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Ein menschlicher Knochen auf der Baustelle an der Hakenkrümme in Aue. Er und einige andere lagen ein Wochenende lang an der Oberfläche. Früher befand sich hier ein Friedhof. 1953 wurde er geschlossen.

Foto: Mario Ulbrich Bild 1 / 3

Knochenfund in Aue - Bagger graben Blaufarbenwerker aus

Bei Bauarbeiten am Schwarzwasser kamen Gebeine von einem alten Friedhof ans Tageslicht. Dabei sollte die Pietät gewahrt bleiben. Doch das hat offenbar nicht immer funktioniert.

Von Mario Ulbrich
erschienen am 18.03.2017

Aue. Knochen, manche bleich, andere braun, liegen in der aufgewühlten Erde. Ein Ober- und ein Unterschenkel, ein Stück von einem Schädeldach. Bagger haben sie am Hang über dem Schwarzwasser aus dem Boden gegraben. Hier, an der Hakenkrümme bei Aue, lässt die Stadt eine marode Stützmauer abtragen. Der dahinterliegende Hang drohte auf die Zufahrtsstraße zum Steinbruch Niederpfannenstiel zu rutschen. Die Erdmassen, die für die Sicherungsarbeiten beseitigt werden müssen, gehören zu einem 150 Jahre alten Friedhof. "Es war klar, dass die Bauleute auf Gebeine stoßen würden", sagt Stadtsprecherin Jana Hecker.

Vor Beginn der Arbeiten gab es daher einen Plan, was mit den menschlichen Überresten passieren soll. "Sie werden auf den Klösterlein-Friedhof überführt und hier erneut beigesetzt", sagt Pfarrer Rolf Strobelt von der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Aue-Zelle. "Die letzten Ruhefristen auf dem Friedhof Niederpfannenstiel sind 1974 abgelaufen. Die Gebeine unterliegen also nicht mehr dem Schutz des sächsischen Bestattungsgesetzes. Gleichwohl gebietet es die Pietät, sie auf einen Friedhof umzubetten." Dafür wurde eigens eine Gebeinekiste gezimmert.

Trotz dieser Abmachung mit der Kirchgemeinde lagen am vorigen Wochenende mehrere Knochen auf der Baustelle verstreut, wie Passanten kritisierten. "Hier ist die Stadt in der Pflicht, Abhilfe zu schaffen und einen respektvollen Umgang mit den dort beerdigten Menschen sicherzustellen", sagt Uwe Kaettniß, Kreisvorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen. Stadtsprecherin Jana Hecker räumt ein: "Gebeine, die zwei Tage herumliegen, das geht nicht. Da müssen wir ein ernstes Gespräch mit den Bauleuten führen."

Der Friedhof an der Hakenkrümme wurde 1867 durch das Blaufarbenwerk, dem Vorläufer der heutigen Nickelhütte, angelegt. "Das Werk unterhielt in Niederpfannenstiel eine Wohnsiedlung, in der Arbeiter und leitende Angestellte lebten. Starb einer der Bewohner, wurde er ab 1867 auf diesem Friedhof beigesetzt", sagt der Auer Ortschronist Heinz Poller. "Hier liegen also alles ehemalige Blaufarbenwerker."

Eines der letzten Häuser, die von der Siedlung übrig sind, ist das Gebäude Niederpfannenstiel 1, das noch heute Betriebswohnungen beherbergt. Ein anderes ist das ehemalige Laboratorium, das wegen seiner Rundbogenfenster im Volksmund "die Kapelle" genannt wird. Heute befindet sich darin eine Ausstellung zur Geschichte des Blaufarbenwerks. Gedanken an eine Kapelle werden sich bald noch ein wenig mehr aufdrängen. Einige Grabsteine, die jetzt auf dem alten Friedhof gefunden wurden, sollen nach ihrer Restaurierung hier gezeigt werden.

Mike Haustein und Sandra Schurig, beide Technologen in der Nickelhütte, haben etliche Artefakte von der Baustelle geborgen: Ein halbes Dutzend Grabsteine, den verrosteten Haltegriff eines Sarges, das Bruchstück einer Grabvase, einen Sargfuß in Gestalt einer Löwenpfote. "Der Friedhof ist Teil unserer Firmengeschichte", erklärt Mike Hau-stein das Interesse der Nickelhütte. "Wir fühlen uns verpflichtet, auch das Andenken an ihn zu bewahren."

Der bislang bedeutendste Fund ist das Grabmal von Johannes Baudenbacher (1861 - 1924), der ab 1907 Direktor der Vereinigten Blaufarbenwerke war. Neben dem Auer Betrieb gehörte Schindlerswerk bei Bockau zum vereinigten Unternehmen.

Ortschronist Heinz Poller hatte auf einen ganz besonderen Fund gehofft. "Es gibt Zeitzeugen, die das Grabkreuz des Vaters von Clemens Winkler auf diesem Friedhof gesehen haben wollen", sagt er. Der Chemiker Clemens Winkler, nach dem in Aue ein Gymnasium benannt ist, war Hüttenmeister im Blaufarbenwerk. Sein Grab ist in Dresden. Sein Vater Kurt Alexander, Hütteninspektor, starb jedoch in Aue.

"Das war aber schon 1862, also fünf Jahre, bevor der Friedhof Niederpfannenstiel angelegt wurde", sagt Mike Haustein. "Deshalb hatte ich keine große Hoffnung. Sie hätten Kurt Winkler schon umbetten müssen, damit wir ihn hier finden."

 
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