Thomas Wittig: Oberbürgermeister der Stadt MarienbergFoto: Kristian Hahn
Tief beeindruckt zurück aus Afghanistan
Marienbergs Oberbürgermeister Thomas Wittig erklärt nach dem Truppenbesuch, warum sein Respekt vor den Soldaten nun noch größer ist
Marienberg. Es war ein Blitzbesuch. Nur wenige Mitarbeiter im Rathaus von Marienberg hatten gewusst, dass Oberbürgermeister Thomas Wittig (CDU) am Dienstag den Bundesverteidigungsminister und Sachsens Ministerpräsidenten auf eine Stippvisite nach Afghanistan begleiten würde. Nach seiner Rückkehr sprach Kathrin Weigert mit Thomas Wittig.
Freie Presse: Es heißt, aus einem Auslandseinsatz kommt ein Soldat meist als anderer Mensch zurück. Trifft das auf Sie auch zu?
Thomas Wittig: Ja. Was ich dort an diesem reichlich einen Tag erlebt habe, hat mich berührt. Man verabschiedet hier oft die Leute, wünscht ihnen Gottes Segen und eine gesunde Heimkehr. Aber wenn man ehrlich ist, weiß man nicht, wo man sie genau hinschickt. Doch noch ist alles sehr frisch, ich muss das erst verarbeiten.
Freie Presse: Wie kam es dazu, dass Sie Thomas de Maizière begleiten konnten?
Thomas Wittig: Ich habe eine persönliche Einladung bekommen. Warum er Marienberg ausgewählt hat, müssen Sie ihn selbst fragen. Aber ich sehe das als Anerkennung, als Wertschätzung der Marienberger Jäger, die eine gute Arbeit machen, und der Marienberger Bevölkerung, die den Jägern eine gute Heimstatt geben.
Freie Presse: Sie haben also sofort zugesagt?
Thomas Wittig: Natürlich. Ich habe mich sehr gefreut. Und wenn der Minister einlädt, kann man nur Ja oder Ja sagen.
Freie Presse: Geben Sie uns einen kleinen Einblick, wie der Besuch ablief.
Thomas Wittig: Wir sind Montag, 21.30 Uhr ab Berlin gestartet mit einem A 319 bis Termes in Usbekistan. Nach einem kurzen Zwischenstopp ging es weiter mit dem Hubschrauber nach Kundus. Dort haben wir uns im Lager bewegt, Gespräche geführt und uns Waffen angesehen. Sehr bewegt hat mich die Andacht am Ehrenhain. Nach dem Mittag ging es mit dem Hubschrauber nach Masar-i-Sharif und von dort aus abends mit der Transall zurück. Mittwoch um Mitternacht waren wir wieder in Berlin.
Freie Presse: Geschlafen wurde also nur im Flieger?
Thomas Wittig: Wenn man schlafen konnte, ja. Aber das fiel mir nicht so leicht - und das lag nicht am Komfort.
Freie Presse: Was hat sich bei Ihnen persönlich besonders eingeprägt?
Thomas Wittig: Ich habe einen unheimlichen Respekt vor den Leuten, die dort täglich bei 50 Grad in der Sonne ihren Dienst tun. Und dazu herrscht noch eine ausgesprochen gute Stimmung. Beeindruckt haben mich auch das Land und die Dimensionen dieses Einsatzes. Die Lager dort sind riesengroße Anlagen, in denen sich ganze Flughäfen befinden. Das war überwältigend, muss ich sagen.
Freie Presse: Konnten Sie sich mit Marienberger Jägern unterhalten?
Thomas Wittig: Natürlich. Gerade in der Nacht vorher durften aber 38 Marienberger Jäger nach Hause fliegen. Die haben wir verpasst. Aus den Gesprächen ist mir in besonderer Erinnerung geblieben, dass die Soldaten keinen Zweifel am Dienst haben. Sie sagen: Unser Dienstherr ist der Deutsche Bundestag. Das ist etwas, was hierzulande leider manchmal untergeht: Dass die Soldaten im Auftrag des Deutschen Volkes dort sind.
Freie Presse: Wie haben die Marienberger Jäger Sie aufgenommen?
Thomas Wittig: Sie haben sich sehr gefreut und ich mich auch. Ich hatte etwas Post von den Kindern der Herzog-Heinrich-Grundschule mit, die habe ich übergeben. Man meint hier in der Heimat ja gern, dass die Städte untereinander im Wettbewerb stehen. Aber als mich ein Soldat aus Olbernhau an seinem Tisch mit den Worten vorgestellt hat: "Das ist mein Bürgermeister", da ist es mir eiskalt den Rücken herunter gelaufen.
Freie Presse: Wurden auch politische Gespräche geführt?
Thomas Wittig: Der Anlass der Reise war die Vorbereitung des Abzuges aus Afghanistan. Es gab viele Gespräche dazu. Ich war meist stiller Zuhörer. Aber es hat mir geholfen, einige Zusammenhänge besser zu verstehen.
Freie Presse: Herrscht in Ihren Augen in Afghanistan Krieg?
Thomas Wittig: Ich bin kein Jurist, um das zu beurteilen. Aber wenn sich Menschen mit Waffen gegenüberstehen, ist das für mich Krieg. Und das ist hier der Fall. Wobei man sagen muss, dass es in dem riesigen Land Unterschiede gibt. Die Soldaten versuchen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Aber wenn der Abzug 2014 ansteht, ist es ein menschliches Problem, sich jetzt auf eine Seite zu schlagen, die in zwei Jahren nicht mehr da ist. Viele Soldaten sagten mir: Hoffentlich geht das nach 2014 hier so gut weiter. Nur dann hat unser Einsatz ein Stück weit einen Sinn.

