Kunstwerk Das kleinste Service der Welt war fast 40 Jahre im Erzgebirge zuhause. Es gehörte dem Gastwirt Georg Grundig, der 1959 starb. Der Wert des Mini-Geschirrs wird auf rund zwei Millionen Euro geschätzt.

Foto: Museum

Soko fahndet nach geraubtem Mini-Service aus dem Erzgebirge

Im März überfielen in Schwaben zwei Männer Museum und ließen einzigartiges Kunstwerk mitgehen

Lößnitz. Kurt Krockenberger saß an diesem Samstagnachmittag allein in seinem Büro direkt an der Weinstraße in Grunbach, 23 Kilometer von Stuttgart entfernt, als es kurz nach 15 Uhr an einem Fenster im Erdgeschoss klopfte. Ahnungslos öffnete der schwäbische Kunstsammler die Tür. Minuten später befand er sich gefesselt und an einen Stuhl angebunden im 2. Stock des Hauses ...

An jenem 10. März dieses Jahres hatte sich auf das "Haus der Kunst" in Grunbach, dessen Inhaber Kurt Krockenberger ist, einer der spektakulärsten Überfälle, die es je in Deutschland auf ein Museum gegeben hat, ereignet. Bei dem wertvollsten Exponat, das die Räuber erbeuteten, handelte es sich um das kleinste Porzellanservice der Welt. Das gute Stück aus Meißen, stolze zwei Millionen Euro teuer, das aus 143 fingerhutgroßen Einzelteilen besteht, war über drei Jahrzehnte im Besitz eines Lößnitzer Gastwirtes, bevor es nach dem 2. Weltkrieg in den Westen verkauft wurde. Zuletzt wurde es 2009 unter scharfer Bewachung im Bürgerhaus in Lößnitz ausgestellt. Jetzt fahndet eine extra dafür gebildete "Sonderkommission Kunst" der Polizeidirektion Waiblingen nach dem Schatz.

Bei dem Überfall ging es hart zur Sache. Nachdem der 58-jährige Krockenberger, ein Mann mit gepflegtem, grau meliertem Vollbart, die Seitentür des Museums geöffnet hatte, schoben ihn zwei große Männer in Fahrradkleidung und Helm zurück ins Haus. Sie drohten mit Gewalt, der Kunstexperte musste den Tresor öffnen und mehrere Zehntausend Euro ausräumen. Auf der Flucht zerschlugen die Räuber noch mehrere Vitrinen - aus einer holten sie das berühmte Mini-Service und schoben es in aller Eile in eine Plastetüte. Dann verschwanden sie auf ihren Fahrrädern, während sich Krockenberger selbstständig befreien konnte. Auch für die Stadt Lößnitz ist der Raub ein schwerer Schlag. "Zur 775-Jahrfeier 2013 sollte das wertvolle Service zum zweiten Mal in dem Ort ausgestellt werden", sagte am Mittwoch Lutz Walther von den Lößnitzer Heimatfreunden. 2009 bei seiner letzten Ausstellung in der Stadt wurde es immerhin von 3000 Menschen bestaunt. Dazu hatte Krockenberger in Aussicht gestellt, das Kunstwerk Lößnitz als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen.

Phantombild So soll einer der beiden Räuber aussehen.

Foto: Polizei

Die Jagd nach dem Service ist in vollem Gange. Am Tatort stellten die Ermittler Spuren fest, die aber noch im LKA ausgewertet werden. Die Polizei fahndet international nach dem wertvollen Museumsstück, unzählige Auktionshäuser in Europa sind angehalten, darauf zu achten, ob ihnen ein solches Exponat angeboten wird. Zuletzt war das kleinste Service der Welt in St. Petersburg ausgestellt. Ob es sich bei dem Raub um einen Auftrag handelt, ist noch unklar. Laut Polizei spricht die robuste Vorgehensweise der Täter eher dagegen.

Die spannende Geschichte eines kleines Kunstwerkes

Das Kunstwerk ist eine Sensation. Sogar die englische Königin, so ist überliefert, wollte das kleinste Service der Welt für eine ihrer Puppenstuben. Doch der Besitzer konnte sich nicht von seinem Schatz trennen.

Die Geschichte des wertvollen Tafelgeschirrs, von Lößnitzer Heimatfreunden bis ins Detail erforscht, geht bis in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg zurück. Der Legende nach soll der italienische König in der Meißner Manufaktur ein Service in Auftrag gegeben haben. Als es eingepackt wurde, sah das ein Frankfurter Ehepaar. Angeblich rief die Frau: "Das möchte ich in klein!"

In jedem Fall entstand zwischen 1911 und 1913 ein Service für sechs Personen - jedes der Teile nur wenige Millimeter groß. Gastwirt Georg Grundig kam 1928 in seinen Besitz, nachdem ein Bekannter seine Schulden nicht mehr bei ihm begleichen konnte. Nach dem Tod Grundigs 1959 verkauften die Nachkommen das Porzellan auf Schmugglerwegen in den Westen, wo es über Umwege in den Besitz des Kunsthändlers- und Sammlers Kurt Krockenberger gelangte.

 
erschienen am 30.05.2012 ( Von Erik Kiwitter )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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