Herrlich im Programm das "Gebet der Banker": "Wie fordern, dass uns die Schulden und Zinsen erlassen werden. Denn uns gehört das Geld und der Dax und Liechtenstein, und nach uns die Sintflut. Amen."
Foto: Brigitte Streek
Jenseits und diesseits von Angela
Berliner Kabarett Die Distel liefert im "Erzhammer" ein Feuerwerk der Politsatire ab
Annaberg-Buchholz. Annaberg-Buchholz. Die Distel in Annaberg. Hauptstadtkabarett in der Hauptstadt des Erzgebirges: Menschen aller Altersgruppen haben am Wochenende im nahezu voll besetzten Haus des Gastes "Erzhammer" die scharfzüngigen Berliner Doria Pascu, Timo Doleys und Edgar Harter sowie deren musikalische Begleiter gefeiert, die sie mit "Jenseits von Angela" zum Lachen und Nachdenken brachten.
Ausgangspunkt der Politsatire: Angela Merkel hat hingeschmissen! Schnell muss ein neuer Kanzler her, und da scheint der trottelige Rentner Diernowski der CDU-Frau und dem FDP-Mann, die verzweifelt einen Nachfolger suchen, genau der Richtige. Der wehrt sich mit Händen und Füßen, reißt dreckige Witze über "die da oben," die ihn nur abzocken würden. Doch nach und nach wird er, hofiert von den beiden, flott gemacht für den Polit-Zirkus. Als er schließlich zu einer flammenden Rede über Gerechtigkeit und Zukunft für alle aufläuft, muss er wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden - Angela hatte sich nur mal eben eine Auszeit genommen.... Rund um diese pfiffige Idee spießten die Distel-Akteure mittels Sketchen, Solonummern und Liedern vieles, was das Leben in Deutschland so prickelnd macht: Banken- und Wirtschaftskrise, Hartz IV, Parteiengezänk, Afghanistan-Einsatz, TV für Gehirnamputierte, Fortpflanzungsfrust und Terrorangst.
Das zweistündige Programm war im Gegensatz zur Comedy was für wache Geister: Pointe folgte auf Pointe, und die saßen: Guido Westerwelle hat mit seinem Ausspruch von der spätrömischen Dekadenz die Nation so beeindruckt, dass Mc Donald jetzt auf Nero-Burger mit gegrillten Lorbeerringen umstellt ... Seit den Steuergeschenken für die Hoteliers kann ein Hartz IV-Empfänger günstig wie nie im "Ritz" übernachten... Wenn in der deutschen Leistungsgesellschaft am Abend ein junger Mann zu seiner Liebsten sagt: Lass uns zusammen schlafen, dann meint der das wörtlich... Sogar um Lokalkolorit bemühten sich die provokanten Preußen: In einem Sketch wird einer Sünderin der Himmel verwehrt. Als sie den Engel fragt, ob es etwas Schlimmeres gäbe als die Hölle, meint der lakonisch: "Ja, das Nachtleben in Geyersdorf."
Zwischen den Gags nannten die Akteure reale Missstände beim erschreckenden Namen - und siehe da, der Einfall störte nicht. Das Publikum ging mit, klatschte schon während des Programms heftig und am Ende noch mehr, amüsierte sich köstlich und besonders, als das Licht für 30 Sekunden ausgeschaltet wurde: Das sei die Durchschnittszeit der Deutschen beim Sex - hieß es von der Bühne. Als die drei Respektlosen, die sämtliche Politiker durch den Kakao zogen, am Schluss ein Lied sangen, dass Politiker ja auch nur Menschen seien, war alles wieder gut - oder? "Erzhammer"-Chefin Gabriele Lorenz bedankte sich für "Politkabarett vom Feinsten" und schenkte den Scharfzüngigen je einen Blumentopf - mit einer Schwiegermutterzunge. Das Programm gefiel auch dem Annaberger Kabarett Komme Die?, das einen "Betriebsausflug" zu den prominenten Kollegen unternommen hatte: "Besonders gut finde ich, dass Reales im Satireprogramm auch konkret benannt wird. Denn die Realität ist ja Kabarett genug", so Peter Oehme.


