Echos loten unterirdischen Kuchen aus
Boden unter Schneeberg wird für fünf Millionen Euro dreidimensional vermessen
Schneeberg. Wenn Franz Binot über den Untergrund im Raum Schneeberg spricht, vergleicht der Pressesprecher des Leibniz-Instituts für angewandte Geophysik in Hannover ihn gern mit einem Marmorkuchen. "Dort findet sich kristallines Gestein wie Granit", so Binot. Dieses bildet schräge und unregelmäßige Strukturen im Untergrund. Wie ein Marmorkuchen halt. "Wenn man den in Scheiben schneidet, sieht jedes Stück anders aus."
Sprengstoff verfeinert Ergebnis
Mit Spezialfahrzeugen wird das Institut ab Mitte des Jahres den Aufbau dieses Granitkuchens bis in sechs Kilometer Tiefe untersuchen und eine dreidimensionale Grafik des Untergrunds in dem 100 Quadratkilometer großen Gebiet erstellen. Die Laster verfügen über Rüttelplatten, um Schwingungen im Erdboden zu erzeugen. Diese werden von den Erd- und Gesteinsschichten unterschiedlich zurückgeworfen. Geofone zeichnen die Echos auf. Sprengungen an 24 Stationen innerhalb eines Kreises, der von Zwickau über Stollberg, Schwarzenberg und Eibenstock bis zurück nach Zwickau verläuft, sollen die Messergebnisse verfeinern. Am Mittwoch wurden in Schneeberg die Bürgermeister der Region über das Projekt informiert.
Mit solchen Fahrzeugen wird der Untergrund dreidimensional vermessen.
Foto: E. Lüschen, Leibniz-Institut
Kirschtorte ist eher einfach
"Vom Prinzip ist diese Art der Vermessung nichts Neues", sagt Franz Binot. "Bislang wurden aber nur regelmäßig aufgebaute Erdschichten untersucht. Schwarzwälder Kirschtorten quasi, um im Bild zu bleiben." Mit der Vermessung im Erzgebirge betrete man wissenschaftliches Neuland. Finanziert wird das fünf Millionen Euro teure Projekt vom Bundesumweltministerium.
Die Analyse des Schneeberger Untergrunds ist aber mehr als reine Grundlagenforschung. Die Wissenschaftler suchen darüber hinaus Ansatzpunkte für eine Bohrung zur Tiefen-Geothermie. Mit diesem Verfahren soll Energie aus dem Erdinneren gewonnen werden. Zunächst werden zwei Löcher gebohrt. Durch das eine wird kaltes Wasser nach unten gepresst. Dort wird es durch heißes Gestein erwärmt und fließt mit bis zu 130 Grad Celsius durchs andere Loch wieder nach oben. Rund fünf Kilometer muss sich der Bohrer dazu in den Untergrund fressen.
"Wir suchen nicht konkret eine geeignete Stelle für die Bohrung", schränkt Rüdiger Thomas, Wissenschaftler am Leibniz-Institut, ein. Fakt ist jedoch: In Sachsen soll ein Tiefen-Geothermiekraftwerk gebaut werden. Die Schneeberger Stadtwerke haben großes Interesse an dem Projekt, und der Raum Aue-Schwarzenberg wurde vom sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie als besonders geeignet eingestuft. "Bis Ende des Jahres werden erste Ergebnisse der Vermessung vorliegen", so Thomas. Dann könne man genau sagen, wo die Voraussetzungen für ein Kraftwerk besonders gut sind.
Energie aus der Tiefe der Erde
Geothermie macht sich den Temperaturanstieg in der Erde zu Nutze. Die Erhöhung beträgt etwa zwei bis drei Grad pro 100 Meter.
Der Untergrund wird aufgerissen, indem man Wasser unter hohem Druck durch ein Bohrloch in die Tiefe presst. Dann wird Wasser nach unten geleitet und kommt erhitzt durch ein zweites Loch wieder nach oben.


