Bärbel Lorenz.Foto: Matthias Heinke
Hormersdorferin bricht ein Tabuthema
Bärbel Lorenz ist Trauerbegleiterin - Sie kennt das Gefühl werdender Eltern, die ihr Kind noch in der Schwangerschaft verlieren
Hormersdorf. Unbeschreiblicher Schmerz, unendliche Leere - das Gefühl der Betroffenen ist für Außenstehende nicht ansatzweise vorstellbar. Das abrupte Ende einer Schwangerschaft aufgrund einer Fehlgeburt ist für viele werdende Eltern eine traumatische Erfahrung. Und dennoch ist der Verlust durch fehl- oder frühgeborenes Leben auch heute noch größtenteils ein Tabuthema.
Doch Bärbel Lorenz bricht es. Aus gutem Grund, wie die ausgebildete Trauerbegleiterin aus Erfahrung weiß: "Die Betroffenen nicht ansprechen, tut ihnen oft viel mehr weh. Ungelebte Trauer macht krank. Alle Verluste, die wir im Leben erleiden, müssen verarbeitet und betrauert werden können. Vieles bricht erst Jahre später aus." Das kann Diane Lorenz nur bestätigen: "Reden hilft." Die 32-Jährige hatte ihr Kind in der sechsten Schwangerschaftswoche verloren. "Die Stärke der Trauer ist nicht abhängig von der Schwangerschaftswoche, sondern vielmehr von den Gedanken und Wünschen, die mit dem Kind einhergehen", sagt die Bärensteinerin. Jeder Mensch gehe mit Trauer anders um. In einigen Fällen aber kann die Trauer deshalb sogar zu psychischen Erkrankungen oder etwa Alkoholabhängigkeit führen, wenn der Verlust nicht richtig verarbeitet wird. Deshalb plant die Hormersdorferin Bärbel Lorenz auf dem örtlichen Friedhof einen "Trauerort für fehl- und frühgeborenes Leben", das laut Bestattungsgesetz noch nicht beerdigt werden muss. Er soll als Gedenkplatz und auch als Beerdigungsstätte dienen.
Die 53-Jährige, Frau des örtlichen Pfarrers, ist durch Zufall zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit gekommen. Die gelernte Kosmetikerin und Podologin hat sich mit Trauerarbeit beschäftigt, weil einst eine Freundin ihr zweijähriges Kind verloren hat: "Das Thema Trauerbewältigung hat mich seither nicht mehr losgelassen." Sie absolvierte eine zweijährige Ausbildung zur Trauerbegleiterin in Dresden. Seither leitet sie Trauergruppen für Betroffene.
"Ich habe unter anderem einen Frauenkreis in Herold gehalten. Dort fiel erst auf, wie viele Frauen solche Verluste verarbeiten mussten - und keine wusste von der anderen." Die Herolderinnen haben damals die Aufgabe selbst in die Hand genommen und auf dem örtlichen Friedhof einen Gedenkplatz angelegt. Das will Bärbel Lorenz nun auch in Hormersdorf erreichen. Deshalb hat sie zunächst ihr Vorhaben dem Kirchenvorstand vorgestellt und Zustimmung erhalten.
Anschließend fand die Hormersdorferin mithilfe des Friedhofspflegers Jens Atmannspacher den geeigneten Platz. Der Thumer ist zuständig für den regionalen Kirchenamtsbereich Chemnitz und betreut
350 Friedhöfe in der Region. Er begrüßt die Idee der Trauerbegleiterin: "Das muss man sich mal vorstellen. Früher wurde fehlgeborenes Leben mit dem Klinikmüll entsorgt. Dabei verdient es ebenfalls einen würdigen Umgang."
Unterstützung erhält Bärbel Lorenz auch vom Gemeinderat. "Ich finde es wichtig, einen Ort der Trauer zu schaffen - egal, ob für geborenes oder ungeborenes Leben", sagt Gemeinderätin Gabriele Drechsel. Wichtig ist Bärbel Lorenz auch, dass dieser Ort von jedermann genutzt werden darf. "Dieser Platz ist an keine Konfession gebunden. Er muss offen und neutral sein, damit sich jeder willkommen fühlt."
Wie der Gedenkort letztlich gestaltet wird, damit soll sich in den nächsten Wochen eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Kirchgemeinde, betroffenen Personen und Vertretern des Gemeinderats auseinandersetzen. Sie werden unter anderem mit Steinmetzen Verbindung aufnehmen und Vorschläge für die Ausarbeitung des Gedenksteins entwickeln. Zur nächsten Ratssitzung am 17. September soll das Vorhaben vorangebracht werden. Dann soll der Trauerort auch einen Namen erhalten.
Diane Lorenz ist mittlerweile glückliche Mutter der einjährigen Paulina. Und trotzdem: Wenn es ihr richtig schlecht geht, besucht sie den Gedenkstein auf dem Friedhof in Kleinrückerswalde, wo sie einst in Zeiten der Trauer Sachen hinterlegte. Denn die Erinnerung bleibt.

