Blick auf den Weihnachtsberg von Joachim Knorr aus Schneeberg.
Foto: Lars Rosenkranz
Jede Generation verewigt sich mit einer eigenen Note
Weihnachts- und Heimatberge gehören zum Brauchtum im Erzgebirge
Schneeberg. Will sich Malermeister Joachim Knorr entspannen, betrachtet er den Weihnachtsberg im Büro seines Hauses an der Karl-Liebknecht-Straße in Schneeberg. Dann sieht der 55-Jährige den Engeln zu, die auf einer Wolke in die Höhe schweben, und dem Verkündiger, der ins Horn bläst.
Viele Szenen wie die Malteserin und Jesus am fließenden Brunnen sowie die Geburt des Christuskindes sind auf dem beweglichen Berg zu entdecken. Besonders die uralten Wurzeln sowie die filigran gestalteten Tier-, Menschen- und Engelsfiguren lassen viel schöpferische Liebe zum Detail erkennen. "Mein Urgroßvater Max Westland hat ab 1925 mit seinen beiden Söhnen an dem früher dreimal so großen Berg viele Jahre lang gebaut und alle Figuren selbst geschnitzt. Er war Ehrenbürger von Neustädtel. Bei uns lebt sein Werk in 4. Generation fort", sagt Knorr.
Seine Jungs Heiko und Mirko bekamen das Talent fürs Schnitzen vom Ur-Uropa scheinbar in die Wiege gelegt. So ist Knorr - dreifacher Familienvater und Opa - um die Zukunft des Familienerbstücks nicht bange. Letzteres schlummerte trotz seiner Schönheit viele Jahre auf dem Boden. "Nur 1957 und 1958 wurde der Berg von meinem Mann unter Anleitung meines Opas aufgestellt. Der Platz reichte nicht aus", sagt Marianne Knorr, Max Westlands Enkelin. Ihre Mutter Elsa hatte wie ihre beiden Brüder je ein Drittel des väterlichen Weihnachtsbergs geerbt. Den Teil mit dem Bergwerk hält Cousine Mariechen in Ehren, die Heiligen Drei Könige sind bei Cousine Hanna. "Als ich 1992 in den Vorruhestand ging, beschloss ich, den Berg meines Schwiegervaters zu erneuern. Durch die Liegezeit hatten Mechanik und Figuren gelitten", so Hans-Günther Knorr. Der Werkzeugmacher ersetzte den Grammofonmotor mit Teilen aus DDR-Modellbaukästen. Herzstück: eine Kurbelwelle, die die Mechanik antreibt. Gestell, Krippe und Aufbau wurden generalüberholt. Bis 1998 erhielten alle Figuren einen originalgetreuen Anstrich, die Palmen neue Blätter und Maria und Josef einen massiven Stall. 1999 wurde der Berg erstmals im Kinderzimmer aufgebaut. 2006 kam eine Straße hinzu, auf der sich Maria und Josef zur Volkszählung begeben. "Mein Mann hat vor seinem 75. Geburtstag am 6. Dezember 2010 mit meinem Sohn und den Enkeln den Berg zum letzten Mal aufgebaut. Nun ist er bei Joachim und Familie in guten Händen", sagt Marianne Knorr.
Seither steht der Berg im Büro des Malermeisters, ab 6. Januar wird er durch einen Vorhang verdeckt. "Ich will mir ein Erzgebirgszimmer einrichten. Dort finden Berg, Pyramide, Bergmann und andere Schnitzwerke meines Urgroßvaters einen Ehrenplatz", so Joachim Knorr. 2010 hat er das Dach des Stalls mit Rinden und Steinen verschönert und die fast 100 Jahre alte Aquarellkulisse von Bethlehem durch eine Reproduktion ersetzt, um das Original zu schonen. Denn jede Generation fügt dem Berg etwas Eigenes hinzu.


