Radfahrer Nahe der Straße Am Waldfrieden hinauf zum Tierheim Stollberg kommen gerade bei schönem Wetter auch viele Wanderer, Jogger und Radler vorbei. Laut den Jägern besteht für diese aber keine Gefahr.

Foto: Privat

Jagd auf Wildschweine erschreckt Bürger

Geschossen wird auch an Wanderwegen

Stollberg. Darja Jattke hat Angst. Weniger um sich selbst, sondern um die Jogger, Radfahrer und Wanderer. "Gerade am Waldfrieden hinauf zu uns ist es derzeit aus meiner Sicht nicht ungefährlich", schätzt die Mitarbeiterin vom Stollberger Tierheim die Lage ein. "Zumal hin und wieder auch mal jemand im Feld steht und sich einen Maiskolben mitnimmt."

Denn dort oben auf den riesigen Maisfeldern fahren nicht nur die Erntemaschinen, sondern es hat sich auch ein halbes Dutzend bewaffneter Jäger von der Jagdgenossenschaft Stollberg postiert. Sie schießen auf alles, was grunzt, vier Beine hat und Borsten dazu. Jattke: "Das ist ja generell auch kein Problem. Doch das findet in unmittelbarer Nähe zum oft benutzten Wanderweg statt. Und nirgends steht ein Schild. Ich habe zudem schon ein halbes Dutzend besorgter Anrufe von Anwohnern bekommen, was denn da oben los ist. Ich selber habe schon Schüsse gehört, ohne zu wissen, worum es geht."

Am Donnerstag war Jattke vor Ort auf dem Feld und forderte eine Erklärung. Die bekam sie von einem Jäger der alten Schule. Der wollte seinen Namen nicht nennen, sagte aber: "Wir sind vom Pächter des Feldes beauftragt. Wir schießen nur etwa 30 Meter weiter und nie in Richtung Wanderweg, sondern davon weg. Es ist keine Treibjagd. Zudem nutzen wir Senken im Feld als natürlichen Kugelfang", so der Mann.

Wildschweine auf Vormarsch

Die Jagd selbst aber müsse sein, denn die Wildschweine würden sich sehr vermehren und großen Schaden auf den Feldern anrichten, so der Jäger weiter. Es gebe immer mehr angebauten Mais. "Das ist für Wildschweine wie in Schokolade baden." Im letzten Jahr hätten er und seine Kollegen an der Talsperre etwa 50 Schweine gesehen. Darunter waren 15 Bachen. "Die bekommen im Schnitt sechs Frischlinge. Das heißt, wir reden alleine in diesem Fall von 90 neuen Schweinen im Folgejahr", rechnet der erfahrene Jäger vor. In der Tat sind die Tiere auf dem Vormarsch - auch in Richtung Großstädte. Aber: Sachsen ist im Vergleich zur Hauptstadt Berlin - wo eine Plage beispielsweise schon normal zu sein scheint - noch gut dran, sagen Experten. Dresden liegt mit vier Tieren pro 100 Hektar zwar im oberen Niveau, Chemnitz und Leipzig mit einem Tier beziehungsweise zwei Tieren aber am Ende der Liste.

Feld Patrouille mit Waffen: Die Felder werden abgeerntet, die Verstecke für die Wildschweine immer kleiner. Irgendwann müssen die Tiere dann ins Schussfeld kommen.

Foto: Privat

In einem Bericht von "Freie Presse" vor etwa einem Jahr hatte ein Jäger vom Hegering Greifensteine erzählt, dass er 1978 einen Keiler geschossen habe, was einer Sensation gleichkam. Ein erfahrener Jäger habe ihm damals schon gesagt, dass erhebliche Probleme mit Wildschweinen zu erwarten seien. Er habe Recht behalten. Und Peter Schaarschmidt, Vorsitzender des Hegerings Greifensteine, sieht die Jäger deshalb in der Pflicht, gegen die Tiere vorzugehen. Gleichzeitig aber gebe es Grenzen. "Wildschweine sind nachtaktiv und nur jagdbar bei guter Sicht, bei Mondschein. Das sind nicht viele Tage im Monat", warnte der 48-Jährige schon vor einem Jahr.

Jäger erschießt Jäger in Maisfeld

Darja Jattke bleibt bei ihrer Forderung, dass die Jagdgenossenschaft zumindest in Wanderwegnähe Hinweistafeln aufstellen sollte. Die Argumente der Jäger überzeugen sie da nur bedingt. "All das können die Passanten, die ja keine Jäger sind, nicht ahnen. Aber wenn sie wissen, es wird in der Nähe geschossen, sind sie automatisch vorsichtiger."

Dass die Sorgen der Leute nicht unbegründet sind, beweist auch ein besonders tragischer Fall aus dem Jahr 2006. Damals wurde bei Walthersdorf südwestlich von Annaberg-Buchholz gar ein Jäger selbst erschossen - und das von einem anderen Jäger. Offenkundig wurde der damals 42-Jährige von seinem Kollegen in dem teilweise abgeernteten Maisfeld für ein Wildschwein gehalten.

 
erschienen am 06.10.2011 ( Von Jan Oechsner )
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 06.10.2011
    23:58 Uhr

    OttoMaier: Was heißt 2006? Jäger legen Jahr für Jahr unzählige Menschen um. Sie werden immer dreister und unberechenbarer. Übrigens sollten die Anwohner Anzeige nach dem BJagdG. stellen und durchdrücken. Auch im Sinne der Tiere, denn diese Art der Jagd ist pure Tierquälerei.
    BJagdG §20 (1) An Orten, an denen die Jagd nach den Umständen des einzelnen Falles die öffentliche Ruhe, Ordnung oder Sicherheit stören oder das Leben von Menschen gefährden würde, darf nicht gejagt werden.

    Und die Menschen sehen ja wohl ihre Ruhe und Sicherheit massiv gestört. Außerdem wird die persönliche Freiheit eingeschränkt sich ungehindert bewegen zu können.

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