Werbung/Ads
Menü

Themen:



Foto: Peter Steffen/dpa

Schulleiter steht wegen Missbrauchs vor Gericht

Ein Lehrer aus dem Erzgebirge soll sich an einer seiner Schülerinnen sexuell vergangen haben. Die mutmaßlichen Vorfälle liegen zehn Jahre zurück. Die junge Frau sagt, erst jetzt habe sie den Mut gefunden, sich zu offenbaren.

Von Mario Ulbrich
erschienen am 20.04.2017

Aue/Schwarzenberg. Die Stille im Gerichtssaal vor Beginn der Verhandlung ist diesmal umfassender als sonst. Kein Flüstern auf den Zuschauerbänken, kein Hüsteln, keine leise geführte Beratung zwischen Anwalt und Mandant. Als die junge Frau (19), die diesen Fall ins Rollen gebracht hat, den Saal betritt, blickt der Angeklagte (53) sie an. Sein Minenspiel wechselt von neutral zu verärgert zu betroffen. Einmal scheint es, als zwinkere er ihr zu. Dann wieder eine Grimasse, die ausdrücken könnte: Sei's drum!

Was da gestern wirklich in seinem Kopf vorging, weiß nur der Angeklagte selbst. Der 53-Jährige ist seit vielen Jahren Lehrer und arbeitet heute als Leiter einer Grundschule im Erzgebirge. Verhandelt wird der Fall am Amtsgericht Aue.

Für einen Pädagogen wiegen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft besonders schwer: Sexueller Missbrauch von Kindern in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern. Das bedeutet nicht nur ein bisschen Fummeln. Es bedeutet Sex mit Minderjährigen. Endet das Verfahren mit einem Schuldspruch, muss der Mann nicht bloß mit einer Gefängnisstrafe, sondern auch mit dem Verlust seines Jobs rechnen.

Sein Verteidiger Reinhard Röthig beantragte direkt nach Prozessbeginn den Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Gericht gab dem statt. Presse und Eltern, deren Kinder heute die Schule des Angeklagten besuchen, mussten den Saal verlassen. Der Verteidiger berief sich auf den Schutz der jungen Frau, die zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Übergriffe noch minderjährig war.

Die Geschädigte, die als Nebenklägerin auftritt, sagte später, sie hätte kein Problem mit einer öffentlichen Verhandlung gehabt. Sie betrachte dass Verfahren als wichtige, schützende Information, besonders für die Eltern der Schule, deren Leiter der Angeklagte ist. "Wieso hat er das Recht, darüber zu bestimmen, ob dieser Prozess öffentlich ist?", sagte sie der "Freien Presse". Dies sei für sie ein Indiz, dass der Angeklagte Angst hat. Doch wer hätte angesichts der im Raum stehenden Vorwürfe keine Furcht vor Bloßstellung?

Die Vorfälle liegen acht Jahre und länger zurück. Laut der jungen Frau erstreckte sich die Annäherung des Lehrers über ihre Grundschulzeit. "So ein Täter fängt klein an", sagte sie. Die "großen Sachen" seien dann in der vierten Klasse passiert. "Er war auch mein Sporttrainer, dadurch hatten wir häufig Kontakt."

Erst mit 17 entschloss sie sich, über die Vorfälle zu reden. "Mein damaliger Freund war der Erste, der mich ernstgenommen hat", sagte sie. Er habe herausgefunden, dass sexueller Missbrauch erst nach 30 Jahren verjährt. "Da habe ich mich zu einer Anzeige entschlossen."

Bis zum Prozess vergingen weitere zwei Jahre. Unter anderem musste sich die junge Frau einer psychologischen Begutachtung unterziehen, bei der ihre Glaubwürdigkeit beurteilt wurde. "Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass ihre Schilderungen erlebensbasiert und somit glaubhaft sind", sagte Richter Hartmut Meyer-Frey. Allerdings habe die Verteidigung Zweifel an der Methodik geäußert. Es gebe den Vorwurf, dass die Psychologin Suggestivfragen gestellt hat. "Wir werden uns in unserem Urteil nicht auf ein Gutachten stützen, sondern die Aussage der jungen Frau bewerten müssen."

Anderthalb Stunden wurde die 19-Jährige gestern befragt. Die Vernehmung des Angeklagten dauerte rund eine Stunde. Er bestreite die Vorwürfe, informierte der Richter.

Die Sächsische Bildungsagentur als Arbeitgeberin des Pädagogen ist über den Fall informiert, bestätigte ein Sprecher der Behörde. Der Schulleiter sei noch im Dienst. Es gebe für solche Fälle kein Generalkonzept, jeder Fall müsse einzeln geprüft werden. Wann und wie die Behörde reagiert, ist derzeit offen. Der Prozess wird am 28. April fortgesetzt.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Lesen Sie auch:
 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

 
 
 
 
 
Wetteraussichten für Aue
Fr

19 °C
Sa

24 °C
So

26 °C
Mo

28 °C
Di

28 °C
 
Unsere Youtube-Videos

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Freie Presse Immobilien
Immobilienangebote für Aue und Umgebung

Finden Sie Ihre Wohnung in der Region Aue

Immobilienportal

Mietangebote

Kaufangebote

 
 
 
 
Ärztliche Notdienste
Apotheken und Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte finden Sie hier.

weiterlesen
 
 
 
 
Freie Presse vor Ort

08280 Aue
Schneeberger Str. 17
Telefon: 03771 594-0
Öffnungszeiten:
Mo. bis Fr. 9.00 - 17.30 Uhr

weiterlesen
 
 
 
 
 
 
 
 
Neu
Nachrichten aus dem Erzgebirge bei Facebook

Die "Freie Presse" Erzgebirge ist nun auch auf Facebook mit einer eigenen Seite vertreten. Dort finden Sie Neuigkeiten aus den "Freie Presse"-Lokalredakionen Annaberg-Buchholz, Aue, Schwarzenberg, Stollberg, Marienberg und Zschopau und sind somit stets auf dem Laufenden.

Zum Facebook-Auftritt

 
 
 
 
 
|||||
mmmmm