Ein Gerüst dient an der Grundschule Bockau als zweiter Rettungsweg.
Foto: Marcel Weidlich
Bockau zwischen Baum und Borke
Gemeinde verhindert Schul-Schließung um Haaresbreite
Bockau. Bockau. Ein Fax aus dem Landratsamt hat in Bockau für Aufruhr und am Mittwochabend für einen vollen Saal während der Gemeinderatssitzung gesorgt. Auslöser war ein Gerücht: Die Grundschule wird wegen mangelhafter Brandschutzmaßnahmen geschlossen. Als die Hiobsbotschaft in Windeseile die Runde gemacht hatte, herrschte vor allem unter den Eltern der Erst- bis Viertklässler Panik. Am Mittwoch wollten sie von den Räten Klarheit, wie es um die Einrichtung bestellt ist.
Anfang voriger Woche flatterte der Gemeinde besagtes Schreiben ins Haus. Darin bemängelte die Bauaufsicht insbesondere das Fehlen eines zweiten Rettungswegs an der Grundschule und zog mit der Drohung, die Betriebserlaubnis für das Gebäude zu entziehen, die Reißleine. Das konnte um Haaresbreite verhindert werden. "Die Frist betrug zwei Tage, sonst wäre die Schule geschlossen worden", so Bürgermeister Siegfried Baumann (parteilos), den das Fax eiskalt erwischte. In einer Hauruck-Aktion investierte die Gemeinde 15.000 Euro. Neben einem speziellen Rettungsgerüst wurden in der zweiten Winterferienwoche etwa Brandschutztüren eingebaut und an den Fenstern kleine Treppen angebracht, über die die Kinder im Ernstfall nach draußen gelangen. Sehr penibel erfolgte die Abnahme durch die Behörde. "Das ging bis ins Detail, hat mich teils fast zur Weißglut getrieben", sagt Baumann. Letzte Auflage: Die Höhe der Stufen des Gerüsts muss von 21 auf 19 Zentimeter gesenkt werden. Ist das erledigt, gilt die Betriebserlaubnis bis zu den Sommerferien. Zeit, die die Bockauer dringend benötigen.
Seit 2006 kämpfen sie um Fördermittel für den Ausbau der ehemaligen Mittel- zur Grundschule. Das zieht sich wie Kaugummi. 2009 scheiterte der jüngste Anlauf, über das Konjunkturpaket an Zuschüsse zu kommen. "Weil man in Dresden übersah, dass unsere Grundschule Bestandsschutz hat. Wir legten Widerspruch ein", so Baumann. Zwar habe das Ministerium versichert, dass Bockau in Sachen Fördermittelvergabe nun Priorität habe. Aber der Gemeinde läuft die Zeit davon. "Im Landratsamt sind diese Hintergründe bekannt, daher verstehe ich das radikale Eingreifen nicht", sagt Baumann. Zumal es 2007 eine Feuerwehrübung gab, die bewies, dass die Mädchen und Jungen im Ernstfall per Rettungskorb aus dem zweiten Stock befreit werden können. Eine Eisentreppe als Rettungsweg würde 200.000 Euro kosten. So eine Investition lohnt sich am alten Haus nicht - vorausgesetzt, mit der Mittelschule geht's voran. Bockau sitzt also zwischen Baum und Borke.
Ausgelöst wurde die Hauruck-Aktion von der Unfallkasse Sachsen, die bei der Bauaufsicht die Zustände in der Grundschule anmahnte. "Die Gemeinde Bockau als Träger hat die seit längerer Zeit bekannten Auflagen nicht erfüllt", so Christoph Herrmann, Abteilungsleiter Bauaufsicht, Bauplanung und Vermessung im Landratsamt. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder steht bis zu den Sommerferien fest, ob Fördermittel für die Mittelschule fließen und ein Umzug erfolgt. Oder es bleibt beim alten Haus. "Dann richten wir dieses entsprechend her und rüsten nach, was nötig ist", erklärt Baumann.
Wie viele andere Mütter und Väter wirkte Susann Fahsel nach der Ratssitzung erleichtert. "Das Gerücht war ein Schock", so die Bockauerin. Eines ihrer Kinder besucht die erste Klasse, ihr Nachzügler wird in drei Jahren eingeschult. "Ich fände es furchtbar, wenn die Kleinen mit dem Bus umhergondeln müssten." Jetzt heißt es abwarten. "Die Ideallösung wäre der Umzug in die alte Mittelschule. Aber Hauptsache, die Grundschule bleibt im Ort."


