Lebensmittelwagen in Aue Sabine Eckhardt macht Station auf dem Brünlasberg in Aue. Die Senioren aus der betreuten Wohnanlage haben schon auf den Lebensmittelwagen gewartet. Sie kaufen ein und machen einen Plausch dabei.

Foto: Marcel Weidlich

Tante Emma rollt heute über die Dörfer

Wenn Supermärkte sich zurückziehen, kommt der Verkaufswagen - Engelswieser Frischdienst beliefert mittlerweile viele Orte im Erzgebirge

Aue. Aue. Der alte Herr kommt auf den letzten Drücker, einen Bastkorb in der linken Hand, seinen Gehstock in der Rechten und ein entwaffnendes Lächeln im Gesicht. "Sie können noch nicht wegfahren!", ruft er.

Sabine Eckhardt, deren Verkaufstransporter am Lindenring in Bernsbach steht, hat die Theke bereits geschlossen. Sie muss weiter, zur nächsten Anlaufstelle ihrer Dienstags-Tour, aber sie nimmt sich die Zeit, um Manfred Schuffenhauer zu bedienen. "Auweia", meint der 81-Jährige plötzlich, "der Einkaufszettel liegt bei meiner Frau." Also läuft Sabine Eckhardt los, zur Wohnung des Senioren-Ehepaars. "Die macht das schon", sagt Schuffenhauer.

Eine alltägliche Szene aus dem Arbeitsleben einer mobilen Lebensmittelhändlerin. Sabine Eckhardt arbeitet für den Engelswieser Frischdienst, der von Neumark im Vogtland aus auch das Erzgebirge beliefert - bis in den Raum Annaberg, Stollberg oder Zschopau sind die rollenden Verkaufsstände unterwegs.

So wie Bäcker und Fleischer heute mit ihren Wagen über Land fahren, sind auch die Fahrer des Engelswieser Frischdienstes unterwegs, elf Frauen und ein Mann. Jeder von ihnen klappert an jedem Wochentag eine andere Route ab. Sabine Eckhardt beispielsweise beginnt Dienstag früh in Oberpfannenstiel. Dann arbeitet sie sich über Bernsbach, Beierfeld, Schwarzenberg und Lauter bis nach Aue vor, ehe ihre Tour in Burkersdorf bei Kirchberg endet. Ihre Stationen liegen meist auf dem Dorf, aber auch in städtischen Wohngebieten mit hohem Seniorenanteil machen die Transporter Halt. In der Regel gibt es dort keinen Supermarkt mehr, oder die nächste Kaufhalle liegt so weit entfernt, dass alte Menschen ohne Auto Probleme haben, ihre schweren Einkaufstaschen nach Hause zu schleppen.

1400 verschiedene Artikel hat jeder Verkaufswagen an Bord, von Obst über Wurst und Konserven bis hin zu Süßwaren. Keine breite Auswahl, aber von jedem etwas. Die Fahrzeuge des Engelswieser Frischdienstes gleichen rollenden Tante-Emma-Läden. Sie sind das moderne Comeback einer totgeglaubten Verkaufskultur. Erst wurden die kleinen Lebensmittelläden von den Supermärkten verdrängt. Jetzt kehren sie auf vier Rädern dahin zurück, wo es den großen Handelsketten nicht mehr rentabel genug ist.

Als Raul Dullenkopf, der Inhaber des Engelswieser Frischdienstes, 1990 aus Bayern in den Osten kam, um hier seine Firma zu eröffnen, hat er angeblich einen Finger über der Landkarte kreisen lassen. Dann tippte er einfach auf einen Ort. Seine Familie hatte jahrelange Erfahrung im mobilen Lebensmittelhandel, und Dullenkopf wusste, die Entwicklung in Sachsen, egal wo, würde kaum anders als in Bayern verlaufen. Seine Flotte von sechs Fahrzeugen konnte er inzwischen auf zwölf aufstocken.

"Der Bedarf an unserer Dienstleistung steigt kontinuierlich", sagt seine Ehefrau Carmen, die sich um die Koordination der Routen kümmert. Vor 13 Jahren fuhr sie selbst als Verkäuferin über die Dörfer. Damals musste sie Klingeln putzen, um Kunden zu finden und eine Tour aufzubauen. Heute wird sie häufig angerufen - von Bürgern, die einen der Verkaufswagen gesehen haben oder von Bürgermeistern, in deren Gemeinde die Nahversorgung zusammengebrochen ist.

"Das meiste läuft inzwischen über Mundpropaganda", sagt Carmen Dullenkopf. Jeder ihrer Verkaufswagen beliefert pro Woche bis zu 400 Kunden. Nach Angaben des Fachverbands "Mobile Verkaufsstellen" sind deutschlandweit bereits 1800 solcher Fahrzeuge unterwegs. Die neue Tante Emma ist ganz stark im Kommen.

 
erschienen am 16.03.2010 ( Von Mario Ulbrich )
 
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