"Schlecht fürs Geschäft, aber gut für die Seele": Deutschland-Spiele sind für Jörg Nicolai trotz geöffneten Autokinos Ehrensache. 
"Schlecht fürs Geschäft, aber gut für die Seele": Deutschland-Spiele sind für Jörg Nicolai trotz geöffneten Autokinos Ehrensache.

Foto: Bernd März

Verhinderte Fußballfans nehmen ihre "Sperre" sportlich

Was tun, wenn man beim Klassiker Deutschland - Italien arbeiten muss?

Annaberg-Buchholz. Deutschland gegen Italien, das ist im Fußball einer der Klassiker schlechthin. Und wenn sich die beiden Mannschaften dann noch in einem Europameisterschafts-Halbfinale gegenüberstehen, dann sitzt wohl jeder Erzgebirger vor dem Fernseher und fiebert mit Gomez, Özil & Co mit. Oder zumindest fast jeder Erzgebirger: Denn es gibt auch Menschen, die am Donnerstagabend für ihren Beruf oder andere Verpflichtungen am Ball bleiben müssen. Freie Presse hat nachgefragt, wie sportlich sie ihre "Sperre" nehmen.

Das Radio als Notlösung

Einer der Unglücklichen, die am Donnerstagabend ran müssen, ist Klaus-Peter Graupner. Der 62-Jährige ist Rettungswagenfahrer und besetzt die Johanniter-Rettungswache in Schlettau. Von abends 18 Uhr bis 6 Uhr am nächsten Morgen geht sein Dienst. "Ich würde mir natürlich gern das Spiel angucken, aber wenn Menschen medizinische Hilfe benötigen, geht das natürlich vor", sagt der Mann. Denn Klaus-Peter Graupner ist Fußball-Fan durch und durch. Er verfolgt nicht nur die Spiele bei der Europameisterschaft. Sein Lieblingsverein heißt FC Bayern München. In seiner Freizeit schnürte er früher auch selbst die Stollenschuhe und ging für Annaberg und Schlettau auf Torejagd. Die gute Laune lässt sich der Rettungswagenfahrer wegen der Arbeit aber nicht vermiesen. Wenn schon nicht mit den Augen, dann verfolgt er das Spiel der Deutschen gegen Italien zumindest mit den Ohren. "Wenn wir raus müssen, läuft im Rettungswagen Fußball im Radio", so Graupner. Und wenn es an dem Abend ruhig bleibt, wartet in der Rettungswache ein Fernseher. Wie endet der Knaller Deutschland gegen Italien? Geht es nach dem 62-Jährigen, können sich die Fußballfans auf ein langes Spiel gefasst machen. "2:2", so lautet sein Tipp für die reguläre Spielzeit. "Danach macht es aber Deutschland - entweder in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen", orakelt Klaus-Peter Graupner.

Hoffen auf die zweite Halbzeit

Leiden müssen am Donnerstag auch die Stadträte von Annaberg-Buchholz. Sie treffen sich turnusmäßig 19 Uhr zu ihrer monatlichen Sitzung. "Das fällt schon etwas schwer", sagt Oberbürgermeisterin Barbara Klepsch, die an dem Abend viel lieber zu Hause vor dem Fernseher sitzen und das Deutschland-Spiel ansehen würde. "Ich hatte deshalb vorgeschlagen, etwas früher mit der Sitzung zu beginnen. Das wurde von den Fraktionen aber mehrheitlich abgelehnt", sagt Klepsch. Nun hofft sie, dass alle konstruktiv mitarbeiten, damit "vielleicht noch die zweite Halbzeit drin ist". Angesichts der vollgepackten Tagesordnung hegt sie allerdings auch Zweifel daran, dass das gelingt. Eines soll aber wenigstens sichergestellt werden: "Wir wollen über die Zwischenstände der Partie informieren." Nicht besser sind die Räte von Königswalde und Schlettau dran. Auch für sie steht die nächste Sitzung auf dem Programm.

Ein Ass im Vorführwagen

Auch in Geyer geht Arbeit vor Vergnügen. Wegen des Fußballs den Job sausen lassen? Mit Jörg Nicolais Chef ist da nichts zu machen - obwohl oder gerade weil der Thumer sein eigener Boss ist. "Snow White & the Huntsman", eine Schneewittchen-Verfilmung, weist das Programmschild seines Autokinos am Freizeitbad Greifensteine aus. 21.45 und 24 Uhr. Täglich. Erbarmungslos, wie die böse Königin. Und auch für diesen Donnerstag. Nicolai gibt sich keinen Illusionen hin: "So viel wird an dem Abend nicht los sein." Die Vorstellungen abzusagen, das sei für ihn aber keine Option. Denn irgendjemand komme immer auf die Idee, einen Film zu gucken. Ein notorischer Fußballverweigerer ist der 42-Jährige aber nicht, obwohl es ihm sein Beruf bei jeder Welt- oder Europameisterschaft schwer macht. Denn im Sommer, wenn der Ball rollt, ist auch immer Autokino-Zeit. Fußball sei für ihn "schlecht fürs Geschäft, aber gut für die Seele." Ein Ass hat der Kinochef aber im Ärmel: In seinem Vorführwagen hat er einen kleinen Fernseher deponiert, mit dem er immer auf dem Laufenden ist. Und sollten die Italiener wider Erwarten am Donnerstag doch ihren Catenaccio auspacken und das Spiel todlangweilig werden: Im Notfall könnte Jörg Nicolai einen schönen Film gucken.

 
erschienen am 26.06.2012 ( VON MICHAEL URBACH und THOMAS WITTIG )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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