Der Eingang zum Stollen liegt mitten im Wald. Dahinter wurde der Gang auf einer Länge von mindestens 35 Metern unbegehbar gemacht. Wozu der Aufwand? Heinz Emmrich, Hobbyforscher aus dem Altkreis Stollberg, hält das für ein Indiz dafür, dass das alte Bergwerk ein Geheimnis birgt.
Foto: Mario Ulbrich
Bernsteinzimmer: Der vergessene Stollen in den Hügeln
In Deutschneudorf sind sechs Forschergruppen hinter Geheim-Depots aus Zweitem Weltkrieg her
Deutschneudorf. Zum Schluss war das Loch am alten Bahnhof fünf Meter tief. Insider nannten das Projekt scherzhaft den "Money Pit von Deutschkatharinenberg". Frei nach der legendären Grube, die Generationen von Schatzsuchern auf der Insel Oak Island vor der Küste Kanadas ausgehoben haben, ohne jemals fündig zu werden. Das Loch in Deutschkatharinenberg, gegraben vom Schatzsucher Christian Franke, steht für die Hoffnungen der vielen Forscher, die hier seit Jahren nach verschollenen Schätzen aus dem Zweiten Weltkrieg schürfen: Eine gewaltige Anstrengung aus Geld, Technik und Muskeln für eine Ausbeute, die bislang aus kaum mehr als Dreck besteht. Vielleicht, weil alle an der falschen Stelle suchen?
Heinz Emmrich steht in einem Wald auf der tschechischen Seite und deutet auf einen Geländeeinschnitt, den er für den richtigen hält. Hinter Steinen, Erde und Moos verbirgt sich hier ein alter Stollen. Mit dem Auto sind es sechs Minuten bis zur Suchstelle von Christian Franke, etwa sieben bis zum Fortunastolln, in dem Deutschneudorfs Bürgermeister Heinz-Peter Haustein (FDP) noch immer nach dem Versteck des Bernsteinzimmers und anderer Kunstschätze suchen lässt. Der Nicolai-Stollen, für den sich amerikanische Schatzsucher interessieren, ist zirka fünf Minuten entfernt.
"Diese anderen Stellen", sagt Emmrich, "liegen mitten im Ort, an der Hauptstraße. Man kann sie von den Häusern aus gut einsehen. Wieso sollte man dort etwas verstecken?" Der Stollen in den Hügeln über Hora Svaté Kateriny (Sankt Katharinaberg) hingegen befindet sich im Wald, aber es gibt eine Zufahrt, die ein verschwiegener Trupp nutzen konnte, ohne aufzufallen.
Heinz Emmrich und vier Mitstreiter haben hier nach eigenen Angaben fast 30.000 Euro investiert. Schon die Genehmigung für ein einziges Bohrloch habe 800 Euro gekostet, berichten sie. Nur für den Papierkrieg, ein Loch sei da noch nicht gebohrt gewesen. Emmrichs Gruppe hat bislang ebenfalls nichts gefunden, dennoch bleiben die Hobby-Schatzsucher optimistisch, weil der Stollen mehr als nur eine günstige Lage zu bieten hat: Er ist das einzige Bergwerk in der Gegend, das im Zweiten Weltkrieg nachweislich leergeräumt worden ist. Wozu?
Emmrich, der aus dem Altkreis Stollberg kommt, hat die Geschichte von einem Mann aus seiner Familie. 1943 gehörte dieser zu einer Einheit des Reichsarbeitsdienstes, die in Hora Svaté Kateriny stationiert war. 160 Jugendliche knapp unter 18 Jahren, die offiziell Gräben für eine Erdgasleitung aushoben. Ein Zug aber verließ das Lager jeden Tag in der anderen Richtung, um taubes Gestein aus dem Stollen zu holen. Sonntags arbeiteten alle 160 Mann im Stollen.
"Der Gang war etwa zwei Meter hoch und drei Meter breit", erzählt Heinz Emmrich. "Die Jungen mussten in Gänsereihe ganz nach hinten laufen, sich einen Stein schnappen und ihn vorne raustragen. Wenn der Letzte hineinging, war der Erste noch nicht wieder herausgekommen." Emmrich schätzt die Länge des Stollens auf 140 Meter.
Warum der Gang leergeräumt wurde, ist unbekannt. Den Jungen wurde erzählt, die Steine seien für die Erweiterung des Lagers nötig. Bloß wurde die Barackensiedlung gar nicht erweitert. Seit 1945 ist der Stollen wieder verschlossen. Vielleicht, meint Emmrich, beherbergt er ja das geheime Depot, das in und um Deutschneudorf so viele suchen?
Der Erzgebirger und seine Mitstreiter wollten der Sache auf den Grund gehen. Sie nahmen sich einen Anwalt in Tschechien und engagierten eine Dolmetscherin für Behördengänge. Nach zwei Jahren hatten sie die Genehmigung für Bohrungen. Das Ergebnis war verblüffend: Auf einer Länge von mindestens 35 Metern liegt das Bergwerk heute wieder voller Geröll.
Wird ein alter Gang verschlossen, sind zwei oder drei Meter Füllung normal. In Ausnahmefällen auch mal fünf. Aber 35 Meter? "Wer hat das gemacht - und warum?", meint Emmrich. "Das ist die Frage, die uns antreibt." Der Stollen ist nicht der einzige in der Gegend. Allein in diesem Wald gibt es ein halbes Dutzend alter Gänge. 1947 durchsuchte die Rote Armee einen davon. Emmrichs Stollen blieb unberührt. Zwei tschechische Altbergbauforscher haben die Geschichte des Bergbaugebiets um Hora Svaté Kateriny geschrieben. Emmrichs Stollen wird von ihnen nicht erwähnt. Es scheint keine Aufzeichnungen mehr über ihn zu geben. "Ich weiß nicht, was uns drinnen erwartet, sagt Heinz Emmrich. "Aber wir wollen das Rätsel lösen."
Weil den Forschern das Geld ausgegangen ist, ruhen die Arbeiten jedoch fürs Erste. Im Sommer soll der weitere Verlauf des Stollens zumindest vermessen werden. Findet man den Punkt, an dem der Hohlraum beginnt, soll dort gebohrt und eine Kamera hinuntergelassen werden.

