Rollstuhlfahrer Horst Wehner (2. v. l.) sowie Ordnungsamtschef René Möckel (vorn) und Bürgermeister Thomas Weikert haben per Rollstuhl Fußwege, Straßenüberquerungen und die Erreichbarkeit von Einrichtungen getestet.

Foto: A. Tannert

Rollstuhlfahrer testet Erreichbarkeit von Einrichtungen in Lugau

Bereits kleiner Türstopper kann eine große Hürde sein

Lugau. Horst Wehner ist durchaus fit, auch wenn er im Rollstuhl sitzt. Die Pflastersteine rund ums Lugauer Rathaus machen es dem 60-Jährigen trotzdem schwer. Tiefe Fugen und unebenes Gelände sind nicht unbedingt rollstuhlfahrergeeignet. "Aber man kommt schon zurecht", sagt er. Der 2. Vizepräsident des Sächsischen Landtages (Linke) und zugleich Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK ist behindert, seit er als Einjähriger an Kinderlähmung erkrankte. Seit mehr als zehn Jahren sitzt er im Rollstuhl. In Lugau hat er auf Einladung von Bürgermeister Thomas Weikert (Linke) getestet, wie er in der Stadt zurechtkommt.

Wehners Fazit: Insgesamt sind die Fußwege und die Straßenüberquerungen gut befahrbar. Ein Lob geht ans Rathaus wegen dessen barrierefreien Untergeschosses mit öffentlich zugänglicher "klasse Rolli-Toilette" und der - zwar noch nicht ganz fertigen - Barrierefreiheit im Kulturzentrum Facius-Villa. Und, auch das finde er wichtig, die Menschen seien aufgeschlossen. Geschäftsinhaber kamen vor die Tür, wenn er nicht hineinkam.

Und doch gibt es Hindernisse. Manchmal sind es sogar ganz kleine Dinge, wie ein Türstopper im Boden vor dem Rathausnebeneingang, an dem der Rollstuhl hängen bleibt. Keinem zu Fuß würde das auffallen. Und darum bewegen sich auch Rathausmitarbeiter an diesem Nachmittag im Rollstuhl vorwärts, erleben die durchaus anstrengende Perspektive und Barrieren. Thomas Weikert gibt zu, dass ihm die gesamte Zeit im Rollstuhl bewusst war, wieder aussteigen zu können. "Aber jenen, die drin sitzen müssen, muss geholfen werden", so sein Fazit. Und Betroffene gibt es nicht wenige: Laut Harald Heinz vom Lugauer Betreuungsdienst wird die Zahl der im Erzgebirgskreis lebenden Rollstuhlfahrer auf 1300 geschätzt.

Nicht alle Hürden könne man abstellen, weil oft baulich nicht machbar, sagt selbst Wehner. Aber: Stufen vor Geschäften, wo durchaus auch parallel eine Rampe machbar wäre, nicht erreichbare oder zu hoch angebrachte Klingeln (Wohnungsbaugesellschaft beziehungsweise Rathaus), zu weit oben hängende Papierhandtuchbehälter und eine zu hohe Rückenstütze (Behindertentoilette der Bibliothek) - das sei abstellbar. Ein regelrechtes Unding: Der Treppenlift im Rathaus ist faktisch seit seiner Inbetriebnahme kaputt, die Baufirma pleite, Ersatzteile nicht mehr auftreibbar. Wehner: "Hier muss was passieren."

Welche Konsequenzen sieht die Stadt, wo gibt es Abhilfe?

Einige Kritikpunkte können sofort, andere relativ bald geändert werden, manche nur schwer. Lugaus Bürgermeister Thomas Weikert sagt, was passieren soll.

Defekter Treppenlift im Rathaus: Dem will man ernsthaft nachgehen. Die Firma Reha Aktiv 2000 hat Hilfe angeboten, die wird angenommen.

Nichterreichbarkeit der Wohnungsgesellschaft (Stufen vor der Klingel): Hier wird gemeinsam mit der städtischen Gesellschaft nach einer Lösung gesucht, der Platz gibt dies offenbar her. Generell will die Stadt als Vermieter verstärkt den Anspruch erfüllen, auf Belange Behinderter einzugehen. Dazu gehört auch der barrierefreie Ausbau von Wohnungen.

Zu kurze Grünphase an Ampel zwischen ehemaliger Sparkasse und Wohnungsgesellschaft: Problem wird mit zuständiger Behörde geklärt.

Zu hohe Klingel/störender Türstopper am Rathausnebeneingang: Behebung könnte an praktikabler Lösung scheitern, aber wird geprüft.

Zu hoch angebrachter Handtuchbehälter im Behinderten-WC der Bibliothek: wird nach Auskunft von Bauamtsleiter Jan Jacob umgehend geändert.

Generell sollen bei zukünftigen städtischen Bauvorhaben verstärkt Behindertenvertreter einbezogen werden und die Pläne aus ihrer Sicht nach Barrieren abchecken. (vh)

 
erschienen am 30.05.2012 ( Von Viola gerhard )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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