region sollen die Pfarreien Stollberg, Zwönitz, Aue sowie Schwarzenberg mitsamt ihren Außenstellen fusionieren, außerdem werden Annaberg und Marienberg zusammengehen. Das ist keine rein organisatorische Sache: Es stehen auch Personalstellen und mittelfristig Gottesdienstorte zur Disposition.

Das Bistum Dresden-Meißen begründet die Pläne auf Anfrage von "Freie Presse" mit der demografischen Entwicklung, die auch vor der Kirche nicht halt mache. "Es gilt daher zu überlegen, in welcher Weise kirchliches Leben gestaltet werden kann, dass es auch in Zukunft die Menschen erreicht", sagt Pressesprecher Michael Baudisch.

Mit seinen Problemen steht das hiesige Bistum nicht alleine da. Seit mehr als zehn Jahren werden in den 27 deutschen Bistümern und Erzbistümern Pfarreien zusammengelegt, ihre Anzahl ist seit 1990 um fast ein Fünftel zurückgegangen. Damit will die katholische Kirche in Deutschland insbesondere den Priestermangel auffangen - zum Preis größerer pastoraler Räume. Die Zahlen sind drastisch: Seit 1997 schrumpfte die Anzahl der Priester um mehr als 20 Prozent, zuletzt gab es noch gut 14.000. Zentrales Thema bei der diesjährigen Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe: der fehlende Nachwuchs.

Aber auch die Katholiken werden weniger. Waren es 1990 noch 28,5 Millionen, spricht die Kirche heute von 23,7 Millionen. In der Pfarrei Stollberg, rechnet Pater Raphael vor, gebe es bei rund 800 Gläubigen im Jahr durchschnittlich 20 Beerdigungen - dem stehen zwei Taufen gegenüber. "Wir haben also auch einen Gläubigenmangel", sagt der Kirchenmann. Und auch Geld spielt eine Rolle. Nicht einmal ein Drittel der Gesamterträge des Bistums Dresden-Meißen - das auch Schulen und andere soziale Einrichtungen betreibt - stammt aus dem eigenen Kirchensteueraufkommen. Eine zweistellige Millionensumme kommt von einem Strukturbeitrag westdeutscher Bistümer. Für die nächsten Jahre rechnet das Bistum in seinem Jahresbericht mit "zunehmendem finanziellen Druck".

"Unser Berufsbild wird sich ändern", sagt der Annaberger Pfarrer Andreas Schumann (60). "Von Machern zu Ermöglichern. Es ist mehr Teamarbeit gefragt." Das heißt, Laien sollen stärkere Verantwortung übernehmen, etwa Gemeindekreise leiten oder mehr Wortgottesdienste halten. Veränderungen, die laut Bistumssprecher Baudisch für viele Menschen als "schmerzhafter Einschnitt in ihre gewohnte kirchliche Sozialisierung erfahren werden". Seelsorger könnten aber in größeren Räumen mit weniger personellen Ressourcen nicht die gleichen Aufgaben wie bisher verrichten. Der zukünftigen Pfarrei Annaberg-Marienberg sind ein hauptamtlicher Priester und eine Gemeindereferentin zugesichert - momentan haben Annaberg und Marienberg je einen Pfarrer, Annaberg zudem eine Gemeindereferentin. Der Vorgänger des aktuellen Marienberger Pfarrers war indes im vergangenen Jahr zur Militärseelsorge gewechselt, weil er die Zusammenschlusspläne nicht mittragen könne, wie er damals der "Freien Presse" erklärte. In einem so großen Gebiet, sagte er, sei vernünftige Seelsorge nicht möglich.

Mittelfristig, sagt Andreas Schumann, steht auch die Anzahl der Gottesdienstorte zur Debatte - in seinem Gebiet derzeit Annaberg-Buchholz, Oberwiesenthal, Bärenstein und Thum. Konkrete Pläne existierten dafür aber ebenso wenig wie für den genauen Termin der Fusion. "Die Sorge, dass sich alles auf einen Ort konzentrieren wird, teile ich nicht", sagt Schumann.

Ähnlich sieht es in der designierten zweiten Großpfarrei aus. Sind dort derzeit drei Priester und ein Diakon beschäftigt, sollen es ab 2025 insgesamt drei Hauptamtliche sein. "Die größte Befürchtung in den Gemeinden ist, dass Kirchen geschlossen werden. Die Frage steht derzeit nicht im Raum", sagt Pater Raphael. Schon früher dürften aber Messen in Filialkirchen wegfallen. Als Lösung, um die Folgen aufzufangen, kann er sich etwa Busse vorstellen, die Senioren zur Messe bringen. Mitunter gebe es das jetzt schon.

Die Gläubigen im Erzgebirge sind indes bemerkenswert treu. Während bundesweit 10,4 Prozent der Katholiken Gottesdienste besuchen, ist die Quote in der Region bis zu dreimal so hoch. Nicht nur das könnte unter den Fusionen leiden, vermutet Thomas Hojenski. "Wir sorgen uns um die Quantität und die Qualität der Seelsorge - und um die Belastung der Geistlichen", sagt der Vorsitzende des Gemeinderates in Stollberg. Um alternative Gottesdienstformen durch Laien führe daher kein Weg herum. "Wir hoffen, dass sich genügend Menschen finden - und dass sie auch vom Bistum unterstützt und angeleitet werden."

Annabergs Pfarrer Andreas Schumann sieht im laufenden Prozess etwas anderes im Vordergrund. "Für die Gemeinden ist es die Chance, zu einem neuen Miteinander zu finden. Und die Frage zu beantworten: Wozu sind wir als Kirche vor Ort da - über den Sonntagsgottesdienst hinaus?"

 
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