Pfarrer Nachdem die alten Glocken im Juni 2010 weichen mussten, ist das neue Geläut am Mittwoch auf den Kirchturm gezogen worden. Dessen Sanierung hatte sich als komplizierter und teurer erwiesen als geplant. Geschätzte Kosten inklusive Glocken: 585.000 Euro. Im Bild: Daniel Kühnert (l.) und Pfarrer Stephan Schmidt-Brücken.

Foto: B. März

Glocken-Aufzug in Scheibenberg: Zuschauer trotzen der Kälte

Am Mittwoch sind die drei neuen Bronzeglocken auf den Turm der St.-Johannis-Kirche gezogen worden

Scheibenberg. Der Schnee glitzert in der Sonne, passend dazu wirkt auch der blaue Himmel über Scheibenbergs sattgelber St.-Johannis-Kirche wie gemalt. "Heute ist wirklich ein wunderschöner Tag", sagt Pfarrer Stephan Schmidt-Brücken und meint damit keineswegs nur dieses Kaiserwetter. Er steht auf der Ladefläche eines Lasters vor Teilen eines hölzernen Glockenstuhls und spricht zu Schaulustigen, die trotz minus zehn Grad Celsius geduldig in der Kälte ausharren. Denn sie wollen an diesem Mittwoch - dem 1. Februar 2012 - einen historischen Moment miterleben: den Aufzug des neuen Bronzegeläuts auf den sanierten Turm des Gotteshauses.

12 Uhr soll es losgehen. Die Straßen rings um die Kirche sind abgesperrt, der große Kran steht längst bereit. Und auch Johannes Langer ist bereits eine ganze Weile da, genauer gesagt seit 10.30 Uhr. Der gebürtige Scheibenberger will auf jeden Fall dabei sein, wenn die Glocken ihren Weg auf den Turm antreten. Schließlich hat er schon gesehen, wie sie am 3. September 2010 im österreichischen Innsbruck gegossen worden sind.

Außerdem verbindet ihn noch eine Besonderheit mit dem Geläut. Der 60-Jährige hat vor einigen Jahren ein bergmännisches Krippenspiel geschrieben, das Mitglieder der Bergknapp- und Brüderschaft Oberscheibe/Scheibenberg stets am 6. Januar in "St. Johannis" zeigen. Aus diesem Anlass gesammelte Spenden werden für das neue Bronze-Trio eingesetzt.

Glockenstuhl-Teile zuerst

"Maschinen an", ruft Pfarrer Schmidt-Brücken, nachdem er mit den Anwesenden gebetet hat. Der Kran setzt sich in Bewegung. Allerdings wird es noch eine ganze Weile dauern, bis die erste Glocke daran hängt. Zunächst befördern die Arbeiter einen Großteil des vorgefertigten Glockenstuhls nach oben. Durch eine geöffnete Schall-Luke werden die verschiedenen Bestandteile ins Innere des Turms geholt. Dazu gehören Balken aus Eichenholz genauso wie Joche aus demselben Material. An ihnen hängt später das Geläut.

Von 712 bis 1502 Kilogramm

Noch steht das bronzene Trio aber vor der St.-Johannis-Kirche, dort war es bereits am 7. November 2010 geweiht worden. Dass es bislang noch nicht auf den Kirchturm gezogen worden ist, hängt mit Schwierigkeiten bei dessen Sanierung zusammen. Doch diese rücken nun erst einmal in den Hintergrund.

Der Kran schwenkt wieder herum, die Zuschauer warten gespannt. Doch es kommt zunächst noch ein hölzernes Teil an den Haken, Geduld ist gefragt. Da nutzt mancher die Zeit für eine Pause im Pfarrhaus. Das Aufwärmen tut gut - auch weil der Blick aufs Geschehen weiter möglich ist. Später werden hier die Handwerker mit dem verdienten Kaffee bewirtet.

14.17 Uhr: Endlich ist die erste Bronzeglocke an der Reihe - die kleine, die den Namen "Martin Luther" trägt und 712 Kilogramm wiegt. "Das sehen wir in unserem Leben nicht nochmal", ist aus den Reihen der Zuschauer zu hören, während der Kranführer sicher seine Arbeit verrichtet und das kostbare Stück langsam nach oben gezogen wird. Das letzte Mal gab es so etwas in der Bergstadt 1949, als das vorherige Eisenguss-Geläut mit den damaligen technischen Mitteln seinen Weg in den Turm antrat. Es hielt jedoch nur 61 Jahre. "Die Lebensdauer unserer neuen Bronzeglocken kann durchaus bei 500 Jahren liegen", sagt Pfarrer Stephan Schmidt-Brücken.

Wenige Zentimeter Spielraum

Kurz nachdem das kleinste Exemplar mithilfe von Flaschenzügen an einem stabilen Träger in das Gemäuer befördert worden ist, hängt das nächste am Haken. 14.27 Uhr hebt die mittlere - die 1070 Kilogramm schwere Johannesglocke - vom Boden ab. 14.58 Uhr ist schließlich die große an der Reihe: die Christusglocke mit einem stolzen Gewicht von 1502 Kilogramm und einem Durchmesser von fast 1,36 Metern. Um sie durch die Schall-Luke zu bekommen, wurde diese extra verbreitert, etwas Mauerwerk musste weichen. Dennoch gibt es diesmal nur wenige Zentimeter Spielraum. Aber die Mitarbeiter einer Spezialfirma schaffen auch das mit Bravour: 15.08 Uhr verschwindet das letzte Exemplar des neuen Geläuts im Turm von "St.Johannis". Nur leider haben die Batterien im Fotoapparat von Johannes Langer nicht so lange durchgehalten. Für sie war die eisige Kälte zu viel.

 
erschienen am 01.02.2012 ( Von Annett Honscha )
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