Johannes Müller beim Packen in seinem Sehmaer Elternhaus. Geht alles gut, wird er es erst 2014 wiedersehen. 
Johannes Müller beim Packen in seinem Sehmaer Elternhaus. Geht alles gut, wird er es erst 2014 wiedersehen.

Foto: Bernd März

Zimmermann hat sein Ränzlein geschnürt

Handwerksgeselle Johannes Müller hat seinem Heimatort Sehma für mindestens drei Jahre und einen Tag den Rücken gekehrt

Sehma. Daumen in den Wind und los: Johannes Müller hat noch keinen konkreten Plan für seine Walz, die traditionelle Wanderschaft der Zimmermannsgesellen. Er weiß nur, dass er sich im ersten Jahr nur im deutschsprachigen Raum aufhalten darf - also in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz. Erst im zweiten Jahr steht ihm Europa offen, im dritten schließlich die ganze Welt. So sagen es die Regeln - und davon gibt es einige für die Walz, auf die sich der 22-Jährige aus Sehma am Sonntag begeben hat.

Er musste sich von der Familie und von Freunden verabschieden und das Ortsausgangsschild seines Heimatdorfs hinter sich lassen. Zu Fuß geht es nun in die Welt, denn öffentliche Verkehrsmittel sind auf der Walz verpönt. Höchstens Trampen komme noch infrage. Sein großes Ziel ist Skandinavien, sein großer Traum eine kleine Ostseeumrundung - von Deutschland aus über Polen durch die baltischen Staaten und die skandinavischen Länder sowie anschließend über Dänemark wieder zurück nach Deutschland.

Abenteuerliches ist sein Ding

Fernweh hat der junge Mann schon immer gehabt, erzählte er kurz vor seinem Aufbruch in seinem mehr als 200Jahre alten Elternhaus, das zu den ältesten Gebäuden in Sehma gehöre. Schon mit 16 Jahren habe er seinem Heimatdorf den Rücken gekehrt, er absolvierte in Frankfurt am Main eine dreijährige Ausbildung zum Zimmermann und arbeitete anschließend auch noch zwei Jahre dort. Jetzt zieht es ihn erneut in die Ferne, sucht er einmal mehr das Abenteuer. Obwohl all das nicht so neu für ihn ist, denn Abenteuerurlaub hat er schon oft gemacht. "Den Rucksack gepackt und mich an die Straße gestellt", berichtete er. In den Alpen sei er viel unterwegs gewesen, erst in diesem Jahr wieder zum Wandern mit seinen Brüdern, aber auch an der Ostsee. Dabei sind ihm die freie Natur oder ein Zeltdach über dem Kopf viel lieber als Hotels. "Die liegen mir überhaupt nicht", verriet er.

Auch auf die Walz nahm er nur das Nötigste mit - im Charlottenburger, so nennen die Zimmermannsgesellen ihr Gepäck. Zu dem von Johannes Müller gehören ein bisschen Werkzeug, eine zweite Zimmermannskluft zum Arbeiten, eine Kulturtasche mit Unterwäsche und ein paar Socken und der Schlafsack. Denn besonders im Sommer werde oft im Freien genächtigt. Gerade diese Freiheit ist für den gebürtigen Sehmaer das Schöne an der Walz, sagte er.

Unerlässlich: das Wanderbuch

Nicht fehlen darf im Gepäck auch das Wanderbuch. Sein offizielles Dokument für die nächsten Jahre, mit dem er sich vor allen Behörden und potenziellen Arbeitgebern ausweisen kann. Daraus ist unter anderem ersichtlich, dass er Mitglied der "Bruderschaft der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen" ist. Sie gelte als die älteste und traditionsreichste Bruderschaft. Ihr Erkennungszeichen: ein schwarzer Schlips.

Mobiltelefon ist tabu

Allerdings gab es auch etwas, das den jungen Mann vor seinem Aufbruch mit Wehmut erfüllt hat. Seine Freundin wohnt in Chemnitz - und das liegt innerhalb der 50 Kilometer-Distanz zum Heimatort, die bei der Walz als Bannmeile gilt. Diese darf in den nächsten drei Jahren nicht durchbrochen werden. Bleibt als Alternative nur, sich außerhalb zu treffen. Es kommt aber erschwerend hinzu, dass für den Handwerker seit Sonntag ein Handy-Verbot gilt. Denn ein Mobiltelefon ist bei dieser Wanderschaft nicht erlaubt.

 
erschienen am 11.12.2011 ( Von Antje Flath )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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