Auch Manfred Schulz lassen seine Erlebnisse keine Ruhe mehr. Bei einer Inspektion der beiden infrage kommenden Geländeeinschnitte an der Mulde urteilte der frühere Bergmann: "Es könnte passen!
Foto: Lars Rosenkranz
Das letzte Lebenszeichen des verschollenen Vaters
Hinweise auf einen getarnten Stollen im Poppenwald verdichten sich
Wildbach. Der junge Mann, der Anfang der 1950er-Jahre aus Ostsachsen zur SAG Wismut ins Westerzgebirge kam, wollte eigentlich kein Bergmann sein. Er war auf der Suche nach seinem im Krieg verschollenen Vater. Er nutzte die Arbeit, um Nachforschungen anzustellen. "Nach der Schicht hab ich ihn ein paar Mal auf mein Motorrad geladen, und wir sind die Gegend abgefahren", erinnert sich Manfred Schulz aus Schneeberg-Lindenau.
Nachricht aus dem Erzgebirge
Der Junge suchte nach einem Platz irgendwo bei Hartenstein, an dem es Bahngleise am Fluss, eine Brücke aus Eisen und einen Stollen wenige Meter über der Wasserlinie geben musste. An solch einer Stelle hatte sein Vater im Frühjahr 1945 angeblich zu einem geheimen Kommando gehört, das in den Nächten Kisten aus Eisenbahnwagons lud und in den Stollen umlagerte.
Offenbar traf der Mann einen vorbeiziehenden Soldaten aus seinem Heimatort und bat ihn, seiner Familie Nachricht zu geben. Er selbst kehrte niemals heim. Als sein Sohn Jahre später nach ihm suchte, besaß er nur die vage Beschreibung des Ortes, an dem sein Vater zuletzt lebend gesehen wurde. "Wir fanden die Stelle nicht, und irgendwann war der Junge fort", erzählt Manfred Schulz. Heute ärgert er sich, dass er sich den Namen des jungen Mannes nicht gemerkt hat. "Ich habe der Sache keine große Bedeutung beigemessen", erklärt der 76-Jährige.
Inzwischen hat sich das geändert. Durch seine Bekanntschaft mit Manfred Teumer aus Schneeberg-Neustädtel glaubt Schulz, dass seine Geschichte zu den rätselhaften Vorgängen gehört, die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs im Poppenwald zwischen Wildbach und Hartenstein ereignet haben. Seit Jahren versuchen Schatzsucher und Heimatforscher das Geheimnis zu lüften.
Als Kind sah Manfred Teumer eine Einheit der Organisation Todt im Wald, der militärischen Bautruppe des Dritten Reichs. Auch eine Pionierkompanie lagerte im Frühjahr 1945 dort. "Und unten am Muldenufer gab es zwei Stollen", berichtet der 79-Jährige. "Als wir Kinder waren, sind einige von uns da hineingekrochen. Von den Stollen fehlt heute jede Spur." Ist dies das Werk der Bausoldaten? Teumer ist überzeugt davon. Die Örtlichkeit passt zu der Geschichte, die Manfred Schulz erzählt: Die Stollen lagen an der Zwickauer Mulde. Am gegenüberliegenden Ufer verläuft die Bahnlinie Zwickau-Johanngeorgenstadt. Unweit dieser Stelle führte die sogenannte Toellebrücke über den Fluss, eine Konstruktion aus Steinpfeilern, einem Eisenaufbau und Holzplanken.
Führt die Spur zur Toellebrücke?
"Das war die Eisenbrücke, die der Junge suchte", glaubt auch Manfred Schulz. "Wir fanden die Brücke nie und gaben auf. Von der Toellebrücke, die am Kriegsende gesprengt wurde, ahnten wir damals nichts."
Die Zerstörung der militärisch unbedeutenden Flussüberquerung gilt bis heute als sinnlos, als Werk von Fanatikern. Doch was, wenn die Sprengung zur Tarnung einer geheimen Einlagerung gehörte? Kamen die Kisten mit der Eisenbahn, müssen sie über die Toellebrücke zu den Stollen getragen worden sein.
In Manfred Teumers Erinnerung befanden sich die Eingänge in zwei Geländeeinschnitten. Über einem ragt eine Felswand auf, in deren Gestein Bohrspuren von Sprengungen zu erkennen sind. Der andere ist seit Jahrzehnten eine wilde Müllkippe. Die Gemeinde Bad Schlema wollte die Abfälle wegschaffen lassen, um zu sehen, was sich darunter verbirgt. Das Vorhaben wurde nun jedoch abgeblasen. "Wir haben nicht mehr genug ABM-Kräfte", begründet Bürgermeister Jens Müller (Freie Müller).
Die Nicolai-Kirchgemeinde Zwickau, die Eigentümerin des Poppenwaldes ist, hatte zuletzt zehn Anfragen von Schatzsuchern, die dem Wald sein Geheimnis entreißen wollen. Genehmigungen will sie Privatleuten aber nicht mehr erteilen. Nur staatliche Stellen sollen noch suchen dürfen. Die Kommune kann sich zumindest vorstellen, die Aufsicht über eine privat finanzierte Suche zu übernehmen.
"Wenn der Interessent seriös ist, kann man darüber reden", sagt Bürgermeister Müller. "Aber ohne das Einverständnis der Kirchgemeinde geht nichts." Mitte September will Müller ein Gespräch mit der Kirche zum Thema Poppenwald führen.


