Sie werden immer jünger und greifen öffentlich und ungeniert zur Flasche. Sie werden immer jünger und greifen öffentlich und ungeniert zur Flasche.

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Teufel Alkohol schnappt sich immer jüngere Opfer

Alarmierend: Sogar Kinder greifen schon zur Flasche

Aue-Schwarzenberg. Sie sind noch Kinder. Der Älteste unter ihnen? Vielleicht 13 oder 14 Jahre. Älter keinesfalls. Jeder aus der Gruppe, die übers Auer Stadtfest schlendert, hat eine offene Flasche Bier in der Hand, auch die Mädchen. Sie kichern, fühlen sich stark und erwachsen. Sie trinken öffentlich und ungeniert. Eine Momentaufnahme, die sich im Erzgebirge auf fast jedem Fest bietet. Sie zeigt eine erschreckende Entwicklung. Nur einen Tag später meldet die Polizei: 15-Jähriger wurde 2.30Uhr nach Schlägerei mit schweren Verletzungen und unter Alkoholeinfluss in die Klinik gebracht.

Rauschtrinker nehmen zu

Fakt ist: Immer mehr Jugendliche sprechen dem Alkohol zu. Probieren ihn und somit sich aus. Beleg dafür ist die Tatsache, dass in den Notaufnahmen der Krankenhäuser im Altkreis Aue-Schwarzenberg regelmäßig Jugendliche nach Alkoholexzessen eingeliefert werden.

Im Auer Helios-Klinikum waren es von Juli 2011 bis heute 30 Mädchen und Jungen. "Nach Veranstaltungen wie Hexenfeuern und Schulabschlussfeiern häuft es sich", so Sprecherin Katharina Kurzweg. Dabei haben die meisten zwischen 1,8 und 2,5 Promille im Blut. Spitzenreiter: ein junger Patient mit fast vier Promille - das ist lebensbedrohlich. In den Kliniken Erlabrunn traten im gleichen Zeitraum sechs Fälle auf. Doch die Dunkelziffer sei erheblich höher, vermutet man in beiden Häusern. Schließlich würden nur die eingeliefert, bei denen der Notarzt herbei gerufen wird. "Unser Spitzenreiter hatte 3,4 Promille", so Manuela Trillitzsch, Assistentin der Geschäftsleitung in Erlabrunn. Das jüngste Rauschopfer sei gerade mal 13 Jahre alt gewesen.

Bei der Notfallversorgung legt das Krankenhauspersonal den Betrunkenen einen Tropf. Auf diese Weise werden dem Körper Elektrolyte zugeführt. Dadurch bekommen die Alkoholsünder keinen Kater - was angenehm für sie ist. Der Lerneffekt bleibt dadurch allerdings auf der Strecke.

Ablehner werden geschnitten

"Wir registrieren eine steigende Tendenz beim Griff zur Flasche", so Caroline Leers, die im Gebiet Schwarzenberg als Streetworkerin arbeitet und direkten Kontakt zur Jugend pflegt. Gründe für den ungenierten Griff zur Flasche kann sie nicht benennen. Doch sie glaubt, dass die Werbung eine wesentliche Rolle spielt. "Alkohol zu trinken wird popularisiert, in Filmen oder Serien nahezu legalisiert." Dann wäre da noch der Gruppenzwang. "Wer trinkt, ist cool, ein Reißer", umschreibt sie das Image, das mit Alkoholgenuss oft einhergeht. Sie selbst lehne Alkohol ab. Schon immer.

Deshalb habe sie selbst durchlebt, wie man als Nichttrinker "belächelt" oder gar "ausgegrenzt" werde. Abstinent zu bleiben braucht Charakterstärke. Was die Streetworkerin ebenfalls als "ein Unding" wertet, sei die Tatsache, dass in Clubs oder Diskotheken alkoholfreie Getränke und Cocktails oft teurer sind als die alkoholhaltigen.

"Beschaffer" bestrafen

Erfahrungen mit "Teufel Alkohol" hat auch Lukas S. (Name geändert) gemacht. Der heute 18-Jährige redet zwar offen über seine Erfahrungen, will aber nicht mit seinem richtigen Namen in die Zeitung: "Trinken ist Gruppenzwang. Wer nicht mitzieht, ist raus", sagt er. "Wer sich einmal richtig abgeschossen hat, will das eigentlich nicht erneut erleben, hat aber zugleich seine Grenzen kennengelernt. Da fängst du das nächste Mal an, vorher abzubremsen", schildert er.

Eine Verschärfung der Gesetze, die derzeit diskutiert wird, bringt aus seiner Sicht nichts. Als viel wichtiger erachtet er die Bestrafung derer, die Alkohol für Minderjährige besorgen.

Das sieht auch Marie Oettel so. Die 18-Jährige steht dazu, sich selbst vor einigen Jahren "ausprobiert" zu haben. Mittlerweile gehöre sie zu den strikten Gegnern von Alkohol. Ausschlaggebend war für sie, dass sie erlebte, wie das Trinken Menschen binnen Stunden veränderte. "Mancher verliert jegliche Hemmschwelle und schlägt brutal zu. Sowas geht gar nicht." Sie sieht in einer Verschärfung der Gesetze nicht die Lösung. "Im Gegenteil: Was verboten ist, reizt umso mehr. Jetzt, wo ich trinken dürfte, reicht mir ein halbes Glas Sekt", so Marie Oettel. Hart bestraft werden müssten aus ihrer Sicht jene, die Jüngeren Alkohol beschaffen.

Angesichts der steigenden Zahl jugendlicher Rauschtrinker soll das Pilotprojekt "Halt - Hart am Limit" aus Leipzig und Dresden auf weitere Schwerpunkte im Freistaat ausgedehnt werden. Doch ob mit oder ohne Projekt: Solange die Ordnungshüter an einer Gruppe von Kindern mit Bierflaschen in der Hand wortlos vorübergehen, hat Teufel Alkohol leichtes Spiel.

 
erschienen am 17.07.2012 ( Von Beate Kindt-Matuschek und Gunter Niehus )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
4
(Anmeldung erforderlich)
  • 19.07.2012
    13:14 Uhr

    vomdorf: ich hatte geschrieben, dass kinder *schlückchen* bekommen...zu besonderen anlässen....die in einigen familien wöchentlich mehrmals sttfinden...kinder bedeutet, bis ca. 12 jahren. bei jugendlichen ist das doch etwas anderes. allerdings finde ich es bedenklich, dass spätestens zu jugendweihe oder konfirmation das erste große besäufnis stattfinden muss.
    alkoholiker werden nicht geboren, sie werden gemacht.
    und wenn grundschüler erzählen, dass die *großen* früh im bus - vor dem unterricht - bier trinken....dann stimmt was nicht. und alle schauen wie gewöhnlich weg...

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  • 19.07.2012
    11:58 Uhr

    hkremss: @vomdorf: Ich halte es fraglich, ob "ein Schlückchen zu besonderen Anlässen" Jugendliche (!) zu Alkoholikern macht. Ich halte es geradezu für bedenklich, Jugendliche mit "wochenlangem Stubenarrest" zu bestrafen, erst Recht wegen eines Schluckes Bier! Vielmehr ist es notwendig, Kindern und Jugendlichen den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol beizubringen. Das erreicht man nicht durch absolute Verbote und drakonische Strafen, sondern durch Aufklärung. Aufgeklärte, selbstbewusste Jugendliche können sich auch "Gruppenzwang" widersetzen. Wenn die Eltern täglich zur Flasche greifen, wird das natürlich nicht funktionieren, denn solche Eltern sind nicht glaubwürdig. Aber Kinder die zu Hause alles verboten bekommen, werden auch die erst beste Gelegenheit nutzen, das Verbotene auszuprobieren.

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  • 19.07.2012
    06:01 Uhr

    vomdorf: richtig! so lange es in vielen familien gang und gäbe ist kleinkinder vom bier kosten zu lassen, auch ein schlückchen wein zu *besonderen anlässen* zu geben ( solche finden in manchen familien regelmäßig statt), nicht merken, dass ihre kinder reste aus flaschen und gläsern zu sich nehmen wundert mich gar nichts mehr.
    sicher haben auch wir älteren früher heimlich mal was getrunken: wir waren sechs fünfzehnjährige und haben uns einen flasche bier geteilt...wenn das unsere eltern mitbekommen hätten, wäre uns ein wochenlanger stubenarrest sicher gewesen. heute gibt es kaum konsequenzen für die kinder /jugendlichen.
    ich finde es sehr bedauerlich, dass den trinkenden kids die erfahrung eines wirklich schlimmen katers genommen wird. vielleicht würden sie dann wenigstens für ein weilchen die finger vom alk lassen.

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  • 17.07.2012
    21:32 Uhr

    schnellleserin: leider bekommen es viel zu viele Kinder vorgelebt

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