Kranführer Jens Röder muss über diese Luke in seinen Führerstand - und das in 28 Metern Höhe.

Foto: PB Erzgebirge

Allein am höchsten Arbeitsplatz der Stadt

Niemand hat während der Arbeit einen schöneren Ausblick als Jens Röder

Stollberg. Jens Röder hat den höchsten und den engsten und den einsamsten Arbeitsplatz - in ganz Stollberg. Acht Stunden am Tag. Selbst zur Mittagspause kommt niemand zu ihm. Stumm, in einer engen Kabinenschachtel, sitzt er dann da und kaut seine selbst geschmierten Wurstbrötchen. In 28 Metern Höhe. Seine Kollegen dort unten auf der Erde kennt er den ganzen Tag nur als Bauhelme mit Beinen.

Aber Jens Röder hat es so gewollt. Früher war der heute 51-Jährige Fahrradmechaniker. Nach der Wende begann er auf dem Bau zu malochen, bis der Chef damals sagte, dass er dringend einen neuen Kranfahrer braucht. Dabei zeigte dieser Chef auf Röder. Gut, Röder stand schon auf dem Berliner Fernsehturm, ohne mulmiges Bauchgefühl. Warum also nicht Kranfahrer werden? Er machte eine dreimonatige Weiterbildung und bestand beim Arzt alle Tests. "Ich weiß gar nicht mehr, was das damals für Geräte waren beim Doktor", sagt Röder. Und grinst schließlich in sich hinein: "Auf Felsen ist er mit mir aber nicht geklettert, um meine Höhentauglichkeit zu testen."

Röder trägt einen rauen Stoppelbart, seine Mütze ist dunkelblau, seine lustigen Augen sind hellblau. Und dann sagt er, dass er diesen Job wirklich mag. Dass er immer einen Feldstecher da oben hat. Und einen Fotoapparat - denn von oben zeigt sich die Welt ganz anders. Und er erzählt, dass er erst kürzlich in München und in Hamburg im Kraneinsatz gewesen ist. Und dass ihm seine Frau nie die Brötchen schmiert, die er dann da oben und alleine isst. Weil das Leben auf Montage ja selbstständig macht.

Diesmal aber ist der Job in Stollberg für den 51-Jährigen auf dem riesigen Kran, mit dem der Rohbau für die vier Millionen Euro teuren Stollberg-Arkaden aus dem Boden wachsen soll, ein richtiges Heimspiel. "Ich wohne seit der Wende in Chemnitz, bin aber gebürtiger Stollberger", nennt der Mann, der für die Firma Hoch- und Industriebau (HIB) aus Hohenstein-Ernstthal hier in Stollberg in der Kanzel sitzt, den einen Grund. Denn abends wartet nicht der Baucontainer oder eine Pension. Abends kann er heim fahren.

Der andere Grund für das Heimspiel: Es ist auch dieser Kran, ein WK 262 SL. Für Laien ist er mit Spitze fast 30 bemerkenswerte Meter hoch. Für Röder ist er mit fast 30 unbedeutenden Metern eher klein. Fast schon ein Äppelpflücker, wie es auf einer Baustelle manchmal gesagt wird. "Wer schon mal auf einem 80-Meter-Kran gesessen hat, für den ist das hier fast schon Pillepalle", grient er. In München war er erst oben. Das alte Heizkraftwerk wurde weggerissen, ein neues Wohngebiet gebaut. Auch dort hatte er Feldstecher dabei, auch den Fotoapparat. Auch dort war sein Arbeitsplatz einsam. Noch einsamer als in Stollberg.

Dabei gibt es noch einen anderen Kran in der Stadt, der höher steht. Es ist der Riese an der Baustelle Bürgergarten. Eine Konkurrenz für Röder ist dieser aber trotzdem nicht. Denn dort sitzt gar niemand oben und lenkt. "Dieser Kran ist ein Untendreher. Der wird von unten bedient." Röder aber sitze in einem Oberdreher. Das ist der Unterschied.

Es ist nach 16 Uhr. Für Röder ist an diesem Tag Arbeitsende. Der Mann mit dem höchsten und engsten und einsamsten Arbeitsplatz der Stadt wird bodenständig, steht auf der großen Baustelle und sieht die Gesichter seiner Kollegen. 81 Stufen musste er runterlaufen, davor noch die Leiter aus dem Drehkreuz. Dort, wo die Kanzel mit den Steuerhebeln ist. Er hatte den Kran in Parkposition gebracht, der Haken hängt zwei, drei Meter unter dem 40 Meter langen Ausleger, der wiederum nicht festgezurrt ist. "Der Ausleger muss sich ja immer mit dem Wind ausrichten." Wie ein Wetterhahn? Wie ein Wetterhahn, nickt Röder.

Er hat übrigens drei Söhne. Der Jüngste ist 21 Jahre jung und lernt gerade das, was sein Vater schon seit zwei Jahrzehnten macht: Kranfahren. Aber auf einem großen Teil wie dem in Stollberg oder München hat der Sohnemann noch nicht gesessen. Doch bald wird auch er irgendwo den höchsten Arbeitsplatz haben, den engsten aber auch. Und manchmal auch den einsamsten.

 
erschienen am 14.08.2011 ( Von Jan Oechsner )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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