Süchtiger Harte Drogen sind offenbar immer mehr auf dem Vormarsch.

Foto: Diego Cervo/Fotolia

Zahl abhängiger Jugendlicher nimmt zu

Annaberg-Buchholzer Suchtberatung hat zudem festgestellt: Immer mehr Klienten sind mehrfachabhängig

Annaberg-Buchholz. Sie sind gerade einmal 18 Jahre alt, haben ihr ganzes Leben noch vor sich - eigentlich. Eigentlich ist es für viele aber auch schon (fast) gelaufen, weil sie Methamphetamin, besser bekannt als Crystal, verfallen sind. Der meist in Osteuropa hergestellte Stoff gehört zu den am schnellsten zerstörenden Drogen überhaupt. Kerstin Seifert bekommt das regelmäßig vor Augen geführt. Sie ist die Leiterin der Suchtberatungsstelle des Vereins zur Integration psychosozial behinderter Menschen (VIP) Annaberg.

Seit nunmehr rund 20 Jahren hat sie mit Suchtkranken zu tun. Anfangs habe es sich dabei fast ausschließlich um die Abhängigkeit von Alkohol gehandelt, so wie bei Achim Philip. "Mit dem Trinken begonnen habe ich mit 16 in der Disko. Gemeinsam mit meinen Kumpels haben wir so manches Glas geleert", erzählt der heute 55-Jährige. Ohne sich dabei groß etwas zu denken, sei es immer mehr und mehr geworden. Trotzdem habe er eine Lehre zum Papierfacharbeiter absolviert, diese auch abgeschlossen und anschließend "ganz normal" in seinem Job gearbeitet. Hin und wieder sei er im Betrieb zwar mal beim Trinken erwischt worden, aber zu DDR-Zeiten sei das nicht so das ganz große Problem gewesen.

Mit dem Ende des Betriebes, in dem Achim Philip beschäftigt war, kam 1989 auch für ihn das berufliche Aus. Doch schon ein Jahr später bekam er eine Stelle in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. "Diese wollte ich keinesfalls gefährden, weil ich dort ganz ordentlich verdiente. So war ich von 1990 bis 1995 trocken. Dann starb meine Mutter, und ich begann wieder zu trinken", schildert der Annaberg-Buchholzer. Es folgten eine Langzeittherapie mit allem Drum und Dran und auch wieder "trockene" Jahre. 2006 ereilte Achim Philip der nächste Schicksalsschlag - sein Vater war gestorben. Und wieder griff er zur Flasche.

Schließlich begab er sich erneut in eine Therapie und danach in die Nachsorge-Wohneinrichtung des Vereins VIP, in der er nach einem abgeschlossenen Entzug zwei Jahre lebte. Inzwischen ist er seit fast vier Jahren trocken, lebt seit anderthalb Jahren in einem eigenen Haushalt. Seine Erkenntnis nach all den Höhen und Tiefen: "Alkohol ändert nicht wirklich etwas. Er bringt eigentlich nur Ärger". Eine Aussage, die Kerstin Seifert nur unterstreichen kann.

Allerdings hat sie immer weniger "nur" mit Alkoholkranken zu tun. Die Betroffenen, die heute in die Beratung kommen - 2011 waren es rund 500 - wiesen oftmals eine sogenannte Polytoxikomanie oder Mehrfachabhängigkeit auf. Das heißt, sie sind gleichzeitig von verschiedenen Drogen abhängig. Hinzu kämen Depressionen, Angstzustände und Ähnliches. Viele seien unfähig, ihr Leben selbst zu meistern. "Insofern werden die Hilfesuchenden nicht nur immer jünger, sie werden auch immer schwieriger", sagt die Leiterin der Beratungsstelle.

Obwohl hierzulande noch die Alkoholabhängigkeit am weitesten verbreitet sei und das über alle Schichten der Bevölkerung hinweg, nehme die Drogensucht inzwischen rasant zu. "Mittlerweile wird so ziemlich alles konsumiert, was erhältlich ist, vieles wird inzwischen auch gespritzt", weiß Kerstin Seifert. Nachteilig wirke sich dabei die Grenznähe aus. Selbst wer kein Auto habe, fahre mit dem Bus nach Bärenstein und hole sich das, was er braucht dann aus Weipert. "An Drogen zu kommen ist heute leider für keinen mehr ein Problem", betont die Leiterin der Beratungsstelle, die sich ab dem 4. Oktober in der Ratsgasse 1 in Annaberg-Buchholz befinden wird. Der Umzug sei nötig, "weil uns die Leute am jetzigen Standort in Buchholz nicht mehr erreichen". Es stehen dann auch zwei größere Gruppenräume zur Verfügung.

Gleich mehrere Standbeine hat der Verein zur Integration psychosozial behinderter Menschen Annaberg (VIP). Die Suchtberatungsstelle, die montags bis freitags geöffnet hat, ist nur eines davon. ZumVerantwortungsbereich des Teams um Leiterin Kerstin Seifert gehören auch eine Nachsorge-Wohneinrichtung für zehn Personen nach abgeschlossener Entwöhnungsbehandlung, zwei weitere Außenwohngruppen in Buchholz sowie Selbsthilfegruppen. Seit 1998 gibt es unter dem Dach des Vereins zudem den gemeinnützigen Zweckbetrieb. Dabei geht es um Beschäftigungs- und Arbeitstraining für Suchtkranke. In dem Rahmen werden Dienstleistungen wie Möbeltransporte, Umzüge und Haushaltsauflösungen angeboten. Das Ziel bei diesen Arbeiten ist die Unterstützung der Suchtkranken bei der beruflichen Wiedereingliederung.

 

 
erschienen am 01.08.2012 ( Von Thomas Wittig )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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